Wie uns klare Regeln durch lähmende Krisen helfen

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Gesellschaftlicher Umbruch - Wie uns klare Regeln durch lähmende Krisen helfen

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Im heute.de-Interview erklärt Soziologe Klaus Dörre, weshalb sich unsere Gesellschaft "dramatisch verändern" muss. Er sieht aber auch Chancen in der ökologisch-ökonomischen Krise.

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Nicht mehr Fliegen? Das Auto stehenlassen? Kein Plastik mehr? Lieber vegetarisch leben? Für viele sind das zu viele Entscheidungen angesichts der aktuellen Krisen.
Quelle: imago

heute.de: Egal, wann wir Nachrichten empfangen, ständig ist von Krisen die Rede, die unsere Gesellschaft bedrohen. Was macht das mit uns?

Klaus Dörre: Das lähmt viele natürlich ein bisschen. Apokalyptische Visionen führen dazu, dass wir Ohnmachtsgefühle entwickeln. Ein Kollege hat diese Woche hier in Jena gesagt, es wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns darauf einigen könnten, welche Krise eigentlich die wichtigste sei.

heute.de: Auf einer Konferenz zur Zukunft moderner Gesellschaften haben Sie und andere Teilnehmer in dieser Woche die These vertreten, dass wir gerade den Beginn einer "historisch neuartigen ökonomisch-ökologischen Zangenkrise" erleben. Was meinen Sie damit konkret?

Dörre: Das wichtigste Mittel für das Überwinden ökonomischer Krisen in marktwirtschaftlich-kapitalistischen Gesellschaften ist das Erzeugen von Wirtschaftswachstum. Bleibt Wachstum aus, nehmen Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ungleichheit zu. Kommt es dagegen zu Wachstum, steigen derzeit Ressourcen- und Energieverbrauch und klimaschädliche Emissionen und damit wachsen ökologische Großgefahren.

heute.de: Menschen in schwierigen Lebenslagen wird oft empfohlen, die Krise als Chance zu begreifen. Welchen Ausweg sehen Sie für moderne Gesellschaften aus der von Ihnen beschriebenen Krise? 

Dörre: Gesellschaften unseres Typs müssen sich dramatisch verändern, von den Produktionssystemen bis zur Lebensweise. Diese Erkenntnis ist in der Gesellschaft noch überhaupt nicht wirklich angekommen. Es gibt eine Kontroverse, wo wir ansetzen sollten. Beim Konsum etwa: Verzicht auf Fleisch, Autofahren, Fliegen? Oder muss man grundsätzlich die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern?

heute.de: Wie lautet Ihre Antwort?

Dörre: Man muss klare Akzente setzen. Ein Beispiel: Das Rauchen in öffentlichen Räumen gibt es deshalb nicht mehr, weil es eine klare Regel gibt, die besagt, dass Freiheiten eingeschränkt werden, die auf Kosten anderer gehen. Wir brauchen also Regeln, die einerseits negative Freiheiten einschränken, andererseits Individuen von Entscheidungszwängen befreien.

heute.de: Viele Menschen fürchten aber starke Einschnitte in ihre persönlichen Freiheiten.

Dörre: Selbstverständlich müssen wir diese Bedenken ernstnehmen, aber wir müssen ebenso die Grundlagen schaffen für eine Gesellschaft, die auch noch für kommende Generationen lebenswert ist.

Ein Beispiel: In der Lausitz hat eine konservierende Unternehmensinteressen-Politik dazu geführt, dass das Ende der Braunkohle immer weiter rausgeschoben worden ist. Das führt aber nur dazu, dass der ohnehin kommende Strukturwandel umso härter wird. Es wäre viel klüger gewesen, frühzeitig umzusteuern. Gleiches gilt für den Verkehrssektor. Wenn da die Politik nicht eingreift, wird Deutschland seine Klimaziele nicht erreichen.

Worauf verzichten? Die Auswahl ist groß

heute.de: Sie sagen, unsere Lebensweise und Ökonomie müssten sich "dramatisch verändern". Das verunsichert aber sehr viele Menschen.

Dörre: Ja, das gilt vor allem für den östlichen Teil der Republik. Dort gibt es vielfach das Empfinden: Wir haben eine Wende hinter uns, die Positives aber auch viel Negatives mit sich gebracht hat. Wir mussten uns ständig neu anpassen und jetzt, wo es ganz gut läuft, kommen die mit der zweiten Wende. Daraus folgt für mich, dass es politische Sicherheitsgarantien geben muss für die Beschäftigten in Branchen, die besonders vom Wandel betroffen sein werden.

heute.de: Wenn Sie auf das Weltgeschehen dieser Woche blicken, etwa auf das Ringen der Akteure bei den Vereinten Nationen in New York, welche Erkenntnisse ziehen Sie daraus?

Dörre: Es ist zwar niederschmetternd, wenn Politiker mächtiger Nationen wissenschaftliche Erkenntnisse verdrängen, aber die Gegenbewegung wächst und wir dürfen nicht übersehen, dass die Politik manchmal sehr schnell reagiert, wenn der Druck groß genug ist. Vor der Atomreaktor-Katastrophe in Fukushima war auch kaum denkbar, dass Deutschland so schnell aus der Kernenergie aussteigt. Ich glaube, dass wir in Umbruchsituationen geraten, wo sich auch die politischen Verhältnisse ganz schnell ändern können.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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