Sie sind hier:

SOKO Tierschutz filmt in Ungarn - So qualvoll ist der Weg der Mast-Puten

Datum:

Sie sollen von Ungarn nach Deutschland gebracht werden: Was Puten, die in einem deutschen Betrieb geschlachtet werden, zuvor erleiden müssen, zeigen Aufnahmen der SOKO Tierschutz.

Die SOKO Tierschutz Verein hat einen neuen Skandal aufgedeckt: Bei einem Mastbetrieb in Ungarn werden Tiere brutal misshandelt - und dann nach Deutschland zum Schlachten transportiert.

Beitragslänge:
3 min
Datum:

Friedrich Mülln liegt irgendwo in Ungarn im Gebüsch. Er ist gut getarnt, trägt Camouflage und hat das Gesicht verhüllt. Er darf auf keinen Fall entdeckt werden. Denn das, was er da gerade mit seiner Kamera filmt, soll eigentlich niemand sehen. Der Tierschützer von der SOKO Tierschutz ist gerade dabei, wieder einen Skandal aufzudecken.

Er sieht, wie brutal ein ungarischer Zulieferbetrieb Puten behandelt, die in Deutschland geschlachtet werden sollen. Die Tiere werden geschlagen, getreten und mit Gewalt in den Viehtransporter geschleudert. "Als ich da im Gebüsch lag und sah, wie auf die Tiere eingeschlagen und sie aus einem Meter Entfernung in den Transporter geschmettert werden", sagt Mülln, "dann fühlt man sich ohnmächtig und kann nichts machen, sonst ist man selbst der Nächste, der geschlagen wird."

Puten werden nach Bayern geliefert

Die Puten sollen nach Bayern transportiert werden. Genauer gesagt nach Ampfing. Dort sitzt der Putenschlachthof Süddeutsche Truthahn AG. Die Putenfarm in Ungarn ist einer der Zulieferbetriebe, dort sind die brutalen Bilder entstanden. "2014 hat SOKO Tierschutz eigentlich das ganze Potpourri des Grauens dieser Firma dokumentiert: also unglaubliche Brutalität in den Mastbetrieben. Da wurden Tiere lebendig in den Müll geworfen, da wurden Truthähne mit Knüppeln niedergeschlagen, Tiere sogar bei lebendigem Leib geschächtet", sagt Mülln. "Das passierte damals auch in Bayern und auch in Baden-Württemberg – von uns dokumentiert. Diese Aufnahmen jetzt aus Ungarn zeigen: Die Firma hat nichts dazu gelernt."

Kranke Pute im Stall
Archivaufnahmen von 2014.
Quelle: SOKO Tierschutz e.V.

Jetzt hat die SOKO Tierschutz also erneut die zum Teil grausame Arbeitsweise des Zulieferers dokumentiert. Mülln selbst bezeichnet das sogenannte "Ausstallen" der Tiere - also das Verladen in den Transporter - als "Sollbruchstelle": "Hier kommt es sehr oft zu Tierquälerei", erklärt der Tierschützer. "Die Arbeit ist für den Menschen belastend, die Tiere wehren sich ja auch. Das ist ein ekliger Job und das führt dazu, dass die Tiere eklig behandelt werden."

"Das System bedingt die Probleme"

Nach dem Ausstallen geht es für die Tiere über sieben Stunden lang nach Deutschland. Der Empfänger der Tiere - die Süddeutsche Truthahn AG - gehört zu den größten Putenschlachthöfen in Deutschland. "Bei diesem Betrieb wird gerne mit Regionalität geworben: In Wirklichkeit hat er inzwischen ein riesiges Netzwerk geschaffen von Zulieferbetrieben – ungefähr 700 Betriebe, die meisten davon in Süddeutschland und in Österreich, aber eben inzwischen auch in Ungarn und Tschechien. Das hat einen Grund: Da kann man noch billiger produzieren, da kann man das noch mehr zum Limit treiben", sagt Friedrich Mülln von der SOKO Tierschutz.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr in Deutschland mehr als 35 Millionen Puten geschlachtet. Allein bei der Süddeutsche Truthahn AG sind es täglich rund 20.000 Tiere. Die Kunden: Gastronomische Betriebe und Metzgereien sowie bekannte Supermarktketten und Discounter in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Grafik Geschlachtetes Geflügel in Deutschland

Diese Masse an Tieren erklärt zumindest in Teilen auch das brutale Vorgehen der Zulieferer. "Es geht kaum besser, das System bedingt die Probleme", sagt Mülln. "Wenn man Tiere in solcher Masse in kürzester Zeit verladen will, richtet man Tierleid an, dafür sind auch Menschen nicht gemacht."

