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Behörden in Bayern - Das Kreuz mit dem Kreuz

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Ab heute sollen Kreuze in allen bayerischen Behörden hängen – gut sichtbar im Eingangsbereich – auf Anordnung von Ministerpräsident Söder. Doch er stößt auf Widerstand.

"Ein verordnetes Kreuz wird es im Landratsamt Roth nicht geben". Der Landrat von Roth, Herbert Eckstein, ist einer der Aufmüpfigen. Nicht weil er als SPD-Mann grundsätzlich etwas gegen die CSU hätte. Sondern aus christlicher Überzeugung.

"Ich habe ganz ohne Söders Zutun Kreuze in meinem Büro und im Sitzungssaal. Weil ich ein christlich geprägter Mensch bin und versuche, das auch zu leben. Aber von dem Kreuzerlass halte ich wenig. Glaube ist etwas Privates – warum der Staat sich da einmischt, verstehe ich nicht." Der Landrat befürchtet, dass das staatlich verordnete Kreuz eher spaltet als zu vereinen. Ministerpräsident Markus Söder will das Kreuz nicht nur als religiöses Symbol, sondern als Zeichen bayerischer Kulturgeschichte und Identität verstanden wissen.

"Lieferschwierigkeiten" bei Kreuzen

Mancher Behördenleiter, der zum heutigen Stichtag gern ein Kreuz aufhängen würde, sieht sich allerdings ebenfalls mit Problemen konfrontiert. So teilt der Direktor des bayerischen Hauptstaatsarchivs, Bernhard Grau mit, es gebe "Lieferschwierigkeiten" bei der Bestellung der Kreuze und deshalb gehe er nicht davon aus, pünktlich ein Kreuz in den Eingangsbereich hängen zu können. Ob das an der sprunghaft angestiegenen Nachfrage liegt – anderswo wurde ein Kreuz aus dem Fundus geholt oder im Kirchenbedarf gekauft – oder ob der Behördenleiter das Kreuz lieber ohne Begleitung einer Fernseh-Kamera aufhängen lassen möchte, lässt sich nicht abschließend klären.

Tatsächlich ist der Bedarf an Kreuzen in Bayern stark erhöht, seit Ministerpräsident Söder sein Vorhaben publik gemacht hat. Hunderte Kreuze sollen zusätzlich aufgehängt werden, zum Beispiel in die Landratsämter, in alle Ministerien und zum Beispiel die die Münchner Staatsbibliothek. "Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes", so heißt es in der Anordnung, sei "gut sichtbar" ein Kreuz anzubringen. Als Zeichen der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns. Für Hochschulen, Museen und Theater gilt keine Verpflichtung, sondern lediglich eine Empfehlung.

"Ich pfeife auf das christliche Abendland"

"Bei uns wird in der Sache gar nichts gemacht", sagt die Direktorin des Neuen Museums in Nürnberg. Und Michael Krüger, der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München meint: "In unserer Akademie wird kein Kreuz aufgehängt, bei uns darf jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Wir haben nichts gegen Kreuze, welcher Art auch immer – nur sollten sie dort hängen, wo sie hingehören: in der Kirche." Die meisten bayerischen Universitäten wollen noch beraten, ob sie Kreuze in die Foyers hängen oder nicht.

So auch die Uni Würzburg. Burkhard Hose ist dort katholischer Studentenpfarrer und steht dem Kreuz-Erlass kritisch gegenüber. Das hat er bereits kurz nach Bekanntwerden der Kreuzpflicht kundgetan – in einem offenen Brief auf seiner Facebook-Seite. "Die Kreuze würden von den Wänden fallen, wenn sie es könnten", sagt der Geistliche. "Ich pfeife auf das christliche Abendland mit Schulkreuzen an der Wand oder in Behördeneingängen oder in Gerichtssälen, solang man zuschaut, wie Menschen zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken." Das Kreuz werde durch die Verordnung theologisch entleert und zu einem Wahlkampf-Instrument, um AfD-Wähler zurückzugewinnen.

CSU profitiert wenig

Wenn die Kreuzpflicht tatsächlich ein politisches Manöver sein sollte, scheint die Rechnung nicht aufzugehen. Zwar findet laut einer Infratest-Dimap-Umfrage im Auftrag des Bayerischen Rundfunks eine große Mehrheit der Bayern (56 Prozent) Söders Kreuz-Erlass gut – unter AfD-Anhängern sind es sogar 77 Prozent. Doch der CSU hilft das bisher wenig – sie würde nur einen Prozentpunkt hinzugewinnen, von 40 auf 41 Prozent kommen, wenn am Sonntag Landtagswahl wäre. Und immerhin 38 Prozent der Bayern lehnen es ab, dass im Eingangsbereich jeder Landesbehörde ein Kreuz aufgehängt werden soll.

Auch in den Kirchen ist der Kreuzerlass umstritten. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hatte vor einer politischen Vereinnahmung des Kreuzes gewarnt, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford Strohm, mahnt, man dürfe das Kreuz nicht nur vor sich hertragen oder an die Wand hängen, sondern es müsse im Herzen sein und im eigenen Handeln zum Ausdruck kommen.

Keine Kontrollen

Glaube ist das eine – Politik das andere. Man nennt es auch Trennung von Staat und Kirche, wie sie in Deutschland seit der Säkularisierung gilt. Und damit auch in Bayern, Kreuzpflicht hin oder her. Der Würzburger Studentenpfarrer Burkhard Hose hat einen Vorschlag: "Wenn der bayerische Ministerpräsident zu Recht nach etwas sucht, das uns vereint, warum hängt er nicht Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes in die Behörden: 'Die Würde des Menschen ist unantastbar'?"

Kurz vor Inkrafttreten der Kreuz-Pflicht ließ die bayerische Staatsregierung übrigens Milde walten: Kontrolliert werden soll die Umsetzung des Kreuz-Erlasses nicht.

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