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Gewalt gegen Frauen - "Kein Zustand, den man Liebe nennen kann"

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Stefanie ist 34, lebt in Berlin und schreibt auf Instagram. Über ihr Leben, ihren Heilungsprozess und ihre Vergangenheit mit einem gewalttätigen Mann. Ihre Geschichte.

Stefanie
Stefanie, Foto: Bastian Bochinski

Wie hat das alles angefangen? Mit dieser Frage beginnt das Gespräch mit Stef. Ein Gespräch über einen Teil ihres Lebens, den man gar nicht fassen kann und auch gar nicht fassen möchte. Es ist aber auch ein Gespräch darüber, wie man es schaffen kann, sein "kaputtes Ich" wieder zusammenzukleben und so zu strahlen wie Stef auf diesem Foto.

Stefanie
Stefanie ist 34 Jahre alt und wohnt in Berlin. Von ihren Freunden wird sie Steffi oder Stef genannt. Foto: Bastian Bochinski

Stef ist 21, als sie mit ihrem Freund in die USA reist, um seine Familie kennenzulernen. Die beiden sind seit circa eineinhalb Jahren ein Paar, führen eine Fernbeziehung zwischen Mannheim und Berlin. In Mannheim ist ihr Freund, ein US-amerikanischer Soldat, zu dieser Zeit stationiert. Sie findet ihn wahnsinnig charismatisch, klug, kreativ, hübsch. Ein Mann mit einer ganz besonderen Wirkung auf andere, sagt sie. Dieser Mann geht während des Urlaubs vor seinen Eltern und Freunden auf die Knie und macht Stef einen Heiratsantrag.

Stef: "Ich weiß gar nicht, ob ich in dem Moment schon bereit war. Aber diese Geste war so groß und irgendwie hat das für mich einfach Sinn gemacht, auch aufgrund unserer Geschichte: Dass er Amerikaner ist und ich Deutsche, dass seine ganze Familie da war. Ich glaube, ich habe 'Ja' gesagt, weil ich dachte, dass ich so reagieren muss. Ich habe ihn geliebt, ich war aber trotzdem noch eine junge Frau. Ich war 21."

Rote Flaggen

Die beiden sind zurück in Deutschland, als ihr Verlobter nach Arizona eingezogen wird. Das Paar fasst den Entschluss, gemeinsam nach Amerika zu gehen.

Ich bin dann also direkt in eine Situation gekommen, die absolut ungesund war, die sofort rote Flaggen gezeigt hat.
Stef

Stef: "Er ist dann schon mal nach Arizona vorgezogen, um alles zu organisieren und sich in der Station einzuleben. Ich habe in der Zeit bei seiner Familie gelebt, sechs Wochen lang. Währenddessen fing er wohl schon an Poker zu spielen. Ich bin dann sechs Wochen später nach Arizona nachgeflogen und wurde quasi schon am Flughafen mit den Worten begrüßt 'Hey, ich hab ein super tolles neues Hobby, ich spiele Poker!' Er war dann eigentlich schon richtig drin in der Sucht. Ich bin also direkt in eine Situation gekommen, die absolut ungesund war, die sofort rote Flaggen gezeigt hat."

Rote Flaggen - so werden Warnzeichen genannt, die auf häusliche Gewalt hinweisen. Wenn Stef auf ihre Vergangenheit blickt, sieht sie ein Meer dieser Flaggen. Nur wenige Tage nach ihrer Ankunft kam es zu dem Moment, in dem sie das erste Mal Angst vor ihrem Mann bekam.

Stef: "Soweit ich mich erinnern kann, wollte ich, dass er nicht zum Spielen geht. Ich wollte, dass er Zeit mit mir verbringt, weil ich frisch in diesem Land war, niemanden kannte und natürlich Zeit mit meinem Partner verbringen wollte. Und das hat ihn so sauer gemacht, weil er wirklich dachte, er muss da jetzt hin - er hatte einen richtigen Zwang. Irgendwann ist er dann einfach los und hat mich eingesperrt. Er hat mich in der Wohnung eingeschlossen, bis er nachts vom Pokern zurückkam."