Politik will der Sache nachgehen

Konfrontiert mit der Tierquälerei im ungarischen Mastbetrieb, antwortet die Süddeutsche Truthahn AG: "Sowohl die Kontrolle durch die Veterinärbehörde vor dem Verladen vor Ort in Ungarn als auch die Kontrolle durch die deutschen Veterinärbehörden nach der Ankunft am Schlachtbetrieb und die Fleischbeschau waren unauffällig."

Doch es scheint fast unmöglich, dass die Tiere nach einer solchen Behandlung gesund und wohlbehalten ankommen. 

Putenfarm
Putenfarm (Archivbild, 2014)
Quelle: SOKO Tierschutz e.V.

Auch das bayerische Umweltministerium hat die Bilder vom qualvollen Verladen der Puten in Ungarn gesehen und will der Sache nachgehen. "Wir haben nach Bekanntwerden der Vorwürfe die beteiligten Behörden gebeten, den Sachverhalt aufzuklären – das ist einmal rückwirkend und einmal in die Zukunft. Natürlich werden wir auch Kontrollen durchführen", sagt Gerhard Zellner, der Leiter der Abteilung Gesundheitlicher Verbraucherschutz, Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen im Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz.

So viele Puten wurden 2018 in Deutschland geschlachtet

Die SPD im bayerischen Landtag fordert darüber hinaus für die Verbraucher eine neue Fleischkennzeichnungspflicht auf Bundes- und EU-Ebene. "Wir brauchen ein verpflichtendes staatliches Tierwohl-Label, wo genau drauf steht: von der Geburt des Tieres bis zur Schlachtung, wie das Tier gehalten worden ist, unter welchen Umständen, ob es Ausgang nach draußen hatte, usw. Mit der ganzen Freiwilligkeit, die Frau Klöckner zum Beispiel vertritt, kommen wir überhaupt nicht weiter. Das zeigen die Tierschutzskandale der letzten Zeit", meint Florian von Brunn, verbraucherschutzpolitischer Sprecher der SPD im Bayerischen Landtag.

"Das ist eine massive Doppelmoral"

Und was ist mit den Verbrauchern? Bei denen sieht Friedrich Mülln von der SOKO Tierschutz "eine massive Doppelmoral". Sehr viele empören sich, die wenigsten allerdings ziehen Konsequenzen. "Wenn die Empörung genauso wäre wie der Verkauf der Produkte, dann gäbe es keine Massentierhaltung mehr", sagt Mülln. Die Zahlen sprechen allerdings eine deutlich andere Sprache. Egal ob Rinder, Schweine oder Hühner: In den letzten Jahrzehnten heißt die Entwicklung: deutlich mehr Tiere pro Betrieb.

Entwicklung der Nutztierhaltung in Deutschland

Mülln ist sich sicher, dass seine Enthüllung erneut für reichlich Empörung sorgen wird. "Wir halten Leuten den Spiegel vor und wenn Leute sich echauffieren, dann sagen wir: Sie sollen in den eigenen Spiegel schauen und sehen, wer der eigentliche Auftraggeber der Schweinereien ist."

Erst vor wenigen Wochen Skandal im Allgäu gezeigt

Zuletzt sorgte die SOKO Tierschutz bereits mit einem Fall aus Bad Grönenbach für Aufsehen. Die Aufnahmen der Tierschutzorganisation zeigen, wie Kühe in einem Milchviehbetrieb misshandelt werden. Die Tiere werden aufgehängt, getreten, geschlagen und gestochen. In einer Kuh wird das Kalb stecken gelassen - beide Tiere sterben.

Kühe mit Eisenstangen geprügelt, unter furchtbaren Bedingungen gehalten: Ein Skandal erschüttert das Allgäu. Politik und Bürger fordern Maßnahmen.

Beitragslänge:
2 min
Datum:


Süddeutsche Truthahn AG lässt Zusammenarbeit ruhen

Im aktuellen Fall hat die Süddeutsche Truthahn AG auf Grund des öffentlichen Drucks verkündet, dass sie die Zusammenarbeit mit der ungarischen Putenfarm vorerst ruhen lassen wolle - ähnlich wie beim Putenskandal mit bayerischen Zulieferbetrieben im Jahr 2014. Damals wurde nach fünf Monaten Pause die Zusammenarbeit mit den Mastbetrieben wieder aufgenommen.

Für Friedrich Mülln und das Team der SOKO Tierschutz ist die Arbeit damit noch lange nicht beendet. Wenngleich der Tierschützer optimistisch in die Zukunft blickt: "Das Big Picture sagt mir, dass es diese Art der Tierquälerei in 20 Jahren nicht mehr geben wird und das erlebe ich noch, hoffe ich."

Jutta Sonnewald ist Redakteurin und Reporterin im ZDF-Landesstudio Bayern.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.