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Wahlen in der Türkei - "Es könnte knapp werden für Erdogan"

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Die Hoffnung auf ein Ende von Erdogan steige in der Türkei, sagt die türkische Soziologin Turkmen. Der Präsident versuche, mit einem Anti-Terror-Kampf zu punkten.

Wahlplakat von Recep Tayyip Erdogan in Istanbul
Erdogan-Wahlplakat in Istanbul
Quelle: epa

heute.de: Vor gut einem Jahr haben Sie uns im Interview gesagt, Recep Tayyip Erdogan werde es bei den Wahlen 2019 schwer haben. Denken Sie das noch immer, obwohl er die Wahlen auf den kommenden Sonntag vorverlegt hat?

Gulay Turkmen: Ja. Die meisten Umfragen gehen davon aus, dass Erdogan nicht die absolute Mehrheit der Stimmen erreicht. Er wird höchstwahrscheinlich in die zweite Runde gehen müssen. Zum ersten Mal seit langem scheinen die Oppositionsparteien es geschafft zu haben, ihre Kräfte zu bündeln, um Erdogan zu verhindern. Und das trotz ihrer enormen ideologischen Differenzen. Und Erdogan steht ein starker Oppositionskandidat gegenüber: Muharrem Ince von der CHP begeistert die Massen. Ihm gelingt es, so etwas wie Hoffnung zu verbreiten - ein Gefühl, das Erdogan-Kritiker schon lange nicht mehr hatten.

heute.de: Sie haben auch gesagt: Viele Türken schätzten Erdogan als charismatischen Herrscher. Warum ist die Wahl aus Ihrer Sicht trotzdem nicht gelaufen?

Turkmen: Die meisten Oppositionspolitiker haben erklärt, dass sie Erdogans Rivalen in der zweiten Runde unterstützen werden, es wird höchstwahrscheinlich Ince sein. Vor allem die Entscheidung der kurdischen Wähler wird die zweite Runde entscheiden. Wenn diese Stimmen dann zu Ince rüberwandern, könnte es knapp werden für Erdogan.

heute.de: Der türkischen Lira geht es nicht gut. Ist das für Erdogan eine Gefahr?

Turkmen: Ja, und derer ist sich Erdogan durchaus bewusst. Es gibt sogar Anzeichen dafür, dass es schlimmer wird: Der Bausektor, auf den sich der türkische Wirtschaftsboom seit vielen Jahren stützt, schrumpft gerade. Die Wirtschaftskrise könnte zu Erdogans größtem Problem werden. Allerdings bleiben ihm trotzdem viele AKP-Wähler treu. Viele stimmen weiterhin für ihn - egal, was geschieht.

heute.de: Ohne den EU-Türkei-Deal hätte die Türkei noch weniger Geld. Hat die EU womöglich Erdogans Amtszeit verlängert?

Turkmen: Die EU hat indirekt dazu beigetragen, Erdogans Amtszeit zu verlängern - und zwar nicht nur mit dem Flüchtlingsabkommen. Sie hat einfach zugeschaut, wie sich die Lage der Menschenrechte in der Türkei verschlechtert. Jegliche Kritik wurde unterdrückt, weil man sich Erdogan bei Laune halten wollte. Die Zivilgesellschaft in der Türkei wurde just dann alleine gelassen, als sie dringend auf Solidarität angewiesen war. Als Erdogan die Türkei in ein autoritäres Regime umgebaut hat, brachte es die EU lediglich über die Lippen zu sagen, "sie sorge sich sehr um die jüngsten Entwicklungen in der Türkei".

heute.de: Wie will Erdogan das Blatt wenden?

Turkmen: Erdogan könnte die "Terror-Karte" spielen, um seine Popularität in der Gesellschaft zu erhöhen, besonders unter unentschlossenen Wählern und unglücklichen AKP-Wählern. Etwa durch die militärische Operation gegen die PKK im Qandil-Gebirge im Norden des Iraks. Die Regierung hofft, eine solche Militäroperation könnte Erdogan Pluspunkte bringen. Ebenso könnten diese Woche noch Angriffe auf oppositionelle Aktivisten stattfinden, um eine Atmosphäre von Chaos und Angst zu schaffen.

heute.de: Was ist Erdogans größter Trumpf?

Turkmen: Sein Charisma und seine Rhetorik. Außerdem ist er ein recht pragmatischer Politiker, der die Spielregeln der Politik sehr gut kennt. Er hat es geschafft, wichtige Institutionen wie die Medien und die Justiz zu kontrollieren. Und er hat viele Verbündete, schließlich hat er ein Klientelregime und eine Günstlingswirtschaft etabliert.

heute.de: Unabhängig, wie die Wahl ausgeht: Welche Sorgen machen Sie sich um die Türkei?

Turkmen: Meine größte Sorge ist die Intensität der politischen und sozialen Polarisierung. Die türkische Nation macht gerade das durch, was eine Kollegin und ich "emotionale Desintegration" nennen: Weil die Gesellschaft nicht nur politisch, sondern auch ethnisch und religiös gespalten ist, wird es für Türken immer schwieriger, sich eine gemeinsame Nation und eine gemeinsame Zukunft vorzustellen. Selbst wenn Erdogan und die AKP die Wahlen verlieren sollten: Es wird eine ziemliche Herausforderung sein, den Schaden zu beheben, der durch jahrelange Polarisierung entstandenen ist.

heute.de: Wegen der Haltung zu Erdogan zerbrechen manche türkischen Freundschaften. Wie beobachten Sie den Wahlkampf in Deutschland?

Turkmen: Die Wahlbeteiligung unter den Türken in Deutschland ist relativ gering - nur 49 Prozent haben beim Verfassungsreferendum letztes Jahr mitgemacht. Das Wahlverhalten hängt von der Bildung und von der sozialen Schicht ab sowie von ethnischen, religiösen und geographischen Hintergründen. Und von der politischen Psyche: Aufgrund der jahrzehntelangen Diskriminierung fühlen sich viele Türken in Deutschland nach wie vor als Ausländer. Erdogan verspricht ihnen hingegen Respekt und Anerkennung. Und seit 2012 gibt er ihnen das Recht, auch im Ausland zu wählen. Früher ging das nur auf türkischem Boden.

heute.de: Österreich will türkische Imame des Landes verweisen. Sind wir Deutschen zu naiv?

Turkmen: Es geht nicht um Naivität. Ich halte die österreichische Entscheidung für sehr problematisch, da sie nicht zur Lösung des Problems beiträgt, sondern die Lage nur verschlimmert. Die Türkei darf Moscheen und Imame nicht instrumentalisieren, um politischen Einfluss im Ausland auszuüben. Und Moscheen dürfen keine Orte sein, in denen kleine Kinder Themen ausgesetzt sind wie Verherrlichung des Todes, Märtyrertum oder Krieg. Die Schließung von Moscheen in Österreich gießt aber nur Öl ins Feuer. Die einzigen, die davon profitieren, sind Erdogan und die österreichischen Rechtspopulisten. Eine Lösung könnte sein, die islamische Theologie weiter zu stärken, um österreichische Imame auszubilden.

heute.de: Sind Sie froh, dass die Türkei nicht bei der WM dabei ist - weil ein sportlicher Erfolg Erdogan Auftrieb geben könnte?

Turkmen: Ich verfolge die WM nicht sonderlich. Aber viele Leute verbinden die Nationalmannschaft mit Erdogan und seiner Politik. Die türkische Gesellschaft ist so gespalten, dass selbst Fußballspiele die Menschen nicht vereinen.

Das Interview führte Raphael Rauch

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