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Samenspende post mortem - Kinderwunsch – auch nach dem Tod?

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In Deutschland ist es verboten, Samenspenden von Verstorbenen zur Fortpflanzung zu nutzen. Noch. Denn das Verbot wirft viele rechtliche und ethische Fragen auf.

Ein Spermium als 3D-Modell
Das europäische Menschenrechtsgericht in Straßburg hat eine Klage von Petithory Lanzmann zur Herausgabe von Sperma eines Toten abgewiesen. Das Thema Samenspende post mortem bleibt aber strittig. (Symbolbild)
Quelle: Imago

Darf die Samenspende eines Mannes noch nach seinem Tod verwendet werden, um ein Kind zu zeugen? Es geht um Ethik, Recht und die Frage der Selbstbestimmung nach dem Tod.

Heute hat sich das europäische Gericht für Menschenrechte in Straßburg mit dem Thema beschäftigt: Petithory Lanzmann, die Witwe des französischen Filmemachers Claude Lanzmann, der für seine Shoah-Filme bekannt ist, hat geklagt. Sie forderte das eingefrorene Sperma ihres verstorbenen Sohnes ein. Damit wollte sie im Ausland ein Kind zeugen lassen. Die Pariser Klinik hat die Herausgabe des Spermas verweigert. Nachdem Lanzmann zuvor in allen Instanzen vor Gericht in Frankreich unterlegen war, klagte sie nun in Straßburg mit der Begründung, die Verweigerung des Spermas würde gegen das Menschenrecht auf ein Familienleben verstoßen. Ihr Sohn habe selbst vor seinem Tod einen Kinderwunsch geäußert und sie wolle ihm diesen letzten Wunsch erfüllen.

Straßburg wies die Klage ab. Artikel acht der Europäischen Menschenrechtskonvention garantiere zwar das Recht auf ein Familienleben. Dies umfasse aber nicht ausdrücklich ein "Recht, Großeltern zu werden". Fall also abgehakt? Ganz sicher nicht. Denn er eröffnet den Blick nach Deutschland und die Frage danach, wie es hierzulande in rechtlicher und ethischer Sicht um die Samenspende post mortem steht.

Rechtliche Lage in Deutschland

Es stellt sich immer wieder die Frage, ob die Regelung verfassungsgemäß ist.
Dr. Christian Pisani, Rechtsanwalt

"Im Embryonenschutzgesetz ist ausdrücklich die Befruchtung mit Samen eines Verstorbenen verboten", erklärt Rechtsanwalt Dr. Christian Pisani. Man begründete das Verbot damals mit einer potenziellen Kindeswohlgefährdung. "Das Gesetz ist allerdings sehr strittig und es stellt sich immer wieder die Frage, ob die Regelung verfassungsgemäß ist", sagt Pisani und bezieht sich mitunter auf einen Fall am Oberlandesgericht München. Eine Witwe hatte auf die Herausgabe von Spermien ihres verstorbenen Mannes geklagt. Das Embryonenschutzgesetz würde sie in ihrem Recht auf Fortpflanzung und Familie behindern.

"Außerdem hat sie gesagt, dass der Verstorbene selbst noch den Wunsch geäußert hat, Kinder zu zeugen. Damit wäre auch sein Persönlichkeitsrecht betroffen", erklärt Pisani. Die Klage ging vor Gericht nicht durch.

Die Frage, ob das Embryonenschutzgesetz mit der Verfassung vereinbar ist, bleibt aber bestehen: Das Oberlandesgericht habe ausdrücklich die Revision zugelassen, um genau das vom Bundesgerichtshof als nächst höheres Gericht klären zu lassen.

Eben jene Revision wurde von der Witwe allerdings zurückgezogen. Man könnte meinen, damit sei die Diskussion um Samenspenden post mortem abgeschlossen. "Das Thema ist auf keinen Fall durch", sagt aber Dr. Pisani. Als nächstes sei nun nämlich der Gesetzgeber gefragt. Auf Bundesebene müsse man eine Änderung anstoßen.

