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Klischees über Dorf und Stadt - Dorf-Deppen und offene Städter: Was ist dran?

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Bundespräsident Steinmeier hat mit seinem Vorstoß für den ländlichen Raum das Leben im Dorf ins Blickfeld gerückt. Aber wo ist es besser? Klischees über Stadt und Dorf im Check.

Archiv: Sturmwolken über Frieding in Bayern, aufgenommen am 22.08.2018
Sturmwolken über Frieding in Bayern (Archivbild) Quelle: imago

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der gerade durch die Uckermark reist, hat sich der Sorgen der Menschen im ländlichen Raum angenommen und damit auch Leben im Dorf wieder ins Blickfeld gerückt. Darüber gibt es gängige Klischees, die in fast jeder Debatte über Stadt und Land ins Feld geführt werden. Im Gespräch mit heute.de hat Stadtsoziologin Annette Spellerberg mit einigen dieser Vorurteile aufgeräumt. Die Professorin lehrt an der Technischen Universität in Kaiserslautern - einer Stadt, die mit knapp über 100.000 Einwohnern schon als Großstadt gilt. Spellerberg, die dort lebt, stammt zwar aus einem Dorf - aber tauschen würde sie nicht mehr.

Klischee Nr. 1: Das Leben in der Stadt ist anonym, auf dem Dorf herrscht mehr soziale Nähe.

Archiv: Passanten in einer Fußgängerzone
Wer sind all' die Leute? Szene in einer Fußgängerzone. Quelle: imago

Stadtsoziologin Annette Spellerberg: Das ist teilweise richtig, teilweise falsch. Empirische Zahlen belegen, dass soziale Kontakte auf dem Land tatsächlich häufiger und intensiver sind. Aber auch in den Städten, in den einzelnen Stadtteilen organisieren Menschen ihre Kontakte, wollen friedlich und freundlich miteinander leben. Studien zeigen, dass die Leute in der Stadt und auf dem Dorf gleichermaßen mit ihrer Nachbarschaft zufrieden sind.

Klischee Nr. 2: Auf dem Land ist jeder Mitglied in einem Verein.

Archiv: Weinfest des Gewerbevereins auf dem Sandböhl, aufgenommen in Groß-Gerau am 18.08.2018
Hat sich ein Kümmerer gefunden, läuft's gut bei den Vereinen. Quelle: imago

Spellerberg: Selbstverständlich nicht. Gerade auf dem Land ist angesichts zunehmender Überalterung die große Frage, wie die Vereine weiterbestehen können, wer die ehrenamtlichen Aufgaben übernehmen kann. Aber Vereine spielen tatsächlich eine größere Rolle als in der Stadt. Dort übernehmen auch andere Institutionen oder Initiativen Angebote und Aufgaben der Vereine.

Klischee Nr. 3: Das Leben auf dem Dorf ist preiswerter.

Häuser in Hagen
Wo wohne ich - und für wieviel Geld?

Spellerberg: Das stimmt – was vor allem das Wohnen angeht. Wobei  man zum Beispiel auch in den Ruhrgebiets-Städten günstig wohnen kann. Dafür ist die Mobilität deutlich teurer. Ein Ticket für den Überlandbus kostet oft mehr als das für eine U-Bahn, die die gleiche Strecke zurücklegt. Aber wie beim Wohnen ist das immer abhängig von den Regionen. Insgesamt sind die Lebenshaltungskosten auf dem Land aber tatsächlich geringer.

Klischee Nr. 4: Auf dem Dorf ist es ruhiger.

Archiv: Kühe werden am 10.11.2012 bei nasskalter Witterung von ihrer Weide bei Zerbst, Sachsen-Anhalt, in Richtung Stallung getrieben.
Kühe und Trekker? Oft ist es vielmehr Durchgangsverkehr, der die Dorfstraßen blockiert. Quelle: dpa

Spellerberg: Das kann man nicht so eindeutig sagen. Der Wunsch nach Natur, Ruhe und Freiraum, der Versuch der Hektik zu entfliehen, ist zwar einer der Hauptgründe, warum Menschen aufs Land ziehen. Aber tatsächlich sind auch die Menschen auf dem Land vielen Lärmbelastungen ausgesetzt. Zum Beispiel durch den innerörtlichen Verkehr – vor allem wenn es keine Umgehungsstraße gibt. Dann quälen sich Fernverkehr und Anwohner durch die Dörfer, dazu kommen Rasenmäher, Werkelei und Betriebe. Land ist nicht nur Idylle und umgekehrt gibt es auch viele ruhige Stadtquartiere.

Klischee Nr. 5: Das Landleben ist gesünder und weniger stressig.

Stress am Arbeitsplatz
Weniger stressig? Ja. Aber gesünder? Quelle: dpa

Spellerberg: In der Stadt ist es stressiger. Das stimmt. Man muss sich mit mehr Sinneseindrücken auseinandersetzen, wird mit Subkulturen konfrontiert, mit mehr fremden Menschen. Und es gibt Studien, die bestätigen, dass der Stress in der Stadt nicht gesund für Menschen ist. Gleichzeitig kann man auch nicht sagen, dass das Leben im Grünen immer gesünder ist. Die Menschen auf dem Land sind zum Beispiel Belastungen durch Ammoniak oder Pestiziden ausgesetzt. Und die Menschen in der Stadt bewegen sich mehr, weil sie mehr zu Fuß unterwegs sind.

