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Schwarz-Grün: Ohne Wunder geht es nicht

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Diskussion beim Kirchentag - Schwarz-Grün: Ohne Wunder geht es nicht

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Schwarz und Grüne fast gleich auf, das hat Folgen. Lange waren sich die beiden Parteien überhaupt nicht grün, jetzt tastet man sich ab. Der Glaube an Wunder könnte dabei helfen.

Deutscher Evangelischer Kirchentag
Zuhörer beim Deutschen Evangelischer Kirchentag
Quelle: dpa

Muss man es richtig finden, dass die Parteien voll auf Klima setzen? Volle Unterstützung für Fridays for Future? Wer die Fragen mit Ja beantwortet, wählt nicht automisch grün. Oder andersherum: Wer die Priorisierung des Klimathemas kritisiert, ist nicht immer für die Union. Oder die AfD. Der Kirchentag versucht, beide Seiten zu hören. Es ärgere ihn "maßlos", sagt Kirchentagspräsident Hans Leyendecker, wenn die ganze Veranstaltung in die "Schublade links" gesteckt werde. Was ist eigentlich konservativ?

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Winfried Kretschmann (Grüne), sein Kollegen aus Baden-Württemberg, haben darüber heute diskutiert. Oder es versucht. Denn so weit liegen die beiden inhaltlich gar nicht mehr auseinander. Die Kluft öffnet sich eher zu den Kirchentagsbesuchern.

Etwas grün der Schwarze, etwas schwarz der Grüne

Die ganz großen Kämpfe, so scheint es, gibt es nicht mehr. CSU-Politiker Söder macht vieles, um auch etwas grün zu sein. Das Volksbegehren zu mehr Artenschutz in Bayern wird Gesetz. In der Flüchtlingspolitik gebe es doch gar nichts mehr zu kritisieren, Bayern habe das "nicht so schlecht gemacht", findet er heute. Und mittlerweile ist auch Söder dafür, schneller aus der Kohle auszusteigen, nicht erst 2038. Überhaupt die Klimapolitik und Fridays for Future. Das seien "Impulse", die man aufnehmen müsse, sagt Söder. "Die Kunst wird sein, dass Klimaschutz nicht nur Projekt der Eliten wird und in wirtschaftlich guten Zeiten funktioniert."

Und Kretschmann? Ist schon lange ziemlich konservativ. Er selbst glaubt, das könne am Alter liegen. Als Feindbilder von CSU-Wählern taugt er jedenfalls nicht mehr, was auch an seiner Koalition mit der CDU seit 2016 in Stuttgart liegt. Trotzdem will er jeden Verdacht zerstreuen, die Grünen wollten alles, was Spaß macht, madig machen.

Da habe ich michmit Fridays for Future gleich in der Wolle.
Winfried Kretschmann

Natürlich, sagt Kretschmann, könne man nur "befürworten", wenn Menschen weniger Fleisch essen. Aber, "und da habe ich mich mit Fridays for Future gleich in der Wolle", müsse ja jetzt nicht jeder Veganer werden. Das zu verlangen, "das werde ich nicht machen". Und die Viel-Fliegerei? Die moralische Bewertung, sagt Kretschmann, sei nicht Aufgabe der Politik. Sie müsse viel mehr dafür sorgen, dass Flugbenzin zum Beispiel aus regenerativen Energien gewonnen wird.

Vorwurf an Klimaschützer: Panikmache

Moralische Ausgrenzung ist schädlich für die Demokratie.
Andreas Rödder

Also alles schmusig und für jeden etwas dabei? Nicht ganz. Es ist Andreas Rödder, der Salz in den Eintopf kippt. Der Historiker lehrt an der Universität Mainz, er ist CDU-Mitglied und wäre wahrscheinlich Kultusminister in Rheinland-Pfalz geworden, hätte Julia Klöckner 2016 die Wahl gewonnen. "Klimaabsolutisten" nennt Rödder die Demonstranten für eine bessere Klimapolitik. Was, fragt er, "wird in diesem Land los sein, wenn alles umgesetzt wird, was bei Fridays for Future gefordert wird?" Er erkennt eine "moralisierende Ausgrenzung" der Kritiker. Die Klimaretter oder auch der CDU-Kritiker Rezo würden einen "moralischen Absolutheitsanspruch" vertreten, der für Andersdenkende kaum noch Raum ließe. Und das sei "schädlich für die Demokratie", sagt Rödder.

Bis Januar habe niemand in diesem Land intensiv über Klimapolitik diskutiert, kritisiert Rödder. Plötzlich reden alle darüber. Wäre es da nicht richtig, "einen Schritt zurückzugehen" statt vorschneller Aktionismus? Klimaexperten wie Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdamer Institut für Klimafolgeforschung wirft er "blanke Panikmache" vor. Rödder zieht einen Vergleich zu den 80er Jahren: damals hieß es, der sauere Regen zerstört den Wald. Der stehe aber immer noch prächtig da. "Waren jetzt die Prognosen falsch oder die Maßnahmen richtig?"

"Andere Mittel als die Demokratie habe ich nicht"

Die Kirchentagsbesucher hat er damit nicht auf seiner Seite. Heißt das nun: Die Konservativen warten ab, bis sich rote oder grüne Politik langfristig als richtig erweist? Warum soll man Konservative dann noch wählen, war eine Bemerkung aus dem Publikum. Natürlich, sagt auch Kretschmann, würden die Klimademonstranten einen "moralischen Impuls" der Politik geben: "Was denn sonst?" Jede Nacht raube es ihm den Schlaf, sagt Kretschmann, wie man das Tempo in der Klimapolitik erhöhen könne. "Andere Mittel als die Demokratie habe ich nun einmal nicht." Klar sei aber auch: Ohne wirtschaftlichen Erfolg werde sich grüne Politik nicht durchsetzen, ist er überzeugt.

Aber schließlich spricht Kretschmann auf dem Kirchentag. Da darf er daran erinnern, dass Christen von der Zuversicht leben, dass etwas gelingen kann. Sonst, sagt Kretschmann, wäre die Mauer nie gefallen und das umweltschädliche FCKW-Gas nie verschwunden. An diesen Wundern müsse man aber arbeiten, von nichts kommt nichts. "In tätigem Handeln können wir Wunder bewirken", sagt Kretschmann. Wenn man diese Hoffnung nicht habe, "dann können wir unseren Glauben gleich daheim im Schrank lassen".

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