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Vor turbulenter Hauptversammlung - Stimmung bei Bayer dürfte kippen

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Bayer steht vor einer turbulenten Hauptversammlung. Die Klagewelle gegen das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat und ein Kurseinbruch haben das Fass zum Überlaufen gebracht.

Beim diesjährigen Aktionärstreffen bekommen die Chefs des Chemiekonzerns Bayer den geballten Zorn der Aktionäre zu spüren: Die Aktie hat die Hälfte ihres Werts verloren.

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Die Einladung zur Hauptversammlung liest sich alles in allem harmonisch. Von einem "ereignisreichen und nicht ganz einfachem Jahr für die Bayer AG" ist die Rede, auch von "erheblichen Kursverlusten" infolge eines erstinstanzlichen Urteils in den USA. Doch stellt der Brief an die Aktionäre bereits im nächsten Satz eine erfolgreiche Geschäftsentwicklung und vor allen Dingen eine "attraktive Dividende am Unternehmenserfolg" in Höhe von 2,80 Euro pro Aktie in Aussicht - so schlecht können die Zeiten also doch gar nicht sein.

Auf der Hauptversammlung im World Conference Center in Bonn dürfte die Stimmung kippen. Nicht nur, weil Umweltschützer und Menschenrechtsorganisationen schon ihren Protest vor und im Tagungssaal angekündigt haben. Richtig unangenehm wird es für den Vorstand und den Aufsichtsrat, wenn die Aktionäre, allen voran die Vertreter großer Investmentfonds, ihrem Ärger Luft machen.

Konzern in Erklärungsnot

Jürgen Kurz, Pressesprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), erwartet: "Es wird auf jeden Fall hoch hergehen, weil die Aktionäre sehr viel Geld verloren haben, und sie wollen das erklärt bekommen. Sie wollen vor allem wissen, ob es irgendwann wieder in die andere Richtung geht. Und das sieht ja im Moment nicht so aus. Das heißt also, das Unternehmen muss den Aktionären klar machen, dass Monsanto eine gute Idee war. Und zur Zeit sind nur sehr wenige Aktionäre davon überzeugt, dass es eine gute Idee war!"

63 Milliarden Euro hat die Übernahme des amerikanischen Agrarkonzerns Monsanto die Bayer AG gekostet - seit Vollzug letzten Sommer hat Bayer mittlerweile 37 Milliarden Euro an Börsenwert verloren. Von rund 100 Euro ist die Aktie auf 61 Euro gefallen, ein Minus von mehr als einem Drittel. Und so haben große Investoren bereits angekündigt, gegen eine Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat zu stimmen oder sich zu enthalten –ein unerhörter Vorgang, zumindest kann sich Jürgen Kurz von der DSW nicht daran erinnern, dass so etwas in den letzten Jahren bei einem DAX-Konzern vorkam. Die DSW fordert, die Entlastung - also die Vertrauensaussprache an Vorstand und Aufsichtsrat - zu vertagen.

Bittere Pillen für den Pharmagiganten

Letztlich hat das Unternehmen das Rechtsrisiko und vor allem auch die Frage, wie sich dieses Rechtsrisiko auf den Aktienkurs auswirkt, falsch eingeschätzt, sagen Experten. Bayer hat bereits zwei Prozesse in den USA verloren, bei denen den Klägern jeweils rund 80 Millionen Dollar zugesprochen wurden. Und der Strom der Glyphosat-Klagen reißt nicht ab: Bayer sieht sich in den USA mittlerweile mit etwa 13.400 Klägern konfrontiert.

Hintergrund: Die Kläger sind an Krebs erkrankt und führen ihre Erkrankung auf den jahrelangen Umgang mit glyphosathaltigen Unkrautvernichtungsmitteln von Monsanto zurück. Zwar halten viele Regulierungsbehörden Glyphosat für nicht krebserregend - doch die beiden Gerichte in den USA kamen zu einem anderen Schluss. Zudem werfen Kritiker wie Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen Bayer vor, kritische Untersuchungen von Glyphosat zu unterdrücken.

Betriebsgewinn hat sich um mehr als 44 Prozent erhöht

Viel wird auf der Hauptversammlung davon abhängen, ob es dem Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann gelingt, die Monsanto-Übernahme trotz allem als Erfolg darzustellen - immerhin hat sich im ersten Quartal der bereinigte Betriebsgewinn um mehr als 44 Prozent auf 4,2 Milliarden Euro erhöht, die starken Zuwächse hat Bayer vor allem dem ausgebauten Agrargeschäft durch die Monsanto-Übernahme zu verdanken. "Wir hatten einen guten Start in das Jahr", verkündete Vorstandschef Baumann am Donnerstag deshalb bei der Vorstellung der Quartalsbilanz. Und die Klagen in den USA? Gegen die beiden verlorenen Urteile ist Bayer bereits in Berufung gegangen bzw. hat Berufung angekündigt. Auch ein - dann vermutlich sehr teurer - Vergleich ist möglich.

Wie steht es um Bayer mittel- bis langfristig? "Sehr viel wird davon abhängen, wie die US-Gerichte entscheiden und wie Bayer es schafft, sich mit den Klägern zu einigen", sagt Jürgen Kurz von den Aktionärsschützern von der DSW. "Also schafft man es, so eine Art Vergleich zu schließen mit einer Summe, bei der man dann weiß: Ok, damit ist es erledigt. Schafft man das nicht, gibt es immer wieder neue Verfahren. Viel wird also davon abhängen, wie Bayer juristisch damit umgeht, und natürlich auch, wie es das nach außen verkauft. Die Aktionäre brauchen Sicherheit, was die nicht lieben, ist Unsicherheit. Im Moment ist, was die Risiken angeht, alles ziemlich unsicher."

Bayer-Skeptiker optimistisch

Eine der Gruppen, die fast schon traditionell bei der Bayer-Hauptversammlung demonstrieren, nennt sich "Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V." Sie wollen vor allem auch gegen den Arbeitsplatzabbau protestieren, den Bayer angekündigt hat: Bis Ende 2021 will der Konzern 12.000 Stellen streichen. Dem Kursverlust der Bayer-Aktie kann Vorstandsmitglied Jan Pehrke dagegen sogar etwas Gutes abgewinnen: "Es gab in der Vergangenheit bei Streit etwa um Medikamente mit starken Nebenwirkungen schon Schadenersatzprozesse. Das hat Bayer aber nie interessiert, weil die Zahlen stimmten. Bei Glyphosat ist es jetzt zum ersten Mal so, dass sich das auf die Zahlen auswirkt. Das finde ich positiv, dass die gesellschaftlichen Folgen von Unternehmenshandeln jetzt in die Aktienkurse fließen."

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