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Einfluss älterer Wähler - Die Älteren - größte politische Macht im Land

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Die Generation 60plus stellt mehr als jeden dritten Wahlberechtigten und sie zeigt sich auch weitaus wahlfreudiger als jüngere Generationen. Was ist den älteren Menschen wichtig? Können sich CDU und SPD noch auf ihre Stammwähler verlassen? heute.de hat sich umgehört.

Sind die Parteien ehrlich, wenn es um die Rente geht? Keineswegs, sagen zwei führende Wirtschafts-wissenschaftler und kritisieren die Wahlprogramme aller Parteien.

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Die ältere Dame im feinen Kostüm bezeichnet sich selbst als "klassische CDU-Wählerin". Sie lächelt, kurze Pause, dann sagt sie: "Bislang! Diesmal mache ich mein Kreuz woanders." Die Bonnerin, Anfang 70, ist in Begleitung ihres Mannes zu einem Wahlkampfauftritt der Linken-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht gekommen, und als die in die Menge ruft: "Wir müssen Merkel in Rente schicken!", da erhält sie auch von dem älteren Paar, den bisherigen CDU-Wählern, heftigen Beifall.

Bislang profitierten vor allem Union und SPD

"Frau Wagenknecht hat doch recht, dass es so nicht weitergehen kann mit den vielen unsicheren Jobs, den Billig-Jobs, die zu katastrophalen Renten führen", sagt die Dame, und ihr Mann, erschienen mit weinrotem Seidentuch im braunen Tweed-Jackett, ergänzt: "Wenn ich mich so umschaue, sind wir nicht die einzigen Alten, die das so sehen." Er zwinkert kokett.

Zwei Menschen aus einer Gruppe von 21 Millionen Wahlberechtigten der Generation 60plus. Zwei Ausnahmestimmen? Demokratie- und Altersforschern zufolge hat die ältere Generation in Deutschland langfristige Bindungen an Parteien. Profitiert haben davon bislang vor allem die Union und die Sozialdemokraten. Auch bei der Bundestagswahl 2013 konnten sich CDU und SPD noch voll auf die Stimmen der älteren Menschen verlassen.

Die Macht der Generation 60plus

Aber gilt dies auch für 2017? Interessant ist diese Frage vor allem, weil die Generation ab 60 Jahren mehr als jeden dritten Wahlberechtigten stellt und sich zudem noch deutlich reger an Wahlen beteiligt als jüngere Altersgruppen. Das heißt: Die älteren Menschen in Deutschland haben ein erhebliches politisches Einflusspotenzial.

Es ist längst nicht mehr nur das Thema Rente, das diese Wähler beschäftigt. Nach Ergebnissen der Forschungsgruppe Wahlen spielen auch die Themen Arbeit, Arbeitslosigkeit, Bildung und die Flüchtlingspolitik eine große Rolle.

Sorge um wirtschaftliche Existenz der Jungen treibt Alte um

Gespräche mit der Wählergruppe werfen ein Schlaglicht auf eine Generation, in der es heftig zu rumoren scheint. Das gilt für Menschen im Westen wie im Osten, und nicht nur für jene, die mit knappen Renten über die Runden kommen müssen, sondern auch bei gutsituierten, die im eigenen herausgeputzten Haus leben, sich jedes Jahr schöne Reisen leisten können - und alle paar Jahre einen Neuwagen dazu.

Einer, der zur letzteren Gruppe gehört, in Süddeutschland lebt und dort in seinem Arbeitsleben ein Millionenvermögen angehäuft hat, sagt: "Mir geht es wunderbar, keine Frage, aber ich sehe bei meinen Kindern, das in Deutschland etwas gründlich schiefläuft." Die Kinder: Akademiker, Anfang bis Mitte 30, in befristeten Jobs und in ständiger Sorge, die Arbeit beim kleinsten Fehler wieder zu verlieren.

"Meine Kinder haben Schiss, selbst Kinder in die Welt zu setzen"

"Ich will Großvater werden", sagt der Bayer, "aber meine Kinder haben Schiss, selbst Kinder in die Welt zu setzen in ihrer Lage". Da helfe dann auch die Aussicht auf finanzielle Unterstützung der älteren Generation wenig. "Die sagen, wir könnten nicht alles auffangen."
Vor allem das Thema "unsichere Beschäftigungsverhältnisse" treibt viele der Befragten um - und viele von ihnen reden dabei nicht primär vom Niedriglohnsektor, in dem heute etwa jeder fünfte Beschäftigte sein Einkommen verdient. Das heißt, dass diese Menschen für Löhne von unter zehn Euro brutto pro Stunde arbeiten.

Kritik an Arbeitsmarktpolitik der Großen Koalition

"Das kann doch nicht sein, dass immer vom Job- und Wirtschaftswunder geschrieben wird und Millionen von Arbeitern haben nichts davon", sagt eine Frau aus Jena, Anfang 60, die selbst jahrelang im Niedriglohnsektor gearbeitet hat - "für weit weniger als den heutigen Mindestlohn", wie sie sagt. Wegen der Rente ihres Mannes brauche sie keine Altersarmut fürchten, sagt sie, aber die Lage des Kindes mache ihr große Sorgen.

"Jahrelang studiert, sehr gute Zeugnisse, und eine Bewerbung nach der nächsten versandet, nur Gelegenheitsjobs, das kann's doch nicht sein." Auch bei dieser Befragten ist eine Angst um das Wohl der nächsten Generation zu spüren.

Für die Demokratieforscherin Christina Tillmann von der Bertelsmann-Stiftung kein Einzelfall. Sie spricht davon, dass der Zukunftsblick in der älteren Generation generell sehr ausgeprägt sei. Studien belegten, dass diese Wähler auch die Interessen der Jüngeren klar im Blick hätten. In der Vergangenheit hieß das umgemünzt: Welche Wahlentscheidung hilft unserer Gesellschaft insgesamt und damit auch den nachfolgenden Generationen langfristig, ein besseres Leben zu führen?

"Was krieg ich für meine Stimme?"

Inzwischen gehe es aber bei allen Generationen, auch der Generation 60plus, mehr um das Hier und Jetzt. Das heißt: "Den Status quo sichern", wie Forscherin Tillmann es formuliert.

Eine Frage, die viele Menschen umtreibt, lautet: "Was krieg ich jetzt für meine Stimme?" Beim Thema Rente etwa bleibt die CDU vage. Auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt rückt die Union die Erfolge der vergangenen Jahre in den Vordergrund. Es gilt das Motto: "Weiter so!"

Ob das den Wählern genügt, wird sich am Sonntag zeigen. Den von heute.de befragten Frauen und Männern aus mehreren Bundesländern scheint es nicht zu reichen. Einige von ihnen wollen nicht mehr wählen, mit dem Argument: "Es ändert sich eh nichts!" Eine knappe Mehrheit spricht sich dagegen für eine "Protestwahl" aus; immer fallen dabei die Worte, dass es in der AfD nicht nur "rechte Chaoten" gebe, sondern auch "vernünftige Leute mit Wirtschaftsverstand".

Das Seniorenehepaar in Bonn hat indes bereits anders entschieden: "Unsere Stimmen gehören diesmal der Linken", sagt der Mann, und seine Frau ergänzt: "Ich wünschte mir, Frau Merkel würde ähnlich couragiert gegen die Ungleichheit im Land anreden wie Frau Wagenknecht hier, dann hätten wir alle viel gewonnen."

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