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Star-Architekt Ingenhoven - "Das versuchen Sie mal in Berlin"

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Internationale Städte ziehen Bauprojekte durch, Deutschland bekommt neue Bahnhöfe oder Flughäfen kaum fertig. Ein typisch deutsches Problem, sagt Architekt Christoph Ingenhoven.

Vogelperspektive des "Green Heart", des grünen Zentrums des neuen Imenhoven
Aus der Vogelperspektive: Das "Green Heart", das grüne Herz in der Mitte des neuen Gebäudes von Christoph Ingenhoven
Quelle: ZDF

Er kommt direkt aus Sydney, ist erst vor einer Stunde gelandet. Doch von Stress oder Jetlag keine Spur. Christoph Ingenhoven, 58, Stararchitekt aus Düsseldorf und in Deutschland vor allem bekannt durch den Bahnhof "Stuttgart21", steht im grünen Innenhof des "Marina One", einem von ihm entworfenen, Anfang des Jahres eingeweihten Prestigebau im Herzen des Finanzzentrums von Singapur. Schnell fährt sich Ingenhoven mit seiner linken Hand noch einmal durch sein schlohweißes Haar und ist bereit zum Gespräch.

heute.de: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie heute vor Ihrem neuen Gebäude stehen?

Christoph Ingenhoven: Ich bin überwältigt von der schieren Größe. Man verbringt ja viel Zeit mit Planern, Bauleitern und hat auch Ärger und Schwierigkeiten, so dass man am Ende oft vergisst, dass man das Gebäude auch genießen muss. Es ist wirklich genussfähig und es bestätigt mich, dass wir so manches richtig gemacht haben.

Marina One, das neue Gebäude von Christoph Ingenhoven in Singapur
Marina One, das neue Gebäude von Christoph Ingenhoven in Singapur
Quelle: ZDF

heute.de: Was gefällt Ihnen besonders?

Ingenhoven: Das sogenannte 'Green Heart'. Wir hatten ja von Anfang an angestrebt, dass diese vier Gebäude eine vereinigende Mitte haben. Und dieser Garten ist ja dschungel-ähnlich bepflanzt.

heute.de: Wäre ein Bau wie 'Marina One' in Deutschland denkbar?

Ingenhoven: Nein, wahrscheinlich allein schon aufgrund der physischen Dimension nicht. Das Gebäude ist 200 Meter hoch, 200 Meter breit und hat 400.000 Quadratmeter Geschossfläche. So etwas gibt es in Europa selten bis gar nicht.

heute.de: Die hohe Geschwindigkeit des Bauens in Singapur …

Ingenhoven: … müsste in Deutschland auch so möglich sein, ist sie aber nicht. Auch deswegen, weil wir es ein bisschen mit der notwendigen demokratischen Kontrolle übertreiben. Es ist zwar gut, dass wir sie haben, ich habe aber immer das Gefühl, dass wir unseren Vorschriften noch weitere Vorschriften überstülpen. Und dann kommt noch eine Kontrolle hinzu und noch eine. Die Verfahren kosten uns zu viel an Zeit, an Energie, an Optimismus, an Motivation. Das ist schade. Deutschland ist langsamer geworden, weil wir mehr zu verlieren haben. Wir müssen gucken, dass wir wieder Geschwindigkeit aufnehmen.

heute.de: Warum ist Bauen in Singapur einfacher als in Deutschland?

Ingenhoven: Ich nenne Ihnen ein Beispiel, das die Qualität überhaupt nicht einschränkt, sondern eher erhöht. Die "URA", das Stadtplanungsamt Singapurs, ist eine staatliche Organisation, die die gesamte Koordination des Bauens in einer Behörde vereinigt und das Bauvorhaben in die richtige Richtung lenkt. Ich könnte nun die URA einer großen deutschen Stadtverwaltung, zum Beispiel in Berlin, gegenüberstellen. Wenn man nun die Effektivität und intellektuelle Qualität vergleicht, dann kommt Singapur nicht so schlecht weg. Die URA hat das Verfahren enorm vereinfacht. Sie gehen unten rein, besprechen alles und gehen glücklich wieder raus. Das versuchen Sie mal in Berlin!

heute.de: Oder in Stuttgart.

Ingenhoven: Oder dort. Die Langsamkeit ist nicht immer qualitätsfördernd und auch motivationshemmend. Ich könnte sehr frustriert sein, bin es aber nicht. Ich will den Bahnhof nun seit 22 Jahren bauen und das Projekt läuft noch weitere sieben Jahre. Dann bin ich 65 und kann mich zur Ruhe setzen.

heute.de: Dann muss es doch schön für Sie sein, jetzt in Singapur zu sein. "Stuttgart 21" ist bestimmt weit weg.

