ZDFheute

"Der Hübsche" verliert Vertrauensabstimmung

Sie sind hier:

Spaniens Regierungschef Sánchez - "Der Hübsche" verliert Vertrauensabstimmung

Datum:

Die Koalitionsgespräche sind gescheitert, die Regierungsmehrheit für den Sozialisten Sánchez ist verfehlt. Nun beginnt ein zwei Monate langer Countdown bis zu möglichen Neuwahlen.

Archiv: Pedro Sánchez am 21.05.2019 in Madrid
Pedro Sánchez kann im spanischen Parlament keine Mehrheit hinter sich bringen.
Quelle: AP

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hätte für seine Wiederwahl starke Partner im Parlament gebraucht. Stattdessen aber zeigte er sich nach tagelangen Koalitionsverhandlungen mit der linken Podemos-Bewegung am Donnerstag genervt – vor allem von Podemos-Chef Pablo Iglesias. "Sie verstehen das noch immer nicht, Señor Iglesias", sagte Sánchez zu dem Gezerre der zurückliegenden Tage. "Gebraucht wird eine zusammenhängende Regierung – nicht zwei Regierungen, sondern eine". Sánchez, der vor gut einem Jahr durch ein Misstrauensvotum und nicht durch Wahlen ins Amt kam, steht nun mit leeren Händen da.

Podemos kündigte nämlich postwendend an, sich bei der erneuten Vertrauensabstimmung über Sánchez zu enthalten. Sánchez erhielt im Parlament in Madrid bei 155 Nein-Stimmen und 67 Enthaltungen nur 124 Ja-Stimmen. Und Vize-Regierungschefin Carmen Calvo, die über Podemos nicht minder erzürnt war, deutete an, dass der 47-jährige Parteichef künftig nicht mehr für das Amt des Ministerpräsidenten zur Verfügung stehen könnte.

Wahlerfolg im April

Was für ein Kontrast zu den Szenen Ende April, als Sánchez sich darüber freuen konnte, mit der Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) 38 Mandate im Parlament in Madrid hinzugewonnen zu haben. "Die Sozialistische Partei hat die Wahlen gewonnen, und mit ihr hat die Zukunft gewonnen und die Vergangenheit verloren", rief Sánchez seinen Anhängern zu.

Wir werden nicht die Regierung bekommen, die für Spanien wichtig ist.
Pedro Sánchez, Spaniens Ministerpräsident

In der Euphorie nach der Wahl schien es für den smarten 47-Jährigen so viele Möglichkeiten zu geben: Koalitionsregierung Mitte-rechts oder Mitte-links, Unterstützung oder wenigstens Tolerierung durch die konservative Volkspartei oder die liberale Ciudadanos. Und nun, drei Monate später, lautet Sánchez' bittere Bilanz: "Wir werden nicht die Regierung bekommen, die für Spanien wichtig ist."

Schon bislang erinnerte die politische Karriere von Pedro Sánchez an eine Achterbahnfahrt. Im Juli 2014 brachte ihn die erste Urwahl in der Geschichte der Partei an die Spitze der PSOE. Doch dann fuhren die Sozialisten im Dezember 2015 und im Juni 2016 schwere Wahlniederlagen ein. Daraufhin wurde Sánchez von der Parteiführung ausgebootet.

Stehaufmännchen Sánchez

In dieser Lage bewies Sánchez, was in ihm steckt. Er fuhr kreuz und quer mit dem Privatwagen durch das Land, um Getreue um sich zu scharen. So gelang es dem Stehaufmännchen, im Mai 2017 an die Parteispitze zurückzukehren. Das Auf und Ab seines politischen Werdegangs hat Sánchez in der Autobiografie "Manual de Resistencia" nachgezeichnet. Das lässt sich mit "Anleitung zum Widerstand", aber auch mit "Anleitung zum Durchhalten" übersetzen.

Als es dem Sozialisten im Juni 2018 gelang, den in Korruptionsaffären verstrickten konservativen Regierungschef Mariano Rajoy zu stürzen, bildete er die Regierung mit dem größten Frauenanteil in der spanischen Geschichte, zeigte sich plakativ großzügig bei der Aufnahme von Flüchtlingen auf der Mittelmeerroute und erhöhte nach Jahren der Sparpolitik den Mindestlohn um gut ein Fünftel.

"El Guapo", der Hübsche

Geboren am 29. Februar 1972 in Madrid, wuchs Sánchez in einer wohlhabenden Familie auf: der Vater Unternehmer, die Mutter Beamtin. Er studierte Wirtschaft und Wirtschaftspolitik in Madrid und Brüssel. In die sozialdemokratisch ausgerichtete PSOE trat er schon 1993 ein. Von 2004 bis 2009 war er Stadtrat in Madrid. 2009 zog er im Nachrückverfahren ins Parlament ein.

In seiner Jugend war der 1,90-Meter-Mann Basketballer. Der Vater zweier Töchter, der stets äußerst korrekt gekleidet auftritt, trägt den Spitznamen "El Guapo" (Der Hübsche). Gegen seine Doktorarbeit an einer Madrider Privatuniversität wurden Plagiatsvorwürfe laut, die Sánchez allerdings entschlossen zurückwies.

Nun bläst Sánchez nach den gescheiterten Koalitionsverhandlungen mit Podemos wieder Gegenwind ins Gesicht. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der Politiker in den Durchhalte-Modus zurückfindet oder das Handtuch wirft.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.