Sie sind hier:

Start-ups besser und billiger - SpaceX und Co. bedrohen Europas Raumfahrt

Datum:

Europas Raumfahrt in der Krise: Händeringend suchen Industrie und Politik nach einem Mittel gegen Amerikas Kampfpreise. Dabei lauert die eigentliche Herausforderung ganz woanders.

Raketen Start Space X
Start einer SpaceX-Rakete: Die Raumfahrtfirma von Tesla-Gründer Elon Musk drängt die europäische Ariane aus dem Markt. Quelle: ap

In den Chefetagen der europäischen Raumfahrt geht die Angst um. Es ist die Angst, obsolet zu werden. Jahrzehntelang hatte man mit der Trägerrakete Ariane 5 ein Spitzenpferd im Stall, das große Lasten in den Orbit schießen konnte. Heute gibt es bessere Pferde, vor allem billigere. Aber nicht in Europa. "Europa droht abgehängt zu werden", sorgt sich Airbus-Chef Thomas Enders, zu dessen Konzern auch die ArianeGroup gehört. Das Nachfolgemodell Ariane 6, dessen Jungfernflug für den Juli 2020 geplant ist, soll nur rund die Hälfte kosten. Möglicherweise ein Fall von too little, too late. Außerdem hängt dieses ambitionierte Ziel von Rahmenbedingungen ab, deren Erfüllung fraglich scheint.

SpaceX macht Ariane zu schaffen

Da ist zum Beispiel die leidige dezentrale Fertigung der zahlreichen Raketenkomponenten in Europa. Hier stehen nicht Qualität und Effizienz im Vordergrund, sondern Länderproporz: Wer darf die Booster bauen, wer das Triebwerk, wer die Oberstufe und wer nur die Reste? Es ist ein politisches Hickhack. "Niemand schreibt SpaceX vor, einen Teil seiner Raketen in Bayern und einen in Bremen zu bauen", klagt Alain Charmeau, Chef der ArianeGroup.

SpaceX - die Raumfahrtfirma von Tesla-Gründer Elon Musk gilt bei Trägerraketen heute als das Maß der Dinge. Technisch top, die erste Rakete mit wiederverwendbaren Boostern, die höchste Nutzlast weltweit. Und die US-Regierung im Rücken, die mit gut bezahlten, sogenannten institutionellen Starts für Militär und Nasa das Auftragsbuch füllt. Man spricht von rund 100 Millionen Dollar pro Einsatz.

Europa ohne Plan

Zu einem vergleichbaren Bekenntnis für die Ariane konnte sich die europäische Politik bisher nicht durchringen. Im Gegenteil: Die Bundeswehr hat für den Start dreier Aufklärungssatelliten ebenfalls bei SpaceX unterschrieben - kein Einzelfall. Denn während SpaceX zuhause 100 Millionen Dollar pro Einsatz einstreicht, bietet Musk seine Rakete im Ausland viel billiger an - und drängt die Konkurrenz, vor allem die Ariane, aus dem Markt.

Trägerrakete Ariane 5
Trägerrakete Ariane 5: Jahrzehntelang das Mittel der Wahl, um große Lasten in den Orbit zu schießen. Quelle: ESA-Stephane Corvaja

Aber es ist nicht nur die private Konkurrenz bei großen Trägersystemen, die das europäische Raumfahrtmodell infrage stellt. Der Markt wandelt sich. Und tatsächlich kommt die größte Gefahr für die Dinosaurier der Raumfahrt heute von unten.

Die Zeitenwende

Die Entwicklung des kommerziellen Raumflugs, sagt Nasa-Veteran Alan Stern, habe eine Zeitenwende in der Raumfahrtbranche eingeläutet: "In der Vergangenheit konnten nur Supermächte Raumfahrtprojekte stemmen, heute können sogar Start-up-Firmen Dinge in den Weltraum schießen." Das bedeutet eine Revolution für den Zugang zum All und seiner Nutzung.

Es begann vielleicht mit Luke Geissbühler, einem Tüftler aus Brooklyn, der eine handelsübliche Kamera an einen Amateur-Wetterballon hängte und aus 30 Kilometern Höhe Bilder machte, die aussahen wie von echten Satelliten. Oder Stanford-Studenten, die kleine "CubeSats" bauen - kaum größer als ein Zauberwürfel - für Experimente in einem niedrigen Orbit. Jedenfalls dauerte es nicht lange, bis den Beteiligten dämmerte, dass heute mit handelsüblicher Technik die Funktion milliardenschwerer Satelliten repliziert werden kann.

"Moore's Law" erobert den Weltraum

Das Ergebnis ist eine Raumfahrt 2.0. Viele Mikrosatelliten, teils als Netzwerk angelegt, verdrängen die Dinos, deren Einsatz noch eine fünf- bis zehnjährige Realisierungsphase vorausging. Die Neulinge operieren im erdnahen Orbit (500 bis 2.000 Kilometer Höhe) anstatt im geostationären (36.000 Kilometer) - und damit leidlich geschützt vor kosmischer Strahlung, die weiter draußen moderne Platinen perforiert. Die Elektronik ist up to date, tendenziell von der Stange, Zyklen sind kürzer, alles wird billiger, teils um den Faktor 100.

Außerdem: Nach ein paar Jahren fallen die kleinen Kisten vom Himmel und verglühen. Kein dauerhafter Schrott im All. Fünf Jahrzehnte technischen Fortschritts brechen sich Bahn. Aus der Chipindustrie kennt man die Gesetzmäßigkeit als "Moore's Law": eine Verdopplung der Leistung alle 18 Monate. Jetzt erobert "Moore's Law" den Weltraum.

Rakete des privaten Raumfahrtunternehmens SpaceX, Typ Falcon 9.
Rakete des privaten Raumfahrtunternehmens SpaceX, Typ Falcon 9: Technisch top und lukrativ. Quelle: John Raoux/AP/dpa

Siegeszug der Zwerge

Ex-Nasa-Mitarbeiter Will Marshall begann 2010 im Silicon Valley - in der sprichwörtlichen Garage -, einen Satelliten zu bauen. Heute ist er Chef von Planet, einer Firma, die eine Flotte von 200 Satelliten betreibt. Sie haben die Größe eines Schuhkartons und liefern einen täglichen Snapshot der gesamten Welt. "Der entscheidende Treiber in der Satellitentechnik ist die Miniaturisierung der Elektronik", sagt er. Dazu kämen Fortschritte in der Sensortechnik, wie man sie schon vom Smartphone kennt.

Die 60 Satelliten von Spire Global können Schiffe, Flugzeuge und das Wetter überwachen. OneWeb, eine Initiative, an der auch Airbus beteiligt ist, möchte der ganzen Welt das Internet bringen - bis in die letzte Hütte. In dieser "New Space"-Szene fallen Dienstleistungen wie Sternschnuppen vom Himmel, die für praktisch jede Branche einen kommerziellen Nutzen haben: Landwirte wissen, wie es um ihre Felder bestellt ist, Versicherungen können präziser ihre Risiken kalkulieren und Reeder sich auf Verzögerungen in einem Hafen einstellen.

Entsprechend fließt Geld. Es herrscht Goldgräberstimmung. Hunderte Start-ups machen sich an die Eroberung des Weltalls, finanziert von Venture-Capital-Gebern und Partnern aus der Industrie. Airbus-Mann Enders formuliert es so: "Das Zusammenspiel von Raumfahrt, Digitalisierung und privatem Kapital hat das Marktumfeld radikal verändert."

Carsten Meyer ist Redakteur beim 3sat-Wirtschaftsmagazin makro.

Fünf Fakten zur Esa

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.