Ingenhoven: So empfinde ich das nicht. Es gibt hier auch Nachteile: Gebaute Qualität zu erzeugen ist schwieriger als in Deutschland. Hinzu kommt, dass es in Deutschland ein höheres Qualitätsbewusstsein gibt.

heute.de: "Marina One" ist ein sehr grünes Gebäude. Wie sieht die Zukunft des Bauens aus?

Portrait Architekt Christoph Ingenhoven
Architekt Christoph Ingenhoven baut in Deutschland unter anderem das Gebäude des neuen Suttgarter Hauptbahnhofes. Ingenhoven steht insbesondere für nachhaltiges und ökologisches Bauen.
Quelle: ZDF

Ingenhoven: Zum Teil genau so. Wir haben uns ja überlegt, was eigentlich grundsätzlich richtig ist, wenn man in einer solch boomenden Stadt, die unter dem Druck der Verdichtung steht, baut. Singapur hat 20 Prozent der Landfläche durch Aufschüttung im Meer hinzugewonnen. Wo sich die Stadt nicht unbegrenzt weiter ausdehnen kann, ist es notwendig, in großer Dichte kompakt zu bauen, auch hoch zu bauen. Die Dichte an sich ist schon gut, weil sie die vorhandene Infrastruktur besser nutzt und die Stadt kleiner als Fläche bleibt. Houston, Los Angeles oder auch Sidney haben alle ein relativ kleines Stadtzentrum, das zwar dicht aussieht, aber der Rest ist eine komplette Zersiedlung. Das grüne Bauen wird ein Teil unserer architektonischen Zukunft sein. Shanghai, Peking, Kuala Lumpur oder Hongkong  werden sich mit einer derartigen Vision entwickeln müssen.

heute.de: Gilt das auch für Deutschland?

Ingenhoven: Auch wir brauchen Nachverdichtung, doch die sieht bei uns anders aus. Berlin hat eine viel zu geringe Dichte. Das macht zwar einen Teil des Charmes aus, ist aber auch ein Problem. Man will ja nicht den Tiergarten bebauen, also müssen sie halt den Rest stark nachverdichten statt ins Umland auszuweichen. Viele deutsche Städte stehen unter dem Druck, schnell etwas hinzufügen zu müssen. Ich erlebe das in meiner Heimatstadt Düsseldorf und auch in Köln oder Frankfurt. Dort weicht man ins Umland aus und schafft Subzentren. Das ist alles vom Teufel und wir sollten das sein lassen! Zudem sollten wir den momentanen Boom nutzen, die Stadt zu verdichten. In einer Rezession macht man es auf gar keinen Fall. Nur so können wir das Stadtwachstum, das vor uns liegt, bewältigen.

heute.de: Was ist für Sie das Wichtigste am Bauen? Ist es Authentizität? Oder Emotionalisierung?

Ingenhoven: Gute Frage! Authentizität wäre ein Ziel, ist aber sehr schwer zu erreichen. Sie ist auch nicht baubar in dem Sinne. Ich kann aber Bedingungen schaffen unter denen sie funktioniert. Mit "Marina One" wollte ich einen authentischen öffentlichen Platz schaffen, an dem sich Menschen über das rein Kommerzielle hinaus wohlfühlen. Ich glaube, dass mir das hier gelingen wird. Und das macht mich stolz.

heute.de: Hätten Sie einen Wunsch fürs Bauen in Deutschland?

Ingenhoven: Gebt uns ein bisschen mehr Optimismus und ein wenig mehr Glaube an die Zukunft. Wir sollten keine euphorischen Dummheiten machen, einfach nicht zu viel zurückblicken und nicht immer schlecht gelaunt sein. Ich habe das Gefühl, dass alle unter allem leiden: von den Bauprojekten übers Wetter bis zum Euro. Wir haben doch gerade einen Boom in Deutschland. Empfindet ihn jemand als solchen? Die Leute genießen ihn gar nicht. Sie sollten eigentlich jeden Tag feiern gehen!

heute.de: Apropos Spaß. Sie gelten als umweltbewusster Architekt, bauen einen Bahnhof in Stuttgart und werden dafür angefeindet. Wie nahe geht Ihnen das?

Ingenhoven: Ich bin nicht der Typ, dem so etwas nahe geht, obwohl es natürlich schon schwierig ist, wenn sie diffamiert werden. Aber ich glaube fest daran, dass, wenn der Bahnhof fertig ist, die Menschen ihn genießen werden. (Er lacht) Die Schwaben sind ja am Ende doch heimlich genussfähig. Aber nur heimlich und wenn es nicht zu viel kostet. Oder es darf schon etwas kosten, aber nicht danach aussehen.

Das Interview führte André Groenewoud.

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