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Stazzema in Italien - Die virtuelle Stadt der Antifaschisten

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Ein Bürgermeister in der Toskana hat eine virtuelle "antifaschistische" Stadt gegründet. Jeder kann online Bürger werden und damit ein Zeichen gegen Hass und Rassismus setzen.

Stazzema: Virtuelle Stadt der Antifaschisten
Stazzema: Virtuelle Stadt der Antifaschisten Quelle: anagrafeantifascista.it

Maurizio Verona ist Bürgermeister von Stazzema – einem kleinen Ort in der Toskana mit 3.100 Einwohnern. Es ist ein Ort, an dem die deutsche SS, deutsche Faschisten, vor fast 75 Jahren ein Massaker verübten. 560 Menschen sollen getötet worden sein. Am Ort des Grauens befindet sich heute eine Gedenkstätte. Auch die virtuelle Gemeinde von Stazzema, die Bürgermeister Verona gegründet hat, ist eine Aktion gegen das Vergessen.

38.000 virtuelle Bürger gegen den Faschismus

Bürger der virtuellen Gemeinde kann jeder werden, der sich online auf der Webseite Anagrafe Nazionale Antifascista registriert und so zur "Charta von Stazzema" bekennt. Die hat der Bürgermeister zusammen mit Mitarbeitern aus Stadtrat und Verwaltung geschrieben. Es hört sich an wie eine Anweisung für eine bessere Welt: Der virtuelle Bürger von Stazzema bekennt sich zu einer "Welt ohne Krieg, Terror und Unterdrückung", zu "Schönheit und Zivilisation".

Es ist eine symbolische Geste, sich zu registrieren, sie hat keine Rechtsfolgen, es sind keine Verpflichtungen damit verbunden. "Eine vielleicht verrückte Idee, die aber einen Erfolg hatte, weit über unsere Erwartungen hinaus", sagt Bürgermeister Verona heute. Über 38.000 Menschen haben sich seit bereits online in die Liste eingetragen. Die virtuelle Gemeinde ist damit viel größer als die meisten italienischen Gemeinden – und auch als Stazzema selbst.  

Gegen Hitlergrüße an historischen Orten 

Die Idee zu einer virtuellen Gemeinde hat Bürgermeister Maurizio Verona im letzten Dezember Wirklichkeit werden lassen. Der 70. Jahrestag der italienischen Verfassung stand bevor. Sie betont in Artikel drei die Prinzipien von Freiheit und Demokratie. Genau die wollte Verona mit seiner Initiative wieder in den Vordergrund rücken, weil in Italien, wie auch anderswo,  rechtsradikale Gesten und Symbole wieder alltäglich wurden.

"Es macht mich nachdenklich, dass immer häufiger faschistische Symbole wieder auftauchen", so Verona. Insbesondere störe ihn, wenn Jugendliche so etwas an symbolischen Orten verwenden. "Also, wenn ein Jugendlicher an einem Ort, wo im Zweiten Weltkrieg durch Hitlers Truppen Massenmorde verübt wurden, den Hitlergruß macht - da finde ich es notwendig, dass eine virtuelle weltweite Gemeinschaft so stark wird, um solche negativen Tendenzen zu bekämpfen. Die Bürger sollen in ihrem Umfeld die Werte der Charta vertreten." 

Stazzema hat erlebt, wozu Faschismus fähig ist

Während des Wahlkampfes Anfang Februar hatte ein als rechtsextrem bekannter Mann in der Stadt Macerata auf Afrikaner geschossen – aus fremdenfeindlichen Motiven. In Italien entbrannte daraufhin eine Debatte über Rassismus und Fremdenhass, aber auch die Rolle des Faschismus dabei – und wie Italien die eigene Geschichte aufarbeitet. "Wir in Stazzema, mit unserer Geschichte,  können nicht schweigen", so Bürgermeister Verona. Denn in Stazzema haben sie erlebt, wozu der Faschismus fähig ist.

Am 12. August 1944  fielen deutsche Soldaten, vor allem der Waffen-SS, in Stazzemas Ortsteil Sant’Anna ein. Sie erschossen Frauen, Kinder und Alte mit Maschinengewehrsalven, trieben Menschen in Häusern zusammen, warfen Handgranaten und brennende Strohballen hinein. Die Leichen schichteten sie zusammen mit den Kirchenbänken vor der Dorfkirche auf und verbrannten sie. Etwa 560 Menschen sollen Opfer des Massakers geworden sein. Nach dem Krieg wurde jedoch erst kaum über das Grauen der faschistischen Zeit gesprochen.

"Damit das, was damals passierte, nie wieder geschieht"

"Es ist wichtig, die Erinnerung an das wach zu halten, was hier geschah – wozu Faschismus fähig ist," sagt Bürgermeister Verona, "meine Initiative ist damit auch: das, was damals geschah, vor allem der jungen Generation vor Augen zu führen. Damit das, was damals passierte, nie wieder geschieht."

Für seine Initiative hat Bürgermeister Verona Kritik eingesteckt: "Ja, ich wurde kritisiert, auch sehr hart. Das ist Teil des Spiels. Aber ich habe auch viel Beistand erhalten." Schließlich sei es das Wichtigste, dass das Thema überhaupt in der Gesellschaft diskutiert werde.

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