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Spracherhalt oder Kontrolle? - Warum Putin ein russisches Wikipedia fordert

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Erst ein neues Internet-Gesetz, jetzt ein eigenes Lexikon - der Kreml schmiedet fleißig Pläne für ein zentrales eigenes Netz. Wird Russland jetzt das zweite China?

Die russische Wikipedia auf einem Smartphone
Die russische Wikipedia soll in Zukunft Konkurrenz durch eine große russische Enzyklopädie bekommen.
Quelle: DPA

Moskau. Im prächtigen Katharinensaal des Kremls tagt der Rat der Russischen Sprache anlässlich des 225. Geburtstages von Alexander Puschkin. Er gilt als Begründer der modernen russischen Literatur. In der Sitzung soll besprochen werden, wie die russische Sprache unterstützt und beliebter gemacht werden kann. Staatschef Wladimir Putin leitet das Meeting höchstpersönlich.

Als ein Ratsmitglied anmerkt, dass Schüler für ihre Recherchen vermehrt die Online-Enzyklopädie Wikipedia verwenden, fordert Putin, den Dienst durch ein russisches Online-Lexikon zu ersetzen. "Das werden dann wenigstens verlässliche Informationen sein, die auf gute, moderne Weise präsentiert werden", sagt er. Nach Angaben russischer Medien ist dafür auch schon ein Etat vorgesehen: Bis 2022 sollen umgerechnet 24 Millionen Euro für die Wikipedia-Alternative bereitstehen.

Wie soll das russische Lexikon aussehen?

So eine digitale russische Enzyklopädie müsste dabei gar nicht neu erfunden werden - es gibt sie nämlich schon. Das Verlagshaus "Big Russian Encyclopedia" ("Große russische Enzyklopädie") existiert seit 1925 und publizierte seither rund 800 gedruckte Nachschlagewerke. Der Verlag arbeitet gerade an einer elektronischen Version. Alles unterstützt - und überwacht - vom Kulturministerium.

Im Gegensatz zu Wikipedia ist das natürlich kein Open-Source-Projekt. Jeder Lexikoneintrag ist von einem Autoren verfasst, unter der wissenschaftlichen Aufsicht der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Führen die Pläne Putins zum Überwachungsstaat?

Eine überwachte Enzyklopädie und ein gerade erst vorgestelltes Internet-Gesetz, mit dem Russland im Ernstfall ein eigenes Internet unter Staatskontrolle betreiben kann - das klingt nach einem großen Schritt in Richtung Kontrollstaat, nach Orwells "1984". "Die Regierung möchte so natürlich auch die Informationskontrolle und das Wissen, wer welche Informationen abruft, erlangen", sagt Dirk Engling vom Chaos Computer Club. "Oppositioneller zu sein, macht dann an der Stelle deutlich weniger Spaß."

Auch Fachjournalist Peter Welchering sieht diese Tendenz, besonders im Zusammenhang mit dem Internet-Gesetz. "Es erleichtert zumindest die Abschottung vom Rest des Internets, das Einrichten eines rein russischen Intranets." Putins offizielle Begründung für die Pläne sei die Gefahr von Hackerangriffen. Aber auch ungewollte Informationen seien dann ein Anlass, um Abschottungs-Aktionen durchzuführen, erklärt Welchering. Für solche Fälle sei dann auch eine eigene Enzyklopädie gut. Engling ergänzt: "Da kann man ja gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einmal dafür zu sorgen, den Dienst innerhalb des Landes zur Verfügung zu stellen - und dann auch gleich die Kontrolle darüber zu behalten."

Warum ein Experte die Aktion für sinnvoll hält

Für abwegig hält Engling das russische Zentral-Lexikon übrigens nicht. "Bis vor 15 Jahren hat man, wenn man eine Online-Enzyklopädie gemeint hat, den digitalen Account von Meyers Lexikon gemeint." Man könne genauso gut auch in Deutschland eine der alten Enzyklopädien wieder ausgraben und ein zentrales, von Experten erstelltes Online-Lexikon kreieren. Der Experte warnt auch in Deutschland vor einer zu großen Abhängigkeit von ausländischen Angeboten: "Wenn Google Mail und Facebook ausfallen würden, wäre wahrscheinlich ein Produktivitätseinbruch in Deutschland zu bemerken."

Die Pläne für ein zentralisiertes Internet seien deshalb aus nationaler Sicht nachvollziehbar. Sogenannte "Cyberwars" sieht Engling als reale Bedrohungen, nennt Venezuela als Beispiel. Wenn ausländische Angebote gekappt werden, sei es schlau, eine autarke Alternative bereit zu haben. "China hat ja auch rechtzeitig erkannt, dass sie ungern abhängig sein wollten von Diensten wie Amazon, Google und Facebook", so Engling. Mit eigenen Diensten habe man sich eine parallele Infrastruktur im eigenen Land aufgebaut. Aber klingt das denn nicht nach Staatskontrolle? "Nein, das klingt einfach nur folgerichtig."

Wie wird das Internet zukünftig für russische Nutzer aussehen?

"Schwer zu sagen. Einige Dienste werden natürlich fehlen", schätzt Dirk Engling. Die Regierung werde wahrscheinlich versuchen, die Reibungsverluste in der Bevölkerung gering zu halten - daher auch die Enzyklopädie. Allerdings gibt es auch Technologien, die die Pläne Putins über den Haufen werfen könnten, zum Beispiel das Satelliteninternet. In den USA werde bereits daran gearbeitet, erzählt Engling. Sobald das dann nutzbar ist, werde es für Russland schwierig sein, die Bevölkerung davon abzuhalten, auch außerhalb des Russland-Internets online zu sein.

In Russland ist ein Internet-Gesetz in Kraft getreten, mit dem eine zentrale Kontrolle des Datenverkehrs ermöglicht werden soll. Der Kreml will ein von ausländischen Servern unabhängiges Internet schaffen. Kritiker befürchten Überwachung und Zensur.

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