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Minderjährig im Flüchtlingscamp - Kind sein zwischen Containern

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Mehr als die Hälfte der weltweit 68,5 Millionen Flüchtlinge ist minderjährig. Wie ergeht es denen, die es nach Europa schaffen? Ein Anruf in einem griechischen Flüchtlingscamp.

Kinder und Jugendliche in einem griechischen Flüchtlingscamp
Zwei Kinder im Flüchtlingscamp Ritsona.
Quelle: Maro Verli

Unbeschwert mit Freunden spielen, in die Schule gehen. Das erste Praktikum machen, über die Zukunft nachdenken, Entscheidungen fürs Leben treffen. Für Millionen Kinder und Jugendliche in Europa sind das ganz normale, fast schon banale Erfahrungen. Doch es gibt auch Zigtausende Minderjährige, denen diese Privilegien fremd sind.

Kindheit im Flüchtlingscamp

Valentina Giudizio arbeitet mit einigen von ihnen zusammen. Die Italienerin ist Projektkoordinatorin der Organisation Lighthouse Relief, die sich um geflüchtete Kinder und Jugendliche kümmert. Seit Oktober 2017 arbeitet Giudizio im Flüchtlingscamp Ritsona, in Griechenland, 90 Auto-Minuten nördlich von Athen. Dort hilft sie minderjährigen Flüchtlingen dabei, so etwas wie eine Kindheit zu haben - und versucht, Jugendlichen angesichts ihrer ungewissen Zukunft Ängste und Sorgen zu nehmen.

Karte: Ritsona Flüchtlingscamp in Griechenland
Quelle: ZDF

Ritsona ist dabei so etwas wie ein Vorbild unter den Flüchtlingscamps. Die meisten Familien haben hier private Container mit einem eigenen Bad. Für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gibt es eine separate Sicherheitszone. Unterkunft, Gesundheitsvorsorge, Bildung - all das ist in Grundzügen gewährleistet.

"Ritsona ist etwas anders als die Hotspots auf den Inseln und andere Camps auf dem Festland", sagt Giudizio. "Die griechische Regierung versucht hier, etwas Langfristiges zu entwickeln." Auch Clara Marshall, Sprecherin bei Lighthouse Relief, betont: "Das ist so ziemlich das Optimum." Aber, fügt Marshall hinzu, "es ist immer noch weit von einem Umfeld entfernt, in dem Kinder aufblühen."

Kinder und Jugendliche in einem griechischen Flüchtlingscamp
Gemeinsam spielen und Freunde finden: Der kinderfreundliche Raum soll das in Ritsona ermöglichen.
Quelle: Nick Powell

heute.de: Wie sieht ein ganz normaler Tag in Ritsona aus?

Valentina Giudizio, Field Manager Lighthouse Relief
Valentina Giudizio.
Quelle: Edward Grattan

Valentina Giudizio: Jeder Tag ähnelt ein bisschen dem anderen. Jeder weiß, dass die Kinder nach der Schule, zwischen 14 und 16 Uhr, zu uns in den kinderfreundlichen Raum kommen können. Da kann jeder kommen und gehen, wie er oder sie will. Für Jugendliche sind wir von 12:30 Uhr bis 18:30 Uhr da. Aber spätestens danach ist jeder Tag wie der andere. Die nächste Stadt, Chalkida, ist 20 Auto-Minuten entfernt. Dorthin kommt man nicht umsonst. Also wartet man. Man kann gar nichts anderes machen - nur warten. Und das an einem Ort, der nicht unbedingt einladend ist. Nachdem man so viel durchgemacht hat.

heute.de: Die Schule als beste Möglichkeit, aus dem Camp herauszukommen - wie sieht da der Alltag aus?

Giudizio: Wenn im September wieder die Schule startet, gehen alle Kinder, die geimpft sind, auf eine griechische Schule. Nachmittags bekommen die Kinder zudem Sprachunterricht, dafür hat der griechische Bildungsminister gesorgt. Jetzt, in den Ferien, überbrücken Organisationen wie Unicef die Wartezeit mit Griechisch-, Mathe- und Englisch-Klassen. Das ist sehr wichtig für die Kinder, auch um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen und anzupassen - und sich vielleicht sogar in die griechische Gesellschaft zu integrieren.

heute.de: Fällt den Kindern das leicht?