Klischee Nr. 6: Dorf-Menschen sind konservativer.

Gartenzwerg
Bewahren, was gut ist. Gilt auf dem Dorf noch häufig. Quelle: ZDF

Spellerberg: Das ist die Tönnies-These (ein Soziologe des 19. Jahrhunderts). Und tatsächlich kann man beobachten, dass auf dem Dorf die Bewahrung von Traditionen eine größere Rolle spielt, während die Menschen in der Stadt viel stärker dem technischen und sozialen Wandel ausgesetzt sind und sich deshalb mehr öffnen müssen. Außerdem wählt die im Durchschnitt ältere Bevölkerung in den Dörfern häufiger konservativ.

Klischee Nr. 7: Städter sind offener im Umgang mit Fremden.

Muslima und Deutsche an Bushaltestelle
Wenn das Fremde Alltag wird, ist's nicht mehr fremd. Quelle: imago

Spellerberg: Ja, das stimmt; vor allem, wenn zusätzlich nach West- und Ostdeutschland unterschieden wird. In den Städten gibt es weniger Fremdenfeindlichkeit und mehr Toleranz  – weil die Menschen dort mit mehr Vielfalt konfrontiert werden und gelernt haben, mit und in Vielfalt zu leben.

Klischee Nr. 8: Städter sind gebildeter.

Archiv: Eine Frau hält am 23.02.2017 in Heidelberg vor einem öffentlichen Bücherregal ein Buch in den Händen
Unis & Co ziehen Menschen mit höheren Schulabschlüssen in die Städte. Quelle: dpa

Spellerberg: In den Städten sind zum Beispiel Universitäten, qualifizierte Arbeitsplätze, unternehmennahe Dienstleistungen und öffentliche Einrichtungen, die akademische Abschlüsse erfordern, angesiedelt. Deshalb werden dort mehr qualifizierte Menschen gebraucht. Ein Problem ist aber, dass viele Qualifizierte in die Städte abwandern. Ein Viertel des produktiven Sektors ist im ländlichen Raum angesiedelt und gut ausgebildete Fachkräfte werden gesucht.

Klischee Nr. 9: In der Stadt gibt es mehr Kultur.

Unesco Welterbe: Markgräfliches Opernhaus in Bayreuth
Für die meisten muss es gar nicht Oper sein. Quelle: dpa

Spellerberg: Was verstehen wir unter Kultur? Die so genannte Hochkultur – also Oper, Konzert, Schauspiel und Kunstausstellung - ist für Städter natürlich leichter zu erreichen und wird schon deshalb häufiger genossen. Aber diese Formen interessieren nur einen Teil der Bevölkerung. Nimmt man Kinos, Musik, Tanz oder Kunsthandwerk dazu, ist das Angebot schon etwas ausgewogener.

Klischee Nr. 10: Die Angst vor Kriminalität ist in der Stadt größer.

Symbolbild Kriminalität
Angst? Eigentlich kein großes Thema in Deutschland.

Spellerberg: Die Mehrheit der Menschen in der Stadt fühlt sich nicht generell verunsichert. Aber das Sicherheitsgefühl ist in Dörfern stärker ausgeprägt. Die Menschen kennen sich und haben ein stärkeres Vertrauen zueinander. Wir sind aber eigentlich ein sicheres Land. Das gilt allerdings vielleicht nicht für Migranten, die häufiger angegriffen und sich bedroht fühlen.

Klischee Nr. 11: Der Nahverkehr auf dem Land ist eine Katastrophe.

Archiv: Ein Fahrrad steht an einer Bushaltestelle in laendlicher Region, aufgenommen in Klein-Oelsa am 15.08.2018
Das Warten auf den Bus kann in ländlichen Regionen dauern. Quelle: imago

Spellerberg: Das ist wohl so. Busse sind zum Beispiel oft an den Schülerverkehr gebunden und fahren nur zu bestimmten Zeiten. Ältere Menschen haben das Nachsehen. Wenn ich heute wirklich auf dem Land leben will, brauche ich in der Regel ein Auto. Allerdings haben oft gerade ältere Frauen auf dem Land nie einen Führerschein gemacht. Es gibt Versuche, dies aufzufangen, zum Beispiel durch ehrenamtliche Netzwerke oder Bürgerbusse.

Klischee Nr. 12: In der Stadt gibt’s keine Parkplätze.

Archiv: Parkplatz voller Autos, aufgenommen am 18.03.2017
Ich drehe schon seit Stunden, hier so meine Runden.... Herbert Grönemeyer hat der Parkplatzsuche ein musikalisches Denkmal gesetzt. Quelle: imago

Spellerberg: Ja, stimmt schon. Stadtbewohner sind genervt davon, jeden Abend nach der Arbeit noch eine halbe Stunde nach einem Parkplatz zu suchen. Aber warum lassen die Menschen nicht einfach das Auto weg? Geht doch in vielen Fällen in der Stadt.

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