Auf Eierschalen laufen

Nachdem sie das erste Mal von ihrem Ehemann eingesperrt wurde, kam es zu immer mehr, immer heftigeren Attacken.

Stef: "Das Spielen wurde immer schlimmer, das Trinken wurde immer schlimmer. Seine Emotionen an mir auslassen wurde immer schlimmer. Ich hatte das Gefühl, ich laufe auf Eierschalen. Er könnte jeden Moment explodieren. Das ist kein Zustand in dem man leben kann, das ist kein Zustand, den man Liebe nennen kann.

Das ist kein Zustand in dem man leben kann, das ist kein Zustand, den man Liebe nennen kann.

Arme verdrehen, Beine verdrehen. Schubsen, Essen auf den Boden werfen, Würgen, das war alles dabei. Er hat mich emotional manipuliert, damit ich denke, dass das, was er macht, normal ist und ich es verdient habe."

Stefanie
Foto: Bastian Bochinski

Irgendwann hat Stef gemerkt, dass sie da raus muss.

Stef: "In dem Moment, als er das erste Mal handgreiflich wurde, habe ich gemerkt: "Scheiße." Das war meine absolute Grenze und ich bin auch dankbar dafür, weil ich realisiert habe: Das kann so nicht sein, das darf so nicht sein, das ist nicht mein Leben. Ich muss hier raus."

Mein großes Problem war aber, dass ich nicht wusste, wie komme ich überhaupt sicher hier raus? Ich war ganz alleine in dem Land, ich hatte die finanziellen Mittel nicht, ich hatte meine zwei Hunde und ich wusste gar nicht, wie ich das logistisch möglich machen soll, da rauszukommen. Außerdem kamen Drohungen hinzu. Er hat gesagt: "Ich bringe dich um, ich bringe die Hunde um, ich bringe mich selbst um, wenn du gehst." Trotzdem habe ich gesagt: "Ich möchte hier raus." Ich musste mir aber ganz genau überlegen, wie ich es schaffe, dass alle sicher aus der Situation kommen."

Auf die Frage, ob man ihren Weg zurück nach Deutschland als Flucht bezeichnen kann, sagt Stef ganz klar: Ja.

Stef: "Ich habe mich einem Freund anvertraut, der mir ein Nothandy besorgt hat, von dem mein Mann nichts wusste. Ich habe außerdem einen Notrucksack mit den wichtigsten Dingen gepackt, falls ich wegrennen muss. Und das tat ich dann auch. Er hat mir eines Tages mein reguläres Handy und meine Schlüssel weggenommen. Da habe ich meine Hunde geschnappt, meinen Rucksack aus der Ecke gezogen und bin gerannt. Ich bin zu einer Freundin gerannt und ihr Ehemann hat die Military Police, die Militär-Polizei angerufen.

Die haben ihn dann für drei Tage aus unserem Haus genommen. Das ist Routine und passiert dort ständig, wenn sich Ehepaare streiten. Für drei Tage schlafen die Soldaten oder Soldatinnen dann einfach wo anders. In dieser Zeit habe ich meine Sachen gepackt und bin zu einem Freund gezogen, dessen Adresse er nicht kannte. Dort habe ich dann meinen Rückflug nach Deutschland vorbereitet."

Alles andere als frei

Bevor sie allerdings zurück nach Deutschland gehen konnte, wird sie gezwungen, zurück zu ihrem Ehemann zu gehen. Diese Zeit beschreibt sie im Interview als die schlimmste. Sie erzählt, wie sie von ihm bewusstlos getreten wurde und dass er jedes Mal wieder gedroht hat, ihre Hunde umzubringen, wenn sie es wagt, noch einmal die Polizei anzurufen. Irgendwann, sagt Stef, kam aber der Zeitpunkt, als so viele Leute davon wussten und involviert waren, dass er quasi aufgegeben hat. Das war der Moment, als Stef gehen konnte. Sie verließ mit ihren Hunden die USA.

