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Treffen mit einem Schwerkranken - Sterbehilfe: Selbstbestimmt in den Tod

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Schwerkranke dürfen ein Medikament beantragen, um selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden. Doch in der Praxis wurde es bisher verwehrt. Ein Treffen mit einem Betroffenen.

Dunja Hayali und Hans-Jürgen Brennecke
Dunja Hayali und Hans-Jürgen Brennecke
Quelle: ZDF/Ole Jürgens

Wie sieht der Alltag eines todkranken Menschen aus? Wie gehen Angehörige und Freunde mit dem Wunsch nach aktiver Sterbehilfe um? Ich habe einen Mann getroffen, der unheilbar an Krebs erkrankt ist und dafür kämpft, in Würde zu sterben. Also mit möglichst wenig Schmerzen und vor allen Dingen selbstbestimmt. Doch das ist in Deutschland nicht möglich. Deshalb klagt Hans-Jürgen Brennecke. Er will erreichen, dass ihm der Staat das nötige Medikament dafür zur Verfügung stellt.

Ich selbst musste mich schon in frühen Jahren mit dem Thema Sterben und Tod auseinandersetzen. Zuletzt mit dem Loslassen von meiner Mutter und meiner Hündin. Vielleicht sind daher meine Berührungsängste bzw. Hemmschwellen bei diesem Thema ziemlich niedrig, auch wenn der Gedanke an den eigenen Tod etwas abstrakt bleibt.

Angst vor Siechtum und Würdelosigkeit

Der, der sich das mit dem Leben ausgedacht hat, hat sich das mit dem Tod nicht gut überlegt, sage ich immer. Und dieser Gedanke kam mir auch als allererstes, als ich Hans-Jürgen Brennecke getroffen habe. Der 74-Jährige lebt in der Nähe von Lüneburg. Er unterstützt eine Familie, die Kinder nennen ihn Opa. Hans-Jürgen Brennecke begrüßt mich mit festem Händedruck. Während wir gemeinsam Blumenzwiebeln pflanzen, kommt er ohne Umschweife zum Punkt.

Der ehemalige Sozialarbeiter leidet an einer unheilbaren, aggressiven Krebserkrankung. Nach einer Chemotherapie ruhte der Tumor ein paar Monate. Jetzt haben sich neue Metastasen gebildet. Der 74-Jährige wird bald sterben. Vor dem Tod selbst habe er keine Angst, sagt er. Aber vor dem Weg dahin, vor schmerzhaftem Leiden, vor Siechtum, vor Würdelosigkeit. Eine erneute Chemotherapie lehnt er ab. Schon die letzte hat er nicht gut vertragen, im Krankenhaus schrie er und krümmte sich vor Schmerzen. Das will er nie wieder ertragen müssen.

Nicht wochenlang "total sediert rumliegen"

Genauso wenig will er in die Hilflosigkeit abrutschen. "Wochen- oder gar monatelang total sediert irgendwo rumliegen. Was ist das für ein Abgang?" Er denkt pragmatisch und wirkt abgeklärt. So abgeklärt, dass ich mich zwischendurch kurz schütteln muss. Fast kommt es mir so vor, als sprächen wir über Kitagebühren, dabei geht es hier um Leben und Tod. Seinen Tod.

Als ich ihn darauf anspreche, meint er, er wolle nun mal kein Mitleid und auch nicht jammern. Stattdessen hat Brennecke für sich selbst eine Entscheidung getroffen. "Ich möchte in Würde gehen." Seine Angelegenheiten regeln, sich verabschieden und dann … zu einem selbstgewählten Zeitpunkt an einem selbstgewählten Ort einschlafen und nicht mehr aufwachen.

Keine Freigabe für tödliche Dosis

Es ist Zeit für seine Medikamente, Brennecke muss zurück ins Haus. Mir will er einen Kaffee machen. Am Wohnzimmertisch zeigt er mir den Schriftverkehr. Bereits im November 2017 hat er bei der zuständigen Behörde einen Antrag auf die Freigabe von 15 Gramm - der tödlichen Dosis - eines Betäubungsmittels gestellt. Sein Antrag wurde abgelehnt, obwohl das Bundesverwaltungsgericht im März 2017 entschieden hat: Der Staat darf unheilbar kranken Menschen in extremen Notlagen ein Betäubungsmittel für den risiko- und schmerzfreien Suizid nicht verwehren.

Brennecke fühlt sich hingehalten und kämpft weiter um sein Recht auf Selbstbestimmung. "Ich erwarte ja nicht mal, dass der Staat etwas für mich macht, ich will nur, dass er ein Verbot lockert." Meinen vorsichtigen Einwand, dass der Staat auch Verantwortung habe in der Prävention von Suizid, kann er nachvollziehen. "Aber nicht bei erwachsenen, alten Leuten, die schwerkrank sind, da hört es einfach auf. Ich möchte nicht, dass mir einer am Ende sagt, wie ich leiden soll. Das geht mir einfach zu weit. Punkt." Trotz seiner klaren, sachlichen Art merke ich ihm deutlich an, dass der Tod eine zutiefst persönliche Angelegenheit ist.

Freunde unterstützen den Wunsch auf Selbstbestimmtheit

Gemeinsam machen wir uns auf den Weg nach draußen und treffen zwei Freunde von ihm, Max Werner und Ezra Pourya. Ich will wissen, wie sie mit seinem Wunsch umgehen. Wie fühlt es sich an, wenn eine nahestehende Person selbstbestimmt aus dem Leben scheiden will? Werner unterstützt Brenneckes Wunsch. Er kann nicht verstehen, weshalb das Selbstbestimmungsrecht ein Leben lang gelten, aber beim Sterben enden soll. Pourya sieht es ganz ähnlich. Er betont, dass er sich über jeden zusätzlichen Tag freut, an dem es seinem Freund gut geht. "Aber ich will auch nicht so egoistisch sein und sagen, dass er nur wegen mir weiter leiden muss"“ Aber wann ist dieser Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weiter geht?

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat Brenneckes Antrag auf das tödliche Mittel abgelehnt. Das Institut gehört zum Geschäftsbereich von Gesundheitsminister Jens Spahn. Und der sagt, er könne nicht darüber entscheiden, wer mit staatlicher Unterstützung sterben dürfe und wer nicht.

Brennecke versteht das nicht. Er will diese Entscheidung selbstbestimmt fällen. Und bis dahin ganz normal weitermachen. Er hatte ein schönes Leben, und möchte nicht am Ende um ein paar Wochen feilschen. "Warum soll ich hinten noch ein paar Wochen rausquetschen, wenn die anderen 75 Jahre gut waren? Das macht für mich keinen Sinn." Hans-Jürgen Brennecke will den Tod nicht an der Nase herumführen, er will den Weg dahin in Würde gehen und in Würde beenden.

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