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Altersarmut in Russland - Die Insta-Omas von Sankt Petersburg

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Stricken gehört wieder zu den ganz coolen Hobbys. Auf Instagram versuchen russische Rentnerinnen, mit handgemachter Mode und Spielzeug ihre karge Rente aufzubessern.

"Russiangrannies": Ein Puppe der strickenden Omas aus Sankt Petersburg
"Russiangrannies": Omas in Sankt Petersburg bessern via Instagram mit Handarbeit ihren Lebensunterhalt auf
Quelle: ZDF

Auf dem Bett sitzen eine russische Pippi Langstrumpf mit großen Zöpfen und gestreiften Strümpfen, ein Pinocchio mit langer Nase, ein Bär, ein Fuchs und ein paar Osterhasen. Gegenüber hängt ein kleines Flugzeug von der Decke. Das "Atelier" von Elena Bychikhina ist eher wie ein Kinderzimmer - vollgestopft mit Spielsachen zum Gernhaben. Die 53-Jährige ist Frührentnerin. Eine Erkrankung zwang sie, ihre Arbeit aufzugeben. Finanziell bleibt ihr daher nicht viel. Die staatliche Rente sieht in solchen Fällen umgerechnet 150 bis knapp 300 Euro vor. Das ist in einer Stadt wie Sankt Petersburg nicht viel zum Leben. Die Supermarktpreise sind hier zum Teil durchaus mit denen in Deutschland vergleichbar.

Russland hat viele Elenas. Frauen mit einer dürftigen Pension, die deswegen versuchen, Selbstgestricktes oder Selbstgebackenes an den Eingängen von Metrostationen oder auf der Straße zu verkaufen. Viele von ihnen zerrieben zwischen Scham und Erniedrigung.

"Das Projekt war mein Traum"

Auch Elena Bychikhina verkauft Sachen, allerdings nicht in der Kälte auf der Straße. "Ich weiß nicht warum, aber ich kann das nicht, an der Metro rumstehen", erzählt sie. Sie hat ein Projekt gefunden, bei dem sie von zuhause arbeiten kann - via Instagram. Dort verkaufen die "Russiangrannies" ihre selbstgemachten Produkte: Wollmützen, Pullover, Schals, Spielsachen, Kuschel- und Tischdecken. Die Frauen, beschreibt Elena, "sind alle so spannend und individuell. Was für Handarbeiterinnen, die so toll stricken. Stricken kann ich nicht so gut wie sie, ich kann nur Spielzeuge nähen. Möglich, dass ich auch noch was anderes dazu lerne."

Über Instagram fand Elena den Kontakt zur Erfinderin des Projekts, zu Julia Aljewa aus Sankt Petersburg. Die 27-Jährige kündigte dafür sogar ihren Job bei der Stadtverwaltung. "Das Projekt war mein Traum. Es war ein Risiko. Ich wusste nicht, ob es sich auszahlt oder nicht. Meine Karriere in der Stadtverwaltung ist sehr gut gelaufen."

"Russiangrannies": Strickende Omas aus Sankt Petersburg
Die "Russiangrannies" mit Plattform-Initiatorin Julia Aljewa
Quelle: ZDF

Immer mehr Grannies

Doch sie entschied sich für ihren Traum und postete im Oktober 2018 die ersten handgefertigten Produkte auf Instagram. Seitdem haben sich 49 Frauen angeschlossen – zwischen 53 und 87 Jahren. Stetig werden es mehr. Jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte. Während Elena durch Krankheit ihren Job aufgeben musste, strickt eine andere, um ihrem behinderten Kind zu helfen. Sie braucht das Geld für Rehamaßnahmen.

Umgerechnet 400 bis 900 Euro kommen für eine Granny so im Monat zusammen. Manches Kleidungsstück, manche Puppe hat dabei auch schon Kunden in Deutschland oder den USA begeistert. