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Gründerszene in Kenia - Start-ups als Problemlöser?

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In Kenia gibt es kaum Jobs für Fachkräfte. Besonders junge Informatiker nehmen deshalb ihr Schicksal selbst in die Hand - und versuchen damit, auch ihr Land nach vorne zu bringen.

Archiv: Ein Mann vor einer M-Pesa-Servicestation, aufgenommen am 05.02.2016 in Nairobi
Viele Kenianer nutzen das mobile Bezahlsystem M-Pesa - ein Vorteil auch für die Start-up-Szene. (Archivbild)
Quelle: dpa

Wer in Kenia mal eben am Kiosk Zigaretten holt, bezahlt mit M-Pesa. Die Miete wird mit M-Pesa überwiesen, die Stromrechnung, das Schulgeld für die Kinder. Pesa ist Suaheli und bedeutet Geld. Das M steht für mobil. Mobiles Bezahlen also.

Das funktioniert ähnlich wie Paypal oder Onlinebanking. Als M-Pesa 2007 in Kenia an den Start ging, war das Mobilfunknetz gut ausgebaut, jedoch hatten die wenigsten Kenianer ein Smartphone. Deshalb ist M-Pesa an die SIM-Karte gebunden, auf die Nutzer Bargeld einzahlen. Dafür brauchen sie weder eine Internetverbindung noch ein Bankkonto. Geben sie die Nummer eines Ladens, den Preis und ihr Passwort ein, wird das Geld von ihrem M-Pesa-Konto auf das des Ladeninhabers überwiesen. So muss niemand mehr Bargeld mit sich tragen - denn das kann mancherorts gefährlich sein.

Mittlerweile kann man mit M-Pesa auch in Tansania, Südafrika oder Mosambik, aber auch in Indien, Rumänien oder Albanien bezahlen. Bereits neun Monate nach Gründung waren es dem Unternehmen zufolge eine Millionen Nutzer, 2018 schon 28 Millionen.

Gründer suchen ihre eigenen Lösungen

M-Pesa ist die Erfolgsgeschichte des neuen, digitalen Afrika. Das Bezahlsystem hat eine Struktur geschaffen, in der viele andere Geschäftsmodelle ihren Platz finden. Die sollen in einem der aufstrebenden Technologie-Zentren Afrikas entwickelt werden. Laut dem African Tech Start-up Funding Report haben im vergangenen Jahr 210 Start-ups rund 334 Millionen Dollar akquiriert. Hinter Nigeria und Südafrika liegt Kenia auf Platz drei.

Archiv: Ein Arbeitsraum bei iHub in Nairobi, Kenia, aufgenommen am 24.04.2018
In sogenannten iHubs arbeiten Softwareentwickler und Unternehmer gemeinsam an neuen Ideen. (Archivbild)
Quelle: imago

Im sechsten Stock eines modernen Hochhauses in Kenias Hauptstadt Nairobi sitzt die Gründerelite des Landes. Sie arbeiten in einem sogenannten "iHub". In den hippen, offen gestalteten Arbeitsräumen tauschen sich über 150 Softwareentwickler, Unternehmer, Gründer und solche, die es möglichst bald werden wollen, aus. Sobald eine Idee so weit gereift ist, dass sie auf den Markt kommen kann, werden Investoren gesucht.

Hier sitzt auch Nicholas Gakumo. Der Softwareentwickler tüftelt seit drei Jahren an technischen Lösungen für Start-ups. Sein Lebenslauf ist beispielhaft für den vieler junger Kenianer: Nach dem College fand er keinen Job in der IT-Branche. Die Jugendarbeitslosigkeit im Land wird auf 17 Prozent geschätzt. Gakumo probierte es auf eigene Faust. "Besonders für IT-Studenten gibt es einfach nicht genug Jobs in Kenia", sagt er. "Ich hoffe, dass weiterhin viele junge Kreative mit ihren Ideen in Orte wie das iHub kommen und Leute wie mich brauchen, um sie technisch umzusetzen", sagt er.

Geburtshelfer per SMS

Auch Totohealth ist in einem der Hubs Nairobis entstanden. Wie MPesa gilt das Start-up von Felix Kimaru als ein Musterbeispiel dafür, wie die afrikanische Gründerszene Lösungen für landesspezifische Probleme liefern kann. 2013 starb Kimarus Tante, weil sie unerwartet Zwillinge bekommen hatte. Die Geburtshelferin des Dorfes war mit der Situation überfordert, erzählt Kimaru. Die Kinder überlebten nicht. Laut Unicef gebären nur 61 Prozent der Frauen in Kenia im Krankenhaus, mehr als 45 von tausend Kindern sterben innerhalb der ersten fünf Jahre. Zum Vergleich: In Deutschland gebären 99 Prozent der Frauen im Krankenhaus, es sterben weniger als vier von tausend unter Fünfjährigen.

2014 schrieb der gelernte Softwareentwickler Kimaru einen Algorithmus, der Frauen die Zeit vor und nach der Geburt erleichtern soll. Zwei Nachrichten werden pro Woche per SMS verschickt - sodass kein Datenvolumen verbraucht wird. "Datenvolumen ist viel zu teuer für viele. Die Leute würden unsere Nachrichten nicht bekommen, besonders nicht die, die wir erreichen wollen", sagt Kimaru. Die Nachrichten werden gemeinsam mit Ärzten und dem kenianischen Gesundheitsministerium erarbeitet. Der Algorithmus schickt Erinnerungen für Vorsorgeuntersuchungen, aber auch Warnungen. Etwa: "Wenn Sie Blutspuren in Ihrem Slip finden, warten Sie nicht, sondern gehen Sie sofort in ein Krankenhaus."

Nach Angaben von Totohealth gehen 92 Prozent der Nutzerinnen nun in eine Klinik, um zu entbinden. Nach der Geburt geht es in den Nachrichten vor allem um Impfungen, anstehende Untersuchungen, Anzeichen für Fehlentwicklungen.

Start-ups als Ersatz für NGOs?

Zwei große Hoffnungen werden in die afrikanische Start-up-Szene gesetzt. Zum einen soll sie Arbeitsplätze für die heimische Wirtschaft generieren - wenn etwa kleine Unternehmen wachsen und junge Informatiker wie Nicholas Gakumo einstellen können. Zum Anderen durch Strukturen, wie sie etwa durch das MPesa-Bezahlsystem entstehen. Das gibt zum Beispiel Lieferdiensten mehr Sicherheit - und lässt auch sie wiederum wachsen.

So könnte die Wirtschaft Aufgaben übernehmen, die oft von Nichtregierungsorganisationen aus dem Ausland angegangen werden. Deren Problem sei, dass sie kein Geld verdienen, sondern im Gegenteil auf welches angewiesen sind, sagt Kimaru von Totohealth. Sobald die Förderer abspringen, sterben die Projekte.

"Start-ups denken anders, nachhaltiger. Sie müssen ja überleben", sagt Kimaru. Den Start von Totohealth finanzierte er per Crowdfunding. Heute steht die Firma auf eigenen Füßen. Drei Dollar im Monat kosten die Nachrichten, davon kann Kimaru acht Vollzeitstellen und etliche freie Mitarbeiter im ganzen Land bezahlen, die für Totohealth werben. 25.000 Dollar gibt er dafür monatlich aus.

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28 min
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