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Neuneinhalb Jahre nach der Katastrophe - Kölner Stadtarchiv: Drei Freisprüche und einmal Bewährung

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Ende des Mammutprozesses um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs: Das Landgericht Köln hat drei Angeklagte freigesprochen und eine Bewährungsstrafe verhängt.

Im Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs sind drei der vier Angeklagten freigesprochen worden. Gegen den vierten wurde eine Bewährungsstrafe verhängt.

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Im Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs ist ein Angeklagter mehr als neuneinhalb Jahre nach dem Unglück zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten wegen fahrlässiger Tötung und Baugefährdung verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Mitarbeiter der Bauüberwachung der Kölner Verkehrsbetriebe KVB nicht eingegriffen habe, obwohl er ein Loch in einer Betonwand hätten bemerken müssen. Er habe seine Sorgfaltspflichten verletzt und hätte die Bauarbeiten vor dem Archiv nicht wie vorgeschrieben überprüft, dokumentiert und kommuniziert. Alle anderen Angeklagten wurden freigesprochen.

Ihnen hätten entscheidende Informationen gefehlt, um die Folgen der Taten vorhersehen zu können. Das Gericht sprach von einer "massiven Verkettung unglücklicher Umstände". Die Kammer sei sich bewusst, dass das Urteil möglicherweise ein gewisses Unverständnis hervorrufen werde. Dies könne aber nicht der Maßstab der Entscheidung sein.

Kölner Stadtarchiv: Prozessauftakt
Das Kölner Stadtarchiv nach dem Einsturz.
Quelle: dpa

 

Nach Ansicht des Gerichts war das unentdeckte Loch die Ursache das Einsturzes. Durch die Fehlstelle sind später riesige Mengen Wasser, Erde und Kies in die U-Bahn-Baugrube geflossen. So entstand unter dem Stadtarchiv-Gebäude ein großer Hohlraum und es stürzte ein. Zwei junge Männer, 17 und 24 Jahre alt, starben in einem Nachbargebäude, das vom Stadtarchiv mit in die Tiefe gerissen wurde.

Der damalige Einsatzleiter der Kölner Feuerwehr, Stephan Neuhoff, inzwischen im Ruhestand, schilderte Jahre später im Gespräch mit dem ZDF seine Eindrücke: "Ich dachte tagelang, das kann nicht sein. Jeden Morgen, an dem ich an die Einsatzstelle kam, dachte ich, du bist im falschen Film." Ein Großteil der Archivalien versank in der Baugrube und im Grundwasser und muss immer noch aufwändig wiederhergestellt werden.

Mit den Urteilen endet ein Mammutprozess nach fast 50 Verhandlungstagen, zahlreichen Gutachten und 80 Zeugen, die während der Beweisaufnahme aussagten. Das Gericht war unter Zeitdruck. Bis März 2019 - zehn Jahre nach dem Einsturz - musste ein Urteil gesprochen werden, sonst wären die Taten verjährt. Immer neue Anträge der Verteidiger verzögerten das Strafverfahren, das der Vorsitzender Richter Michael Greve aber straff durchzog. Jeder Verhandlungstag begann um exakt 10 Uhr. Allerdings verzögerte sich der Prozess, weil ein angeklagter Polier schwer erkrankte. Er ist bis heute verhandlungsunfähig. Ein weiteres Verfahren gegen einen angeklagten Oberbauleiter läuft noch. Er wurde erst später, während des schon laufenden Hauptprozesses, angeklagt.

Archiv: Restaurierung von Akten aus dem Kölner Stadtarchiv, aufgenommen am 17.04.2009 in Köln
Die Restaurierung von Akten aus dem Kölner Stadtarchiv.
Quelle: ap

Die Katastrophe geschah am 3. März 2009, kurz vor 14 Uhr. Direkt vor dem Stadtarchiv in der Kölner Severinsstraße laufen in einer riesigen Baugrube die Arbeiten für ein sogenanntes Gleiswechselbauwerk. Dort sollen später einmal die Züge der neuen Nord-Süd-Stadtbahn von einem Gleis auf das Nachbargleis wechseln können.

Die Nord-Süd-Stadtbahn ist ein Projekt zur Erweiterung der Kölner U-Bahn-Linie mit einer Tunnelstrecke unter der Kölner Altstadt. Die Strecke ist auch heute noch nicht durchgehend befahrbar. An der Unglücksstelle klafft noch immer eine riesige Baugrube wie ein Mahnmal. Das Archivgut muss in jahrzehntelanger Arbeit aufwändig restauriert werden. Der Gesamtschaden wird auf mehr als eine Milliarde Euro beziffert. Wer dafür aufkommt, wird ein Zivilprozess klären müssen.

Anklage der Staatsanwaltschaft kam erst Jahre später

Es dauerte Jahre, bis die Staatsanwaltschaft Anklage für den Strafprozess erhob. Die Untersuchungen an der Unglücksstelle gestalteten sich schwierig. Es musste eigens ein sogenanntes Besichtigungsbauwerk errichtet werden, damit Spezial-Taucher die unterirdischen Schäden begutachten und Beweise sichern konnten. Die Verteidigung hatte für alle Angeklagten Freisprüche gefordert. Ein Bauüberwacher wies alle Schuld von sich und belastete die beteiligten Bauleiter. Er habe gefälschte Dokumente vorgelegt bekommen und sei betrogen worden.

Nach Ansicht des Präsidenten der Ingenieurkammer NRW, Heinrich Bökamp, hätten eher die Verantwortlichen aus den oberen Hierarchieebenen beim Auftraggeber und bei den Baufirmen zur Rechenschaft gezogen werden müssen: "Man darf nicht den Letzten dafür verantwortlich machen, dass gewisse Vorgänge schief laufen, denn er hätte gar keine Chance gehabt, dass an dieser Stelle zu korrigieren. Die Korrektur hätte vorher sattfinden müssen."  Die Kölner Verkehrsbetriebe hätten als Bauherr die beauftragen Baufirmen regelmäßig kontrollieren müssen. Das aber sei nicht geschehen. 

Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft 90 Beschuldigte im Visier. Dennoch klagte sie später nur diejenigen an, die jetzt vor Gericht saßen. Ob der zu acht Monaten auf Bewährung verurteilte KVB-Mitarbeiter Rechtsmittel einlegen wird, ist noch offen.

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