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Vor der WM in Russland - Merkels Fußball-Problem

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Sollen deutsche Spitzenpolitiker die Fußball-WM in Russland besuchen oder boykottieren? Das politische Berlin steht vor einem Dilemma.

Während die deutsche Politik noch ihre Haltung zur Fußball-WM sucht, geht Russland in Deutschland in die Offensive. WM-Chef Organisator Sorokin präsentiert das Konzept für die Fußball-WM 2018 in Russland.

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Auch Politiker wollen Weltmeister sein. Oder wenigstens so nah dran an den echten Weltmeistern, dass sie ein wenig mitleuchten im Glanz des Pokals. Als ein "tolles Erlebnis" bezeichnet die Kanzlerin ihre Reise zum WM-Endspiel in Brasilien. Beim entscheidenden 1:0 gegen Argentinien sprangen Merkel und der damalige Bundespräsident Joachim Gauck von ihren Sitzen im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro. Dann haben sie aufgekratzt in den Mannschaftsräumen mit den Nationalspielern "gesungen, gefeiert und Fotos gemacht", wie Teammanager Oliver Bierhoff berichtet: "Da wurden alle Protokollarien über den Haufen geschmissen."

Am 14. Juni beginnt die Fußball-WM in Russland und eines ist bereits klar: So unbeschwert wie in Brasilien werden die Spitzen des deutschen Staates nicht wieder durch Umkleidekabinen hüpfen. Für die Kanzlerin ist die Weltmeisterschaft ein Politikum. Die Frage, ob sie nach Russland fährt, beantwortet ein Regierungssprecher so vage wie möglich: "Solche Entscheidungen werden immer zeitnah getroffen". Auch im Büro von Bundespräsident Steinmeier gibt man sich zugeknöpft: "Es gibt derzeit keine konkreten Planungen für eine weitere Reise des Bundespräsidenten nach Russland."

Sport und Politik hier nicht getrennt

Sport ist Sport und Politik ist Politik - das ist normalerweise die Haltung der deutschen Diplomatie. Für Russland gilt sie nicht. Bereits die Olympischen Spiele in Sotschi 2014 hatten Deutschlands oberste Politiker ignoriert - eine Entscheidung die in Russland als Arroganz ausgelegt wurde. Inzwischen ist das politische Klima noch weiter abgekühlt. Der Fall Skripal, die gegenseitige Ausweisung von Diplomaten, die Kriege in der Ukraine und in Syrien: Schwer vorstellbar, dass sich westliche Staatschefs in dieser Krise vergnügt auf Putins Tribüne zeigen.

"Fußball spielt außerhalb der Politik", sagt Alexej Sorokin, der Cheforganisator der WM und kritisiert im ZDF die Überlegungen, das Turnier zu boykottieren: "Es ist natürlich bedauerlich, dass es einige Politiker gibt, einige politische Mandatsträger, die dieses grundlegende Prinzip des Fußballs missachten." Zur Weltmeisterschaft seien alle eingeladen, "egal wo sie herkommen, egal welchen Berufen sie nachgehen". Die Ticketverkäufe entwickelten sich sehr positiv, sagt Sorokin: "Mit Freude stellen wir fest, dass Deutschland bereits unter den Top fünf der Ticketkäufer ist."

Was erwartet die Fans in Russland? Wie ist der Stand in Sachen Sicherheit und wie wird die Endrunde durch das aktuell schwierige Verhältnis zum Westen beeinflusst?

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Diplomatischer Gewinn fragwürdig

Dass die Bundesregierung der WM fernbleiben soll, fordert der Osteuropa-Experte der Grünen, Manuel Sarrazin. "Nur der Sportminister sollte hinfahren, denn die WM in Russland ist keine WM wie jede andere." Einfache Abgeordnete sollten ihre Reise mit Aktionen für die Zivilgesellschaft verbinden, empfiehlt Sarrazin, zum Beispiel mit einem Besuch bei politischen Gefangenen. Aus der AfD und der Linkspartei werden gegenteilige Forderungen laut. SPD und CDU/CSU sind in der Frage gespalten.

Die Regierung befinde sich in einem klassischen Dilemma, sagt Jan Techau, der das Europaprogramm des German Marshall Fund leitet: "Hier kann man sehr gut beide Positionen einnehmen." Auf der einen Seite sei von Russland ein politisches Spektakel gewollt: "Das sind auch Propagandaspiele." Andererseits sei fragwürdig, ob der Westen mit einem Boykott einen diplomatischen Gewinn erzielen könne, "außer dass man sich selbst moralisch besser fühlt".

Während sich die Staatsoberhäupter von Großbritannien oder Polen bereits für das Fernbleiben entschieden haben, wartet die Bundesregierung noch ab. "Es hängt sehr stark von der Entwicklung der nächsten Tage und Wochen ab", sagt der Ex-Russlandbeauftragte Gernot Erler dem ZDF. Der Eskalationsprozess zwischen Russland und dem Westen sei mittlerweile so gefährlich, dass sich alle Beteiligten überlegen müssten, wie man ihn wieder stoppen könne: "In Russland spricht man schon davon, dass wir zwar noch nicht in einem Kriegszustand sind, aber dass es sich so ähnlich anfühlt wie die Kuba-Krise von 1962."

"Ja, es stimmt: Die aktuelle politische Situation ist eine besondere", sagt WM-Chef Sorokin. Er stelle aber fest, dass die Boykott-Diskussion im Sand verlaufe. Da ist ein bisschen Wunschdenken dabei, denn die politische Großwetterlage wird eher stürmischer. In den zwei Monaten bis zur Weltmeisterschaft kann noch viel passieren. Es ist ja wahr: Fußball spielt außerhalb der Politik. Aber die Politik spielt womöglich nicht mit.

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