Sie sind hier:

Klimawandel - Steigt das Meer schneller und höher als gedacht?

Datum:

Der Meeresspiegel könnte viel stärker und schneller ansteigen als bisher erwartet. Das jedenfalls schließt die Bundesregierung nicht aus. Forscher warnen genau davor schon länger.

Archiv: Passanten gehen am 06.05.2015 bei Nieblum bei strahlendem Sonnenschein am Strand spazieren
Auch die Nordsee ist vom steigenden Meeresspiegel betroffen - an manchen Stellen könnten Schutzbauten wie Deiche nicht mehr helfen (Bild: Spaziergänger am Strand von Nieblum).
Quelle: dpa

Die Bundesregierung schließt offenbar nicht aus, dass der Meeresspiegel an Nord- und Ostsee deutlich höher und schneller steigt als bislang angenommen. Die Antwort von Umweltstaatssekretär Florian Pronold (SPD) auf eine Anfrage der Grünen fällt deutlich aus: "Neue Arbeiten in diesem Zusammenhang lassen es möglich erscheinen, dass es zu einem höheren und beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels kommen kann, als bislang angenommen worden war", sagt er laut "Neuer Osnabrücker Zeitung".

Mit "bislang angenommen" sind offenbar Schätzungen des Weltklimarates IPCC gemeint. Nach denen steigt der Meeresspiegel bis Ende des 21. Jahrhunderts um 26 bis 55 Zentimeter an - aber nur, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen deutlich reduziert wird, was bisher nicht der Fall ist. Im ungünstigsten Szenario rechnet der IPCC mit einem Anstieg um 45 bis 82 Zentimeter. Schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Schätzungen 2013 schloss der Weltklimarat aber nicht aus, dass es auch deutlich mehr sein könnten.

"Eine der großen Unbekannten ist die Antarktis"

Das Problem ist: Niemand kann wirklich vorhersagen, was genau in Zukunft mit den Meeren und Ozeanen passieren wird. "Wir wissen von Pegelmessungen seit Anfang des letzten Jahrhunderts, dass der Meeresspiegel um 20 Zentimeter gestiegen ist", sagt Torsten Albrecht vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK). "Was wir auch wissen ist, dass sich die Geschwindigkeit, mit der der Meeresspiegel ansteigt, beschleunigt. Momentan liegen wir bei etwa 0,3 Zentimetern im Jahr. Das heißt: Nach drei Jahren kommt immer ungefähr ein Zentimeter dazu.“

Tendenz: Zunehmend. Das haben Beobachtungen aus dem All ergeben. Die US-Klimabehörde NOAA stellte Anfang des Monats fest, dass der durchschnittliche Meeresspiegel im vergangenen Jahr 7,7 Zentimeter über dem von 1993 lag. Verglichen mit den Jahrzehnten davor ein deutlich schnellerer Anstieg.

Genaue Prognosen sind darüber hinaus schwierig. Die Ausdehnung des Wassers durch die Temperatur lässt sich dabei noch recht einfach berechnen. Genauso wie das Abtauen von Eis. "Das sind Prozesse, die wir einigermaßen gut verstanden haben", so Albrecht. Aber: "Eine der großen Unbekannten ist die Antarktis. Momentan ist der Beitrag der Antarktis zum globalen Meeresspiegelanstieg ein Fünftel. Aber dieser Beitrag wird in Zukunft dominieren."

Effekte, die den Klimawandel "anheizen"

Praktisch unvorhersehbar seien so genannte dynamische Rückkoppelungsmechanismen. Ein Beispiel: Gletscherschmelzwasser könnte die Meeresoberfläche weniger salzig und schwimmfähiger macht. Das verhindert, dass sich das Wasser im Winter vermischt und seine Wärme in tieferen Schichten verliert. Und so wird wiederum die Schmelze von Gletschern auch über den eigentlichen Temperaturanstieg verstärkt.

Auch andere Effekte könnten den Klimawandel zusätzlich "anheizen": Wenn Eis schmilzt, dann wird dunkler Boden frei, der die Sonne weit schlechter reflektiert und die Wärme besser aufnimmt. Und: In den Permafrost-Gebieten, vor allem in Sibirien, lagern große Mengen Methan im Boden, die beim Abtauen in die Atmosphäre entweichen. Methan ist dabei ein weit stärkeres Treibhausgas als etwa Kohlendioxid.

Harald Lesch mit "breaking bad news" zum Klimawandel.

Beitragslänge:
6 min
Datum:

Ab welcher Temperatur die Kipppunkte für solche Rückkoppelungsmechanismen erreicht werden und welche - möglicherweise drastischen - Konsequenzen das haben könnte, daran wird noch geforscht. Belastbare Szenarien für das Ausmaß des Meeresspiegelanstiegs macht das jedenfalls nicht leichter. Eine neue Studie von australischen und europäischen Forschern warnt sogar vor einer "Heißzeit" mit einem Meeresspiegelanstieg von katastrophalen zehn bis 60 Metern.

Begründung: Die "Kippelemente könnten sich wie eine Reihe von Dominosteinen verhalten. Wird einer von ihnen gekippt, schiebt dieses Element die Erde auf einen weiteren Kipppunkt zu", warnt Johan Rockström vom Stockholm Resilience Centre. Sicherlich ein besonders extremes Szenario. Aber auch andere Studien - etwa der University of Colorado - gehen von höheren Pegelständen aus, zum Beispiel von einem bis eineinhalb Metern Anstieg bis zum Ende des Jahrhunderts.

Untergang einiger Inselstaaten kaum noch zu stoppen

Trifft das zu, könnten Anpassungsmaßnahmen wie höhere Deiche an der Nord- und Ostsee, höhergelegte Straßen wie in Miami oder Umsiedlungen ganzer Dörfer wie in Fidschi nicht mehr reichen. Schon jetzt ist der Untergang von Inselstaaten wie Tuvalu in wenigen Jahrzehnten nur noch theoretisch aufhaltbar. Die Länder der Welt müssten "so schnell wie möglich raus aus den fossilen Energieträgern, insbesondere aus der Kohle", fordert Torsten Albrecht vom PIK. Nur wenn der Ausstoß von Treibhausgasen drastisch reduziert werde, dann könne der Meeresspiegelanstieg noch begrenzt werden. 

Auch die Bundesregierung könne, so wird die Antwort auf die Anfrage zitiert, nicht sagen, inwieweit an den deutschen Küsten "mögliche Gebiete unbewohnbar sein werden", so Pronold. Und das gelte schon für die konservativen Schätzungen des Weltklimarates. Aber: Ein Arbeitskreis von Bund und Ländern arbeite bereits "an einer Strategie zum Umgang mit dem Meeresspiegelanstieg".

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.