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Wider die Angst

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Kirchentag und die großen Themen - Wider die Angst

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Klein-Klein ist nichts für den Kirchentag. Digitalisierung, Migration und Klima lösen Ängste aus. Zwei Bundespräsidenten machen Vorschläge. Auch eine Fast-Präsidentin hat Ideen.

Wenn der alte zurzeit mehr von sich reden macht als der aktuelle, dann liegt das vielleicht am Thema. Wie umgehen damit, dass die AfD im Osten stärkste Partei werden könnte? Kann man Protestwähler wieder zurückholen? Alt-Bundespräsident Joachim Gauck hat mit seiner These, es sei mehr Toleranz gegenüber den AfD-Wählern nötig, viel Stirnrunzeln ausgelöst. Den Kirchentag in Dortmund nutzte er jetzt, um zu erklären, was er denn eigentlich meint. Dass man ihm eine Nähe zur der Partei unterstellt hat, die ihn einst ausgepfiffen hat, muss ihn sehr gekränkt haben.

Gauck: Döner ja, Burger nein

Joachim Gauck auf dem 37. Deutschen Evangelischer Kirchentag
Alt-Bundespräsident Joachim Gauck auf dem Evangelischen Kirchentag.
Quelle: dpa

Zwei Seiten der Medaille sieht er. Die erste: "Wenn ich politische Ansätze widerlich finde, sie aber nicht illegal sind, muss ich mich mit ihnen auseinandersetzen", sagt Gauck. Die zweite: "Faschisten und Nationalisten kann man nur mit Intoleranz begegnen." Wer intolerant ist, müsse selbst Intoleranz spüren. Und wenn der Rechtsstaat in Frage gestellt werde, "ist die Antwort: Intoleranz", sagt er. Damit könnte eigentlich alles zur AfD gesagt sein. Doch so einfach ist es natürlich nicht. Gauck sieht noch eine tiefere, psychologische Dimension, die nicht nur die Ostdeutschen betrifft. Wie umgehen mit dieser Angst? Vor dem Auflösen der Grenzen, den Fremden, der Digitalisierung, die den Arbeitsplatz vielleicht überflüssig macht, die künstliche Intelligenz - alles ist immer global, obwohl manchmal schon die Probleme am Gartenzaun nicht zu lösen sind.

Mit solchen Ängsten der Veränderung, mit dem drohenden Verlust des Vertrauten, lässt sich prächtig Politik machen. Dass es diese Ängste gibt, sagt Gauck, sei "völlig normal". Sie wegzureden, werde nicht gelingen. "Wir werden in unbehaglicher Koexistenz mit ihr leben müssen." Gauck verweist eher auf die Möglichkeiten, sich ihr zu stellen oder zu überwinden. Für ihn, den Mecklenburger, sei auch einiges komisch gewesen, als er nach der Wende nach Berlin kam.

Döner und ich gehen. Burger und ich gehen nicht.
Joachim Gauck

Küssende Männer auf der Straße? "Man muss sich daran gewöhnen, dass die mich gar nicht bedrohen." Es gebe neben der "Geschichte der bekloppten Ressentiments" in diesem Land auch eine Geschichte der Annäherung. Deswegen müsse man nicht alles Fremde gut finden. "Döner und ich gehen. Burger und ich gehen nicht. Ist einfach so." Oder etwas ernster: Im Wendeherbst 1989 die Angst vor der Stasi überwunden zu haben, heißt nicht, dass Angst für immer verschwunden ist, sagt Gauck. Aber es gebe ein "Ja zu den Möglichkeiten".

Steinmeier will nicht ins "digitale Lummerland"

Frank-Walter Steinmeier, der aktuelle Bundespräsident, griff sich eine dieser Ängste heraus. Nämlich all das, was hinter dem Begriff Digitalisierung steckt. Die Datensammelwut von Google, Amazon und Co, die Manipulation durch Algorithmen, Hetze in den Netzwerken. Eine Hetze, die den demokratischen Diskurs nicht nur bedrohen, sondern wie im Fall der Erschießung des CDU-Politikers Walter Lübcke vielleicht sogar Wegbereiter eines Mordes gewesen sein könnte. Muss man das alles so hinnehmen? Muss man nicht, findet Steinmeier.

Schon jetzt könnten Unternehmen gezwungen werden, Algorithmen offenzulegen. Oder Polizei und Staatsanwaltschaft so ausgestattet werden, dass Hetze im Netz verfolgt wird. "Wir brauchen den Mut, das Spiel zu unterbrechen." Steinmeier will eine Debatte darüber, wie sich das Digitale demokratisieren lässt. "Ziehen wir uns zurück ins digitale Lummerland oder beginnen wir darüber zu sprechen, welche Digitalisierung wir wollen?"

Der Bundespräsident schlägt vor, Europa solle einen Mittelweg zwischen der absoluten Datenfreiheit wie in den USA, siehe Google und Co., und absoluter Datenkontrolle wie in China einschlagen. Dafür brauche es eine neue Ethik für das Digitale, die sich an der Ethik der Freiheit orientiere. Das Fundament des Wohlstandes, die Errungenschaften von Grundgesetz und Menschenrechten einigen wenigen amerikanischen Konzernen zu überlassen, "das kann nicht Sinn und Zweck sein", sagt Steinmeier. Europa müsse sich auf einen "ethischen Minimalstandard" verständigen. Um den zu finden, sei die Zivilgesellschaft gefragt. Das sei schwer, aber könne gelingen, sagt Steinmeier. Er sei da völlig "angstfrei". Wenn "wir die Schmollecke verlassen und uns einsetzen, dann bleibt die Zukunft gestaltbar".

Archiv: Ein iPhone mit einem Bibeltext aus der Offenbarung des Johannes und eine Bibel in einer Kirche am 21.10.2014

Digitalisierung der Kirche -
Gott zum Wischen
 

Gott hat sonntags, 10 Uhr, seinen Platz. So war es immer. Christen melden sich jetzt auch woanders zu Wort: Youtube, Instagram. Die evangelische Kirche ist digital, manchmal.

von Kristina Hofmann

Käßmann sieht Aufgabe bei Kirchen

Digitalisierung, AfD und Zukunftsängste - all das hat natürlich auch mit der Kirche zu tun. Nicht nur die beiden Bundespräsidenten erinnerten die Protestanten daran, dass es ihre Aufgabe sei, sich in die Fragen der Zeit einzumischen. Auch jemand, die immer mal wieder für das Amt im Schloss Bellevue in Gespräch war, sieht Handlungsbedarf: Margot Käßmann.

Allerdings viel Grundsätzlicher. Zunehmend ließen Menschen Gott einen guten Mann sein, sagt Käßmann. "Unserer Gesellschaft ist die Transzendenz schlicht abhandengekommen, die doch gerade Räume der Freiheit eröffnet." In Utopien denken, Visionen entfalten, wie die Bibel sie kennt, das fehle. Es eine "Aufgabenbeschreibung für unsere Kirchen in dieser Zeit", sich um das Gottesbild der Menschen zu kümmern. Also um Gott.

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