Giudizio: Nicht alle Kinder, die nächstes Jahr hier in die Schule gehen, werden in Griechenland bleiben. Manche warten vielleicht nur noch auf die Papiere, um zu ihren Familien nach Deutschland oder Belgien zu können. Das geht so schnell! Am Mittwoch gehen sie noch hier in die Schule, am Donnerstag sind sie schon in einem anderen Land, mit einem neuen System, einer neuen Sprache. Das ist sehr, sehr anstrengend.

Und gerade bei kleineren Kindern dürfen wir nicht vergessen: Da sind Jungen und Mädchen ihrer Heimat entrissen worden, und jetzt sollen sie plötzlich in einem fremden Land in eine Schule gehen, in der eine Sprache gesprochen wird, die sie nicht verstehen - mit einem Schulbus, der sie morgens von ihren Eltern wegbringt, die sie nicht begleiten können. Das kann für viele Kinder traumatisch sein.

KYouth Engagement Space, Ritsona Refugee Camp
Kreativ sein, sich ausdrücken, seine Gefühle verstehen - für viele junge Flüchtlinge eine Herausforderung, der sie sich stellen müssen.
Quelle: Maro Verli

Zwischen Traumata, Langeweile und ungewisser Zukunft

Giudizio sagt, die traumatischen Erfahrungen im Heimatland und auf der Flucht gehörten zu den größten Herausforderungen im Camp. Auch Kinder, die noch zu jung seien, um sich aktiv zu erinnern, seien betroffen, ergänzt Marshall, die Sprecherhin der Organisation. "Die Eltern geben ihr Trauma oft weiter", sagt Marshall. "Selbst wenn die Kinder keinen Krieg erlebt haben - sie leben in Familien, die eine extrem herausfordernde Zeit durchgemacht haben und aus ihrer Heimat vertrieben worden sind." Seine eigenen Gefühle zu verstehen und auszudrücken, sei gerade für Kinder manchmal sehr schwierig, sagt Giudizio.

Vor noch einmal ganz anderen Herausforderungen stünden Jugendliche und junge Erwachsene, sagt Giudizio. Viele hätten Familienmitglieder und gute Freunde zurückgelassen oder verloren. Das Warten, die Langeweile - all das führe oft zu negativen Gedanken. "Du bist 20, vielleicht 25 Jahre alt, denkst über Arbeit und Möglichkeiten nach - und hinterfragst plötzlich dein ganzes Leben", sagt Giudizio.

Kinder und Jugendliche in einem griechischen Flüchtlingscamp
Das Jugendzentrum in Ritsona - von den Jugendlichen mit aufgebaut und gestaltet.
Quelle: Maro Verli

heute.de: Wie können Hilfsorganisationen die Kinder und Jugendlichen bei diesen Problemen unterstützen?

Giudizio: Ein wichtiger Punkt ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. Vor allem haben wir aber im Camp den kinderfreundlichen Raum geschaffen, der den Kindern oft die erste Möglichkeit bietet, Freunde zu finden oder zu lernen, wie man überhaupt spielt. Wir wollen, dass sich alle dort sicher fühlen und einen Raum haben, in dem sie sich ausdrücken können und eine Pause vom Alltag im Camp bekommen. Auch um zu lernen, sich selbst auszudrücken und zu reflektieren.

In unserem Jugendzentrum geht es vor allem darum, die jungen Erwachsenen zu unterstützen. Wir wollen sie unterstützen und einen positiven Ort schaffen, an dem man gerne Dinge bespricht, an dem man schlechte Gefühle, Gedanken und Erinnerungen abladen kann.

Fragen und Antworten zu diesem Beitrag:

Zahlen und Fakten zu Flüchtlingen im Video:

68,5 Millionen Menschen sind durch Konflikte, Kriege und Verfolgung weltweit auf der Flucht. 53 Prozent von ihnen sind Kinder unter 18 Jahren. Sowohl in Deutschland als auch weltweit bleibt Syrien das Herkunftsland mit den meisten Flüchtlingen.

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