Gesundheitsethikerin: Kindeswohl nicht automatisch gefährdet

"Das Embryonenschutzgesetz ist schon sehr lange in der Diskussion. Viele sagen, dass es eine dringende Überarbeitung braucht, da es völlig veraltet sei und den derzeitigen Realitäten in der Reproduktionsmedizin nicht gerecht werde", erklärt Pisani.

Wir haben so viele wunderbare alleinerziehende Familien, dass es kein Grund ist, das allgemein zu verbieten.
Dr. Julia Inthorn, Direktorin des Zentrums für Gesundheitsethik

Auf die gesellschaftlichen Veränderungen seit der Gesetzgebung in den 90er Jahren geht auch Dr. Julia Inthorn, Direktorin des Zentrums für Gesundheitsethik, im Interview mit heute.de ein.

Sie erklärt, dass man nicht automatisch davon ausgehen kann, dass mit der Verwendung von Sperma eines Verstorbenen bei der Zeugung eines Kindes, automatisch das Kindeswohl gefährdet wird: "Den eigenen Vater nicht zu kennen ist im Einzelfall vielleicht nicht das, was man sich wünscht, wir haben aber so viele hochfunktionale, wunderbare alleinerziehende Familien, dass es kein Grund ist, das allgemein zu verbieten."

Der Ethikerin zufolge, müsse eine solche Entscheidung immer im gesellschaftlichen Kontext gesehen werden: "Man sollte sich fragen: Welche Geschichten erzählen wir? Welche erzählen die Kinder, die so entstanden sind und können sie diese Geschichten positiv erzählen?" Inthorn geht davon aus, dass die Gesellschaft mit so vielen unterschiedlichen Familienkonstellationen gut genug aufgestellt ist, damit Kinder ein positives Verhältnis dazu entwickeln können.

Entscheidung soll im Rahmen einer Generation gültig sein

"Wenn ein Kind weiß, dass es gewollt auf dieser Welt ist, es in stabilen Beziehungen lebt und auch wenn der genetische Vater nicht mehr kontaktierbar ist, es weiß, wer er war und wie der Kinderwunsch entstanden ist, da würde ich sagen: Ja, da kann ich mir gut vorstellen, dass von dieser Seite aus nichts dagegen spricht", erklärt Inthorn.

Eine Entscheidung: 'Meine Samen können auch noch in dreihundert Jahren verwendet werden', sehen wir kritisch.
Dr. Julia Inthorn

Ein weiterer wichtiger Punkt in der Debatte: Das Persönlichkeitsrecht des Verstorbenen. Im Leben hat man stets die Möglichkeit, Entscheidungen zu revidieren. Wenn eine Entscheidung für das Leben nach dem Tod getroffen wird, sich die Welt aber völlig ändert, wie muss dann eine damalige Entscheidung behandelt werden?

Inthorn geht hier auf bestimmte Schutzpflichten ein, die das regeln müssten. "Eine Entscheidung: 'Meine Samen können auch noch in dreihundert Jahren verwendet werden', sehen wir kritisch, weil wir uns dann in völlig anderen Kontexten bewegen und wir davon ausgehen müssen, dass Menschen in dieser völlig veränderten Situation Widerspruch einlegen würden", sagt Inthorn. Eine Entscheidung, die in einem gewissen Rahmen, beispielsweise für die Dauer einer Generation, gilt, hält Inthorn jedoch für denkbar.

Sowohl die Ethikerin als auch Dr. Pisani erhoffen sich, dass in naher Zukunft von Seiten der Rechtsprechung klar gemacht wird, ob die Verbote zu Samenspenden post mortem tatsächlich verfassungsgemäß sind. "Ich hoffe, dass die Rechtsprechung wahrnimmt, dass gesellschaftliche Veränderungen stattfinden und viele Dinge im Bereich der Familie möglich und für Kinder gut sind", sagt Inthorn.

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