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Historiker Kowalczuk zur Wende - "Die Wunden der Menschen bluten noch"

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Im heute.de-Interview erklärt Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, was die sozialen Folgen bei der "Übernahme" des Ostens durch den Westen waren und wie wir diese heute noch spüren.

Archiv: Menschenmassen an und auf der Berliner Mauer, teils sitzend, teils stehend
Nach dem Mauerfall wurde das westdeutsche Wirtschaftssystem und die Kultur auf den Osten übertragen, ohne Verständnis für die Menschen und ihr Umfeld - eine soziale Katastrophe, sagt Historiker Kowalczuk.
Quelle: ZDF/pa/dpa-bildfunk

heute.de: In Ihrem neuen Essay "Die Übernahme - Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde" schreiben Sie von einer "sozialen Katastrophe" im Osten der Republik nach 1990. Ist das nicht stark übertrieben?

Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Bundesregierung hat damals auf eine radikale Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft gesetzt, wodurch Millionen von Ostdeutschen ihre Arbeit verloren. Da brach quasi über Nacht die Arbeitsgesellschaft der DDR in sich zusammen. Die Menschen verloren nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihre sozialen Beziehungen und kulturellen Positionen. Die bundesdeutsche Seite wusste nicht, dass die Arbeitsgesellschaft in der DDR neben Arbeit auch soziale und kulturelle Dimensionen wie Kinderbetreuung, Urlaubsplatzvergabe, Sport- und Kulturvereine und vieles andere mehr umfasste. Das fiel weg, für viele ein Phantomschmerz bis heute. Die Bundesrepublik, der sie freiwillig beigetreten waren, erlebten sie nun nicht von ihrer freiheitlichen Seite, sondern von einer Seite, die sie bislang nicht kannten.

heute.de: Von welcher Seite?

Kowalczuk: Der Staat trat ihnen gegenüber in Form von Arbeits- und Sozialämtern und Sozialgerichten. Es war für Millionen Ostdeutsche eine harte, konfrontative Ersterfahrung und die hat eine Identifikation mit dem neuen gesellschaftlichen System extrem erschwert. Das ist genau das Problem, mit dem wir uns bis heute rumschlagen. Diese Geschichte ist überhaupt nicht aufgearbeitet, und die Wunden der Menschen bluten noch.

heute.de: Aber die Menschen in Ostdeutschland haben seit dem Mauerfall bei weitem nicht nur Verluste verbuchen müssen …

Kowalczuk: … Es ist natürlich nicht alles düster und ich beschreibe auch die Erfolgsgeschichten, blühenden Landschaften, wirtschaftlichen Leuchttürme. Ich persönlich habe auch nur Gewinne durch den Mauerfall. Es gibt nichts, dem ich hinterhertrauere. Das Wichtigste: Ich habe Freiheit gewonnen, ich habe einen Rechtsstaat und die Demokratie gewonnen und Möglichkeiten, mich selbst zu verwirklichen. Aber mit dieser Selbsteinschätzung gehöre ich zu einer Minderheit in Ostdeutschland.

heute.de: Weshalb?

Kowalczuk: Naja, für viele Menschen ist Freiheit nicht das Nonplusultra, sondern nur ein Gewürz, ein Zugewinn zu vielen anderen Dingen. Dagegen wiegen sie ihre persönlichen Verluste auf, die eindeutig mit dem Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft der DDR zusammenhängen. Ich war zum Zeitpunkt des Mauerfalls Pförtner, stand am Rande der Gesellschaft. Ich konnte nichts verlieren, nur gewinnen. Aber die vielen Menschen, die fest verankert in der Mitte der Gesellschaft standen und dann auf einmal rausgespült wurden ins Abseits - und von dort nicht mehr zurückfanden -, die haben eine andere Sicht.

Kowalczuk: Wenn wir heute über Ost- und Westdeutsche sprechen, dann müssen wir uns bewusst machen, dass das eine reine Konstruktion ist. Es gibt nicht den Ostdeutschen und auch nicht den Westdeutschen. Das sind Machtkonstruktionen. Der Ostdeutsche ist gewissermaßen Anfang der 1990er-Jahre erfunden worden. Er war das Wesen, das sich anpassen muss. Das Wesen, dem man erstmal etwas beibringen muss. Der nun lernen muss. Dessen Studien- und Berufsabschlüsse vielfach nichts galten. Das ist für ganz viele Menschen eine konkrete Abwertungserfahrung gewesen.

heute.de: Weshalb ist das aus Ihrer Sicht geschehen?

Kowalczuk: Der Ostdeutsche ist erfunden worden, um die normative Macht des Westdeutschen zu legitimieren. Er musste ja begründen, weshalb er befugt ist, sein System eins zu eins auf den Osten zu übertragen und vom Ostdeutschen verlangen, sich anzupassen. Und noch heute erlebe ich viele Westdeutsche, die über Ostdeutschland sprechen, als wäre das ein fernes, weites Land, wo alles ganz anders ist. Es gibt noch immer diese tiefen Gräben, obwohl man auf eine gemeinsame Sprache, Kultur, Identität zurückblickt.

heute.de: Sie sprechen von Gräben, andere von tiefen Rissen zwischen Ost und West, die es zu überwinden gelte. Wie?

Kowalczuk: Ich bin kein Hellseher, ich denke nur, dass es höchste Zeit ist , echtes Verständnis füreinander zu schaffen. Die deutsche Wiedervereinigung ist im Westen ja nur als eine territoriale Erweiterung angekommen und als eine Geschichte, die viel Geld gekostet hat, sonst nichts. Die deutsche Einheit war aber ganz Vieles und am Allerwenigsten etwas, bei dem wir über Geld reden sollten. Wenn wir ernsthaft auch über die Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten reden, die im Zuge der deutschen Einheit entstanden, holen wir uns Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit in die Diskussion zurück - das wäre ein Anfang, um besser zu verstehen und die Gräben endlich langsam zuzuschütten. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, wie gleichberechtigte Partner miteinander zu sprechen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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