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Strompreise - Energiemarkt: Ungewöhnlich starkes Auf und Ab

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In den vergangenen Wochen sind in Bereichen des Energiemarktes starke Schwankungen aufgetreten. Andere Länder mussten ausgleichen. Der Grund möglicherweise: Spekulation.

Archiv: Stromleitungen am 16.09.14
Quelle: dpa

Im Juni hat es in Teilen der Energiemärkte ungewöhnlich starke Schwankungen gegeben. So stark, dass andere europäische Länder eingreifen mussten, um im Stromnetz auszugleichen und Ausfälle zu verhindern. Denn das Stromnetz ist ein großes und sensibles Gebilde. Zu starke Schwankungen und Unregelmäßigkeiten können die Versorgung gefährden - im Extremfall kann es zu Blackouts kommen.

Strom wie Ärzte in Bereitschaft

Bei den nun aufgetretenen Schwankungen geht es um den sogenannten Regelenergiemarkt. An diesem Markt wird Energie vorgehalten, damit Leistungsschwankungen ausgeglichen werden können. Den Regelenergiemarkt betreiben vier deutsche Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB), um Schwankungen in der Stromnachfrage auszugleichen. Dafür verfügen sie über kurzfristige Reserven, die über eine Gebotsplattform, eine Art Börse, gehandelt werden. Die heftigen Ausschläge gab es in diesem Teilbereich des Strommarktes beim sogenannten "Leistungspreis".

Der Leistungspreis beschreibt die Kosten für Strom, den die Stromnetzbetreiber bereithalten, falls Schwankungen auftreten, die sie ausgleichen müssen. "Das ist wie bei einem Arzt, der sonntags zu Hause auf dem Sofa sitzt, aber Bereitschaft hat", sagt Jan Aengenvoort, Pressesprecher des Stromhändlers Next-Kraftwerke. "Gezahlt wird nicht die eigentliche Arbeitsleistung, sondern nur eine Gebühr für die Bereitschaft, notfalls ins Krankenhaus gerufen werden zu können."

Preise auf Millionen hochgeschossen – Lage "sehr angespannt"

Ebenso gibt es eine Gebühr, die die Übertragungsnetzbetreiber dafür bekommen, dass sie bestimmte Mengen an Strom bereithalten – egal, ob sie tatsächlich zum Einsatz kommen. Der Preis für diese Leistung ist am vergangenen Samstag zeitweise auf sage und schreibe knapp 38.000 Euro pro Megawatt hochgeschossen. Zum Vergleich: In ruhigen und "normalen" Zeiten liegt der Preis für das Bereithalten eines Megawatts zeitweise bei nur rund zehn Euro.

So kam am vergangenen Samstag eine Summe von 17 Millionen Euro an Gebühren zustande, die an anderen Tagen nur einige tausend Euro beträgt. "Die Lage war sehr angespannt", erklärt Andreas Preuß vom Übertragungsnetzbetreiber Amprion in einer gemeinsamen Stellungnahme der vier ÜNB. "Sie konnte nur mit Unterstützung der europäischen Partner gemeistert werden".

Mehrkosten für Verbraucher

In den vergangenen Monaten haben die Schwankungen in diesem Bereich des Strommarktes generell stark zugenommen. Zudem sind die Kosten enorm gestiegen. Hintergrund ist die Tatsache, dass die Bundesnetzagentur im Oktober vergangenen Jahres ein neues Preis- und Berechnungssystem eingeführt hat. Betrugen im zweiten Quartal 2018 die Gebühren für das Vorhalten der Stromreserven knapp 7,5 Millionen Euro, so hat sich dieser Betrag im zweiten Quartal dieses Jahres auf gut 70 Millionen Euro fast verzehnfacht.

Das liegt einfach gesagt daran, dass der neue Berechnungsrahmen der Bundesnetzagentur dazu geführt hat, dass der Preis für die tatsächlich eingesetzte Energie, um Schwankungen im Netz auszugleichen, gefallen ist. Dagegen sind die Leistungspreise eben stark gestiegen. Das Ärgerliche daran ist für Verbraucher: Die Kosten für die Vorhaltung, also die in Rede stehende Leistungsenergie, werden auf alle Netznutzer umgelegt – also auf alle Verbraucher.

Die Preise für die tatsächlich nötige und eingesetzte Energie, die sogenannte "Arbeitsenergie" dagegen bezahlen die Verursacher. Das können beispielsweise Stadtwerke sein, die ihre Prognose, was den Stromverbrauch angeht, nicht einhalten und damit die Schwankungen verursachen.

Ein grundsätzliches Problem

Dadurch allerdings, dass die Preise für die tatsächlich eingesetzte Arbeitsenergie so niedrig sind, sind deren Abrufe gestiegen. Das wiederum führt zu einem Mehrbedarf an vorzuhaltender Leistungsenergie in Bereitschaft, was die Preise treibt. "Wir haben es hier mit einem strukturellen Problem zu tun", unterstreicht Jan Aengenvoort deswegen. Er und seine Kollegen plädieren dafür, dass die Bundesnetzagentur ihr neues Preisgestaltungssystem so schnell wie möglich beendet und durch ein anderes ersetzt.

Als Konsequenz der jüngsten Schwankungen und der hohen Nachfrage haben die ÜNB Ende Juni die Ausschreibungsmenge für Regelenergie erhöht – auf das doppelte der ursprünglichen Menge. Das heißt also, die ÜNB halten nun viel mehr Energie vor, um mögliche Schwankungen auszugleichen.

Spekulanten beteiligt?

Jedenfalls vermuten Beobachter hinter den jüngsten heftigen Preisschwankungen auch ein gewisses Maß an Spekulation. So könnte ein Akteur zu einem bestimmten Zeitpunkt ganz bewusst und strategisch geboten haben, um seine Energie zum hohen Preis loszuschlagen.

Auch steht der Verdacht im Raum, dass Händler zunächst ganz bewusst Versorgungslücken nicht ausgeglichen haben, um so die Nachfrage zu einem späteren Zeitpunkt zu erhöhen und damit die Preise zu treiben.

Die Übertragungsnetzbetreiber wollen in den kommenden Wochen die Preisschwankungen zusammen mit der Bundesnetzagentur genauer analysieren. "Ob es Konsequenzen für Marktteilnehmer oder die Methodik der Bilanzkreisabrechnung geben wird, wäre zu diesem Zeitpunkt eine Spekulation, an der wir uns nicht beteiligen wollen", schreiben die ÜNB in ihrer gemeinsamen Stellungnahme.

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