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Drohender Austritt ohne Deal - Chaos-Brexit: Wirtschaft in Sorge

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Raus aus der EU, notfalls ohne Deal - das will Großbritanniens Premier Johnson. Bei deutschen und britischen Unternehmen wächst die Sorge vor einem Chaos-Brexit.

Lkw am Hafen von Dover
Bei einem ungeregeltem Brexit droht Chaos: Hafen von Dover
Quelle: dpa

Weder Großbritannien noch die EU seien ausreichend für einen ungeregelten Brexit gerüstet - davor warnt der britische Industrieverband CBI. "Unklare Empfehlungen, Zeitpläne, Kosten und die Komplexität" des Brexits behinderten die Vorbereitungen vieler britischer Firmen auf einen möglichen No Deal. Zwar hätten viele größere Unternehmen entsprechende Pläne - etwa im Finanzwesen, doch seien kleinere Firmen weniger gut vorbereitet, so der Verband, der mindestens 50 Wirtschaftsvereinigungen und Tausende Unternehmer befragt hatte.

Zu den No-Deal-Vorbereitungen der EU hieß es: "Die EU bleibt noch hinter Großbritannien in den Bemühungen zurück, die schlimmsten Effekte eines No-Deal-Szenarios zu verhindern." Eine Sprecherin der EU-Kommission entgegnete: Die EU sei nicht dafür verantwortlich, britische Unternehmen vor den Folgen eines ungeregelten Brexits zu schützen. "Unsere Vorbereitungen auf einen No Deal schützen die EU und unsere Interessen."

Handel schrumpft bereits

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hält wegen der Brexit-Unsicherheit einen Einbruch der deutschen Exporte nach Großbritannien für möglich. "Ein No-Deal-Szenario wäre die schlechteste Option", sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Belastend wären vor allem hohe Zölle. "Großbritannien hat als Handelspartner für die deutschen Unternehmen bereits deutlich an Bedeutung verloren." Der DIHK hält im Gesamtjahr einen Rückgang der deutschen Exporte nach Großbritannien von bis zu zehn Prozent für möglich. Von Januar bis Mai hatten deutsche Firmen Waren im Wert von rund 35 Milliarden Euro nach Großbritannien geliefert - das waren 2,4 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Importe aus Großbritannien sanken noch deutlich stärker.

"Die Unsicherheit der Unternehmen ist größer geworden", berichtete Ulrich Hoppe von der deutsch-britischen Industrie- und Handelskammer (IHK) in London. "Es kommen jetzt vermehrt Anfragen von deutschen Unternehmen." Konkret rechnen Experten bei einem EU-Austritt ohne Abkommen unter anderem mit langen Wartezeiten an Grenzen, Lieferengpässen etwa für Medikamente, Obst und Gemüse sowie Mangel an Lagerkapazitäten.

Wenn schon die Küche untergeht

Der Generaldirektor des Industrieverbands BusinessEurope kommentierte: "Niemand kann vollständig auf einen No-Deal-Brexit vorbereitet sein - und das ist der Grund, warum die Wirtschaft in der EU und im Vereinigten Königreich ganz entschieden dagegen ist." Notfallmaßnahmen könnten keinen Deal ersetzen, sondern nur negative Auswirkungen eines No Deals abschwächen.

Carolyn Fairbairn, Chefin des britischen Industrieverbandes, schrieb in der "Times": Es sei zwar nicht möglich, die Wirtschaft vor all dem Schaden zu schützen, den die "No-Deal"-Flut anrichten werde, Unternehmen könnten aber Sandsäcke aufschichten und sich "so gut wie möglich" schützen. Die für die EU-Verhandlungen beim Verband zuständige Nicole Sykes erklärte: Wenn schon die "Küche untergeht", lasse sich vielleicht wenigstens das "Schlafzimmer im oberen Stock" retten.

Wie Konsequenzen für Großbritannien aussehen könnten, sagte der Chef des französischen Peugeot-Herstellers PSA, Carlos Tavares. Er wolle zwar das Astra-Nachfolgemodell für die Konzernmarken Opel und Vauxhall in der Fabrik Ellesmere Port bauen, aber bei schlechten Rahmenbedingungen werde er es nicht machen, sagte Tavares der britschen Wirtschaftszeitung "Financial Times" vom Montag. "Wir haben eine Alternative für Ellesmere Port." Das Unternehmen müsse wissen, was im Oktober passiere, etwa bei den Zöllen, forderte Tavares.

Johnsons "Kriegskabinett"

Großbritanniens Premier Boris Johnson will sein Land am 31. Oktober aus der EU führen - notfalls auch ohne Deal. Er will das zwischen seiner Vorgängerin Theresa May und Brüssel vereinbarte Abkommen nachverhandeln. Das lehnt die Europäische Union aber strikt ab. Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon warnte am Montag Johnson davor, das ganze Land in eine "Katastrophe" zu treiben.

Johnson installierte eine sechsköpfige Gruppe von Konservativen, die sich auch um Vorkehrungen für den No-Deal-Fall kümmern soll. Dazu gehören - neben Johnson - unter anderem Finanzminister Sajid Javid, Außenminister Dominic Raab und Brexit-Minister Stephen Barclay. Britische Medien bezeichneten die Gruppe als "Kriegskabinett".

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