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Für Gleichberechtigung im Film - Starke Frauen in Cannes

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Iranerinnen kämpfen gegen Traditionen, Kurdinnen gegen Islamisten - und die Frauen in der Filmindustrie gegen die Machos.

Filmemacherin Eva Husson (Blick in die Kamera) mit den Darstellerinnen ihres Films "Mädchen der Sonne".
Starke Frauen in Cannes: Filmemacherin Eva Husson (Blick in die Kamera) mit den Darstellerinnen ihres Films.
Quelle: reuters

Eine schmale Bergstraße in Iran. Die männlichen Dorfbewohner haben ein Hup-System erfunden, mit dem zwei Autofahrer aushandeln können, wer die Vorfahrt hat. Eines Tages greift ein junges Mädchen zu einer Schaufel, um die Steinbrocken wegzuräumen, so dass zwei Autos aneinander vorbeifahren können. Und was tun die Männer? Sie erklären ihr, dass die Schaufel kein Werkzeug für Frauen ist - und es bleibt beim Hupen.

Der iranische Filmemacher Jafar Panahi, aus dessen Film diese Szene stammt, ist seit langem ein Vorkämpfer für Frauen - in seinem Land ebenso wie in der Filmindustrie. Und das schon lange, bevor es die #metoo-Bewegung gab, die in diesem Jahr das Filmfestival von Cannes so massiv prägt. Sein Film "3 Gesichter" erzählt die Geschichte drei iranischer Frauen, die Schauspielerinnen waren, sind oder werden wollen.

Ausbruch aus dem Dorfleben

Marziyeh, die in einem Dorf nahe der türkischen Grenze lebt, hat die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule in Teheran bestanden, aber ihre Familie will sie nicht ziehen lassen. Als Schauspielerin würde sie Schande über ihre Familie bringe, so sehen das alle im Dorf. Mit einem Selfie-Video, aus dem nicht klar wird, ob sie einen Selbstmord simuliert oder ihn tatsächlich verübt, lockt sie die iranischen Star-Schauspielerin Behnaz Jafari in ihr Dorf.

Die dritte Schauspielerin, die im Film kaum zu sehen ist, steht für die Generation, die noch vor der Revolution ungehindert ihren Beruf ausüben konnte. "Sie ist die große Abwesende, die aber deutlich macht, dass die physische Präsenz nicht so wichtig ist. Sie kann ersetzt werden durch die künstlerische Präsenz, die nicht ausgelöscht werden kann", sagte Mastaneh Mohajer, die Produzentin des Films - ein Fingerzeig auf die Situation von Panahi, der in Iran unter Berufs- und Reiseverbot steht und deshalb nicht zur Premiere nach Cannes kommen konnte.

Es ist ein langsamer, subtiler Film, der an den Minimalismus von Panahis Lehrmeister Abbas Kiarostami erinnert. Und die Frauenfrage ist immer wieder auf originelle Weise eingeflochten - als ein Bauer über das Qualitätssperma seines besten Bullen philosophiert oder als ein Vater die Vorhaut seines Sohnes einem berühmten Schauspieler zukommen lassen will, damit der Junge ebenso männlich werde wie dieser.

"Mädchen der Sonne" erzählt vom Kampf der Jesidinnen

Starke Frauen sind sie alle drei, die Schauspielerinnen, die trotz aller Widerstände im Iran an ihrer Berufung festhalten. Und starke Frauen gibt es auch im Film "Mädchen der Sonne" von Eva Husson, eine der drei Filmemacherinnen im Wettbewerb. Sie tragen ebenso wie die iranischen Schauspielerinnen Kopftuch, und ihre Geschichte spielt ganz in der Nähe, im kurdischen Grenzgebiet zwischen dem Irak und Syrien.

Es ist das Schicksal der jesidischen Frauen, das die französische Regisseurin ergriffen und inspiriert hat. Etwa 7.000 Frauen und Kinder dieser religiösen Minderheit gerieten 2014 in die Gewalt der Terrororganisation IS, wurden verkauft, vergewaltigt, erniedrigt. Einige von ihnen konnten fliehen und entschlossen sich zum bewaffneten Kampf.

Der Film erzählt die Geschichte von Bahar - überzeugend gespielt von der franko-iranischen Schauspielerin Golshifteh Farahani -, Befehlshaberin einer rein weiblichen Kampfeinheit. Sie ist mutiger als ihre männlichen Kameraden, weil sie nichts mehr zu verlieren hat. Sie dringt mit der Kalashnikov im Anschlag mit ihrer Truppe mitten ins Hauptquartier der Extremisten ein. Aber sie singt auch ihrer sterbenden Kameradin ein Lied vor und hilft auf der Flucht aus der Gefangenschaft einer anderen Frau, deren Kind auf die Welt zu bringen.

Ein Kandidat für die Goldene Palme

Es ist der Kriegsfilm einer Frau über Frauen im Krieg. Und möglicherweise schon deswegen ein Kandidat für die Goldene Palme, die bisher genau einmal an eine Frau (Jane Campion 1993 für "Das Piano") ging. Der Film hätte sie nach Meinung mancher Kritiker allerdings nicht unbedingt verdient, denn er erzählt die Geschichte als eindimensionales Heldenepos mit viel Knallerei und allzu rührseligem Ende.

Immerhin war seine Premiere der Anlass, am Samstagabend ausschließlich Frauen über den roten Teppich laufen zu lassen. 82 Schauspielerinnen und Regisseurinnen sammelten sich auf der Treppe zum Festivalpalast, um Gleichberechtigung für Frauen in der Filmindustrie zu fordern. Warum 82? Ein kleiner Hinweis darauf, dass das Festival seit Beginn etwa 1.600 Filme von Männern und 82 Filme von Frauen in den Wettbewerb eingeladen hat.

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