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Spurensuche in Sieversdorf - Im Dorf der vielen Nichtwähler

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Wenn man durch Sieversdorf geht, ahnt man nicht, dass morgen Bundestagswahl ist: Kein einziges Wahlplakat, kein Aufruf zu Versammlungen hängt an den alten Linden der Allee. Sieversdorf scheint politfreie Zone in mehr als nur einer Hinsicht.

In Deutschland ist der Gang zur Urne freiwillig, doch die Wahlbeteiligung sinkt seit Jahrzehnten. Wäre einen Wahlpflicht auch für Deutschland die Lösung?

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"Ein Stern, der deinen Namen trägt…" klingt es durch den Kirchhof und ein Dutzend rosa gekleideter Mädchen hüpft dazu gut choreografiert herum. Es ist Dorffest in Sieversdorf, 100 Jahre Strom ist der Anlass, 100 Jahre Anschluss an die Welt. An einem Tisch basteln Eltern und Kinder LED-Lampen zusammen. Und hier frage ich nach: Wie angeschlossen ist denn Sieversdorf heutzutage? Im übertragenen Sinne, natürlich? Nicht sehr, ist die Antwort.

"Ich hab hier noch nie einen Politiker gesehen", sagt Gerd Rebmann. Andreas Rutte gibt zu: "Ich geh nie wählen. Wozu? Ändert sich ja doch nichts." In keiner Gemeinde Brandenburgs war bei der letzten Bundestagswahl die Wahlbeteiligung niedriger als hier. Nur 48 Prozent gingen an die Urne. Bürgermeister Hermann Haacke ist als Wähler also in der Minderheit.

"Uns geht es einfach gut!"

Aber er kennt seine Sieversdorfer, und während wir durch das schmucke Dorf schlendern, erklärt er die Wahlmüdigkeit seiner Mitbürger auch damit, dass es so wenig zu meckern gibt. "Uns geht es einfach gut! Wir leben nicht im Überschwang, aber es geht uns doch recht gut!" Die große Politik zieht oft an Sieversdorf vorbei: Er zeigt uns die alte Schule - geschlossen. Hier war ein Flüchtlingswohnheim angedacht, aber die kamen dann doch woanders unter. Die schmalen Renten, sind die hier Thema? Da die meisten hier im eigenen Häuschen wohnen, brennt sogar das nicht so vielen unter den Nägeln, meint er.

Bürgermeister Haacke nimmt uns mit in den einzigen Laden im Ort: Das "Blumenstübchen" von Marita Brusch ist Postfiliale und eine Art Dorf-Späti gleichzeitig. Die geschäftige Chefin beteuert, dass sie stets wählen geht, sie sagt aber auch leicht verzweifelt: "Wir sind hier eine ländliche Gegend, da geht der Bundestag nicht so drauf ein! Was uns hier im Dorf beschäftigt, das ist zum Beispiel das Arzt-Problem: Dass der nächste Spezialist so weit weg ist und dass unsere Landärzte auch schon im Rentenalter sind. Das sind die dollsten Probleme!"

Viele kehren der Region den Rücken

An diesem Freitag treffen wir tagsüber keinen unter 60. Auch Georg Gyser, ehemaliger Maschinenschlosser, ist längst in Rente, kümmert sich noch um seine über 90-jährigen Eltern. Er meint, die veränderte Dorfbevölkerung zeige sich auch in der Wahlbeteiligung: "Die ein bisschen was auf der Kirsche haben, die sind alle weg. Und die anderen stehen morgens um sieben am Netto, Bier holen. In einer Jogginghose, machen aber nie Sport."

Wir treffen Dieter Milatz kurz vor dem Dorfausgang, auf seinem Grundstück kläffen unzählig viele Hunde. Er trägt Jogginghose, vor allem wohl, weil es ihm sichtlich schwer fällt zu gehen. "Ich bin Frührentner", sagt er und beteuert, dass er diesmal wählen geht. "Eine kleine Partei. Vielleicht ändert sich dann ja was." - "Was muss sich denn ändern?" - "Na, die Flüchtlinge - einen Haufen Geld reingesteckt und die armen Leute hier kriegen nichts." Gibt es hier denn Flüchtlinge? "Nee, hier nicht", aber in der nächsten Stadt, sagt er und geht zurück in sein Haus.

Zwischen Verdrossenheit und Resignation

Bürgermeister Haacke ärgert es, dass manche seiner Mitbürger Fakten ignorieren und sich nicht beteiligen wollen. Er weiß aber auch, dass manche schon wollen, aber kaum können: Wer für die Arbeit nicht wegzog, muss pendeln, verbringt oft 12 und mehr Stunden fern von zu Hause. Die Arbeitswelt ist anspruchsvoller, weiß er und fährt wie zum Beweis mit uns zu Rene Harsch. Er und seine Filmtierschule sind eine lokale Berühmtheit - aber es ist eben auch ein 16-Stunden-Job, sieben Tage die Woche.

Bei der letzten Wahl kam ihm ein Dreh dazwischen, diesmal will er unbedingt gehen. Er kann aber auch verstehen, dass sich manche von der großen Politik zurückziehen: "Viele sind überfordert, die Politik ist so komplex und groß, das ist zu viel. Da sagen viele jetzt ist Schluss, ich kümmere mich nicht drum! Da spart man viel Ärger im Kopp, gerade weil die weltpolitische Lage so ist, wie sie ist."

Meckern ist einfach, beteiligen schwer

In Sieversdorf, das gibt am Ende auch der Bürgermeister zu, wird schon auch gemeckert und sich beklagt über den fehlenden Zusammenhalt. "Früher waren wir eben mehr aufeinander angewiesen, da musste man miteinander können. Heute geht’s uns besser, aber damit ist man auch nicht mehr aufeinander angewiesen. Keiner nimmt sich oder hat die Zeit, die Hintergründe für eine Entscheidung zu erfahren. Miteinander heißt ja auch sich beteiligen."

So komme etwa kaum noch jemand zu den Gemeinderatssitzungen. "Wenn sich dann jemand beschwert: Bürgermeister, bei uns im Dorf ist nichts los! Da sag' ich dann immer, ja dann mach doch mal selbst!" Ob man das auch auf die Bundestagswahl übertragen kann: Meckern ist einfach, beteiligen ist schwer? "Ja!", sagt er, "das ist der Kern! Das ist der Kern!"

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