Stef: "Ich weiß noch, dass ich mit meinen zwei Hunden in den Flieger gestiegen bin und dachte: Ich bin endlich frei. Aber dann kam ich hier an und habe realisiert: Ich bin alles andere als frei. Während ich in den USA war, litt ich unter Todesangst und war deswegen in einem Automatik-Modus.

Ich litt unter Todesangst und war in einem Automatik-Modus.

Ich konnte gar nicht verarbeiten, was da passiert war. Erst in Deutschland habe ich dann gemerkt, dass ich körperlich und seelisch kaputt bin. Egal, wie viel ich darüber geredet habe, hatte ich immer das Gefühl nicht gehört und nicht gesehen zu werden. Das wurde erst besser, als ich die Therapie gemacht habe."

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Stef erzählt, dass sie nur bei Licht schlafen konnte, Albträume hatte und schreckliche"Flashbacks". Sie konnte nicht von Männern angefasst werden. Durch die Schädeltritte, sagt Stef, hat sie außerdem gravierende Schäden erlitten. Die Blockaden und Verspannungen waren so schlimm, dass sie über Jahre hinweg Schwindel hatte. Sie konnte wochenlang nicht stehen oder sitzen. Stef hat über fünf Jahre eine Verhaltenstherapie mit anschließender Traumatherapie gemacht.

Ein kleines "inneres Feuer"

Stef: "Ich hatte so richtig tiefe Phasen, mir ging es richtig schlecht. Aber irgendwie hatte ich immer so ein kleines inneres Feuer in mir, das mir gesagt hat: "Das war’s jetzt noch nicht!" Und ich hatte eine ganz tolle Therapeutin.

Kraft und Liebe können nicht alleine heilen, was so kaputt gemacht wurde.

Die Therapie war der essentielle Baustein, der mir ermöglicht hat, zu verarbeiten, zu verstehen und so gut es geht zu heilen. Der es geschafft hat, mein Feuer wieder größer werden zu lassen. Zwischendurch habe ich oft gedacht 'Fuck that shit, ich kann nicht mehr!' Aber ich bin am Ball geblieben und das ist das beste, was ich machen konnte. Meine Hunde, Freunde, meine Familie haben mir Kraft gegeben. Aber Kraft und Liebe können nicht alleine heilen, was so kaputt gemacht wurde."

Wie geht es Stef heute?

Stef: "Gut. Ich bin dankbar, dass ich das, was ich gelernt und verstanden habe, ein bisschen mit anderen teilen kann. Ich möchte gern kurz die Person sein, die ich vielleicht damals selbst gebraucht hätte. Ich weiß, dass ich diese Person bereits für Leute war und das ist vermutlich das bestmögliche was man tun kann: Eine schlimme Situation nehmen, in die Selbstverantwortung reinstapfen, an sich arbeiten, sich Zeit und Raum zum Heilen nehmen und dann das nutzen, um anderen Menschen zu helfen.

Ich werde immer in 'Recovery' sein, immer auf diesem Weg sein und das, was passiert, wird mich immer formen. Ich bin nur schon so weit auf dem Weg, dass ich manchmal die Stimme sein möchte, die anderen Hoffnung gibt und warnt.

Und noch was: Ich möchte einmal Bass spielen! Irgendwann auf einer kleinen Bühne. Denn das heißt, dass ich mutig geworden bin und, dass ich stark genug bin, dieses Ding zu halten."

Das Interview führte Teresa Betz.

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Alarmierende Zahlen zu Gewaltdelikten in Beziehungen: 114.000 Frauen wurden in Deutschland vergangenes Jahr Opfer körperlicher Gewalt – durch ihre Partner oder Ex-Partner.

von D. Müller-Russell, I. Klinge, S. Bassler
Videolänge:
1 min
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