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Vergabe von Therapieplätzen - Neue Hürde für psychisch Kranke?

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Therapeuten protestieren, eine Online-Petition läuft: Pläne von Gesundheitsminister Spahn, die psychotherapeutische Versorgung neu zu regeln, stoßen auf Widerstand. Worum geht’s?

Archiv: Karteikarte eines Patienten
Wer einen Psychotherapieplatz will, soll erst zur Voruntersuchung - dieser Plan von Gesundheitsminister Spahn löst Protest aus.
Quelle: dpa

Das ist der Auslöser des Streits

Stein des Anstoßes ist, dass mit dem geplanten Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) neue Regelungen für den Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung geplant sind. Mit dem Gesetzentwurf will Spahn erreichen, dass Versicherte schneller Arzttermine bekommen. Im Bereich Psychotherapie ist eine "gestufte Steuerung" von Hilfesuchenden geplant: Ausgesuchte Ärzte und Therapeuten sollen in Voruntersuchungen entscheiden, welchem Hilfs- oder Therapieangebot die Betroffenen zugeführt werden sollen. Heute hat der Bundestag in erster Lesung darüber debattiert.

Was sagen die Kritiker?

Vertreter der Psychotherapeuten sehen in der Voruntersuchung eine zu große Hürde, die Patienten abschrecken könnte, eine Behandlung aufzunehmen. Die Entscheidung über eine psychotherapeutische Behandlung müsse weiterhin "eine Entscheidung des Patienten und des Psychotherapeuten seiner Wahl bleiben", erklärte der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Dietrich Munz.

In einer Online-Petition forderten daher bis Donnerstag rund 156.000 Unterzeichner die Bundestagsabgeordneten auf, das Terminservice- und Vorsorgegesetz abzulehnen.

Wie kommen psychisch Kranke bisher an einen Therapieplatz?

Patienten haben seit dem vergangenen Jahr ein Recht auf eine Akutsprechstunde beim Psychotherapeuten. Diese Sprechstunde wurde eingeführt, damit Versicherte schnell Rat und Hilfe erhalten. Munz sagte, diese Sprechstunde sei ein Erfolg. Knapp 60 Prozent der Ratsuchenden erhalten danach eine psychotherapeutische Behandlung, wie die Kammer unter Berufung auf eine Auswertung der Abrechnungsdaten von rund 240.000 Patienten mitteilte. Über 40 Prozent verlassen demnach die Praxis, ohne anschließend eine Akut-, Kurzzeit- oder Langzeittherapie zu beginnen. Bei leichten Beschwerden würden die Therapeuten etwa Angebote zur Prävention und Selbsthilfe empfehlen. Wenn Patienten aber eine Behandlung benötigen, müssten sie oft monatelang auf einen freien Behandlungsplatz warten. Laut Munz wartet heute jeder dritte Patient ein halbes oder ein Dreivierteljahr auf den Beginn einer tatsächlichen Therapie.

Was fordern die Psychotherapeuten?

Die Kammer verlangt die Zulassung von mehr Psychotherapeuten, vor allem auf dem Land. So sollen 1.500 Psychotherapeuten sofort die Möglichkeit haben, sich außerhalb von großstädtischen Zentren zusätzlich niederzulassen. Außerdem fordert sie eine höhere Vergütung für Sprechstunde und Akutbehandlung.

Wie viele Menschen haben psychische Probleme?

Laut Bundespsychotherapeutenkammer sind in Deutschland jährlich etwa 19 Millionen Menschen von einer psychischen Erkrankung betroffen. Nach einem Gutachten des Gemeinsamen Bundesausschusses seien aber nur etwa 1,9 Millionen Menschen bei einem Psychotherapeuten in Behandlung. "Das sind lediglich 10 Prozent aller psychisch kranken Menschen", hob die Kammer hervor.

Wie geht es jetzt weiter?

Jens Spahn am 13.12.2018 in Berlin
Jens Spahn ging im Bundestag auf die Kritik an seinem Gesetzentwurf ein.
Quelle: dpa

Gesundheitsminister Spahn ging im Bundestag auf die Kritik an seiner Neuregelung bei psychotherapeutischen Behandlungen ein. Wenn das Ergebnis der Debatte sei, dass die vorgeschlagene Regelung "verbesserungsfähig" sei, "prima - ich bin der erste, der für eine Verbesserung zu haben ist", zeigte sich Spahn kompromissbereit.

Es sei wichtig, dass Menschen mit Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depression schnell eine Behandlung bekämen. Oft müssten die Betroffenen bislang aber zu lange darauf warten. Allerdings seien die Wartezeiten dort mit am längsten, wo es auch die meisten Therapeuten gebe. Deshalb müsse die Terminvergabe besser koordiniert und gesteuert werden. Daher reiche es auch nicht aus, lediglich mehr Psychotherapeuten für die gesetzlichen Kassen zuzulassen, sagte Spahn. Er äußerte die Hoffnung, im Januar eine Lösung zu finden.

Worum geht es im Terminservice- und Versorgungsgesetz noch?

Spahn will mit dem Gesetzespaket die Versorgung von Patienten allgemein verbessern – die Psychotherapie ist nur ein Teil davon. Der Entwurf sieht unter anderem vor, dass Kassenpatienten künftig schneller an Termine kommen sollen. Praxisärzte sollen mindestens 25 statt 20 Stunden Sprechstunde pro Woche für gesetzlich Versicherte anbieten müssen. Die bisher nach Ländern unterschiedlichen Telefon-Servicestellen für Termine sollen bundesweit zu Rund-um-die-Uhr-Angeboten ausgebaut werden. Ärzte sollen Zuschläge bekommen, wenn sie neue Patienten aufnehmen oder auf dem Land arbeiten.

Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery kritisierte die Grundannahme als falsch, "dass vermeintliche Versorgungsengpässe von unzureichenden Sprechstundenzeiten herrühren". Ärzte arbeiteten schon jetzt am Limit. Notwendig seien mehr Medizinstudienplätze, attraktive Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt wirksame Maßnahmen "gegen Kommerzialisierung und Konzernbildung im deutschen Gesundheitswesen".

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