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Stimmung in München - Die Grünen sind reif - und keiner will ernten

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Bei der bayerischen Landtagswahl haben CSU und SPD gerade in den Großstädten verloren. Stattdessen triumphierten die Grünen. Trotzdem überwiegt bei vielen Münchnern Ernüchterung.

München - Stadtansicht
Quelle: imago

"Schwarzes Debakel! – Grünes Wunder!" und "Watschnwahl" titeln die Münchner Zeitungen an diesem Montagmorgen. Und es stimmt - in keiner anderen Stadt in Bayern zeigt sich die Niederlage der CSU und der Sieg der Grünen so deutlich wie in der Landeshauptstadt. Erstmalig schafften es Kandidaten der Grünen bei einer bayerischen Landtagswahl Direktmandate zu erringen - und dann wurden es gleich sechs. Darunter fünf der neun zu vergebenden in München. Doch so richtige Feierlaune will bei den Münchnern trotzdem nicht aufkommen.

"Die letzten autoritären Jahre waren eine Belastung"

"Söder ist alternativlos", sagt Ludwig Reichart über den bayerischen Ministerpräsidenten. Trotzdem ist er erleichtert, dass die CSU sich nun nach einem Koalitionspartner umschauen muss. "Auch wenn die Verdienste der CSU vorhanden sind, waren diese letzten autoritären Jahre eine Belastung." Hier im Stadtteil Schwabing, wo der ehemalige Personalentwickler gerade beim Bäcker sitzt, hat der Grünen-Kandidat Christian Hierneis mit 34,3 Prozent das Direktmandat geholt. Dabei trat er mit Ludwig Spaenle gegen den ehemaligen bayerischen Kultusminister und einen der bekanntesten CSU-Kandidaten an. Der bekam jedoch lediglich 20,9 Prozent der Stimmen.

Die "Melonenpartei" - so hatte der von der CSU oft zitierte Franz Josef Strauß einmal die Grünen verspottet -, hat die Christsozialen in München geradezu erschlagen. Diese Fähigkeit, die CSU unter Druck zu setzen, wünschen sich viele Münchener nun auch in einer Regierungskoalition. Auch Ludwig Reichart glaubt, eine Koalition mit den Grünen sei "die bessere" Option. Besser als die nun abgewählte Alleinregierung und besser als ein Bündnis mit den Freien Wählern - aber auch unwahrscheinlicher als dieses.

Freie Wähler rechnen mit Regierungsbeteiligung

Während Grünen-Spitzenkandidatin Katharina Schulze und Ministerpräsident Markus Söder sich nach Bekanntgabe der ersten Zahlen am Wahlabend im ZDF nicht unbedingt näher kamen, rechnet Freie-Wähler- Chef Hubert Aiwanger fest mit einer Regierungsbeteiligung. Koalitionsgespräche zwischen Grünen und CSU sieht er da gelassen: "Wenn die CSU das tut, dann wünsch ich denen viel Spaß dabei." Er ist zuversichtlich, Söders Partei werde bei den Freien Wählern "anbeißen".

"Das wäre ja fast schlimmer, als die CSU allein", findet Malaika Krüger, Angestellte einer Bäckerei. Zu wenig Kontraste gebe es zwischen den Christsozialen und den Freien Wählern. Metzgerin Elisabeth Weil ist sich andererseits sicher, dass die Kontraste zwischen Grünen und CSU viel zu groß sind, als das eine stabile Regierung daraus entstehen könnte: "Freie Wähler und CSU haben da viel mehr Gemeinsamkeiten, das könnte funktionieren." Beide Parteien konnten bei den Münchner jedoch nicht punkten. Das Vertrauen der Stadt in die Landesregierung - gegen die es zuletzt mehrere Großdemonstrationen gab - würde wohl weiter sinken, wenn die Grünen trotz des guten Ergebnisses Oppositionspartei blieben.

Bruch der Großen Koalition denkbar

Viel gibt es für die Münchner nach dieser Wahl also nicht zu feiern. "Ehrlich gesagt bin ich nur froh, dass nicht mehr Menschen AfD gewählt haben", sagt Elisabeth Weil. Mit 10,2 Prozent sind deutlich weniger Parlamentssitze an die Alternative für Deutschland gegangen als vor der Wahl erwartet. Andererseits überholte die AfD damit sogar die SPD, die in München traditionell bei Kommunalwahlen stark ist und auch den aktuellen Oberbürgermeister Dieter Reiter stellt. Wie sich die Koalitionsverhandlungen entwickeln, könnte ebenfalls Auswirkungen für die Bundesregierung haben. Ein Bruch der Großen Koalition in Berlin ist für viele Münchner nach den desolaten 9,6 Prozent der bayerischen SPD durchaus denkbar.

"Jede Partei hat Wähler, die sich durch keine Dummheit der Parteiführung vertreiben lassen", sagte Franz Josef Strauß 1986. Wie viele das am Schluss bei der CSU sein werden, ist noch offen. Die SPD dürfte sich dieser Schwelle rasant nähern. SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen gab der Parteispitze um Andrea Nahles eine Mitschuld am schlechten Wahlergebnis. Die Parteivorsitzende gab sich selbstkritisch: Man habe der bayerischen SPD nicht den Rückenwind aus Berlin gegeben, der notwendig gewesen wäre.

Neben den historischen Ergebnissen der Parteien ist auch die Wahlbeteiligung von 72,4 Prozent historisch und die höchste in Bayern seit der Wiedervereinigung.

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