ZDFheute

"Traut euch, es funktioniert"

Sie sind hier:

Frauen in der Kommunalpolitik - "Traut euch, es funktioniert"

Datum:

Stefanie Seiler ist Oberbürgermeisterin von Speyer - eine von nur 20 Frauen in diesem Amt in Rheinland-Pfalz. Warum Frauen so unterrepräsentiert sind, erklärt sie im Interview.

heute.de: Heute findet der erste deutsche Frauenkongress kommunal statt. Warum ist das nötig?

Stefanie Seiler: Es ist leider noch nötig. Meine große Vision ist, dass es wenigstens bei den nachfolgenden Generationen nicht mehr nötig ist und dann bei Kommunalparlamenten eine paritätische Besetzung erfolgt. Sowohl in den Gremien als auch beim Engagement. Es ist häufig so, dass Frauen, gerade beim Thema ehrenamtliche Mitarbeit, was das große Fundament der Kommunalpolitik darstellt, doch noch mehrere Hürden zu überwinden haben, als vielleicht ihre männlichen Pendants. Das sind zum einen die innerparteilichen Strukturen, und zum anderen auch eigene Vorbehalte, wie "frau"  Familie, Beruf und Engagement organisatorisch unter einen Hut bekommt. Deswegen bedarf es solcher Kongresse, damit Frauen ihren Geschlechtsgenossinnen zeigen können, dass es geht und sagen: "Traut euch, es kann funktioniert."

heute.de: Wie sieht es innerparteilich aus? Sind es immer noch die "alten weißen Männer", die den Ton angeben?

Seiler: Ich gehöre ja auch einer großen Partei an. Wenn wir ganz objektiv die Mitgliederzahlen und die Altersstruktur betrachten, dann gehört die Mehrheit der Parteimitglieder der Altersklasse 60 aufwärts an und ist männlich. Da haben wir in Sachen Parität und Verjüngung noch viel Luft nach oben.

heute.de: Fehlt den Frauen vielleicht auch das Netzwerk?

Seiler: Es hat viel mit Netzwerk-Arbeit zu tun, aber auch mit Bekanntheit. Da kann ich von meiner Partei sprechen, aber ich gehe davon aus, dass bei anderen Volksparteien ganz ähnlich ist. Obwohl wir im 21. Jahrhundert sind, müssen Frauen sich auf eine andere Art durchsetzen und deutlich machen: "Ich werde jetzt nicht einfach genommen, aufgrund meines Geschlechts, sondern, ich werde genommen, weil ich die bessere Wahl bin." Und mit einem guten Netzwerk und vielen Unterstützerinnen und Unterstützern im Rücken klappt das natürlich besser, als alleine.

heute.de: Es sollte also nach Qualifikation und nicht nach Geschlecht gehen?

Seiler: Ja, das wäre klasse und mein Wunsch für die Zukunft. Aber leider sind wir noch nicht soweit und benötigen deshalb die Quote. Aber auch sie reduziert Frauen nur auf ihr Geschlecht. Und das endet in einer Negativ-Diskussion, weil Männer dann - ganz platt - sagen: "Jetzt muss ich Platz machen, damit eine Frau auf meinen Listenplatz kommt." Ich bin davon überzeugt, dass es genauso viele gute qualifizierte Frauen wie Männer gibt und dass 50:50 möglich ist. Da wir das momentan aber ohne Quote nicht hinbekommen, müssen wir dieses Instrument - leider - anwenden.

heute.de: Der Frauenkongress will auch über die weibliche Perspektive in der Kommunalpolitik diskutieren. Unterscheidet diese sich von der männlichen?

Seiler: Natürlich. Die weibliche Perspektive bringt einfach einen anderen Blick mit rein. Das ist ja das Tolle, dass wir alle so unterschiedlich und jeweils einen ganz anderen Blick haben. Auch bei den Männern finden sich ganz unterschiedliche Haltungen und diese Vielfalt ist doch das spannende an der gesamten Gesellschaft. Ich glaube, dass Frauen gerade was Struktur, Organisation und Formen der Zusammenarbeit angeht, ganz anders denken. Und dieses "Andersdenken" kann der Diskussion und im Ringen um die besten, gesamtgesellschaftlichen Lösungen nur förderlich sein.

heute.de: Haben Sie ein Beispiel?

Seiler: Bei Gremiensitzungen. Wann finden sie statt und in welchem Umfang. Gerade bei Sitzungen, die um 14 Uhr beginnen werden nicht nur Frauen, sondern ganze Berufsgruppen diskriminiert. Hier stelle ich schon fest, dass bei Männern das ein oder andere positiver bewertet wird, während Frauen in derselben Situation mit  Diskreditierungen zu kämpfen haben.

heute.de: Bürgermeister-Posten mit einer Frau besetzt. Woran liegt es, dass Frauen gerade in der Kommunalpolitik so unterrepräsentiert sind?

Seiler: Ich glaube, es gibt verschiedene Stellschrauben. Es liegt einerseits an den Frauen selbst und ihrer jeweiligen Lebenssituation. Traue ich mir das zu? Möchte ich mich auch den innerparteilichen Hürden stellen? Kann ich Familie, Beruf und politisches Engagement stemmen? Bekomme ich hierfür Unterstützung von meinem Partner? Andererseits aber auch daran, dass Frauen nicht nur reden wollen, sondern direkt auch umsetzen. Deswegen ist das weibliche Engagement im sozialen Bereich so hoch, weil die Ehrenamtlichen direkt sehen, was sie bewirken. Sie bekommen - positiv wie auch negativ - direkt eine Rückmeldung. Und gerade im politischen Betrieb, gerade innerparteilich, gehen wir doch öfters Runden, wo viel geredet wird, aber noch keine Umsetzung erfolgt. Da ist vielen - gerade Frauen - der Abend zu wertvoll, als dass sie mehrere Stunden in einer Sitzung sind, rauskommen und sich in der Diskussion eigentlich nur im Kreis gedreht wurde. Wenn Frauen sich engagieren, wollen sie eben auch einen Output haben und sehen, wofür sie ihre Zeit hergegeben haben.

heute.de: Was würden Sie Frauen raten, die sich überlegen in die Kommunalpolitik zu gehen.

Seiler: Erfahrungen sammeln und wenn sie überzeugt sind, dran bleiben. Netzwerke bauen, sich gegenseitig unterstützen, sich auszutauschen mit anderen Frauen, auch jenseits des eigenen Ortsvereins und der Partei. Über den Tellerrand schauen und sich einfach auch trauen. Ich glaube, es wäre für unsere Gesellschaft ein großer Gewinn, wenn mehr Frauen den Weg in die Kommunalpolitik finden und ich würde mich sehr über weitere Mitstreiterin freuen.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.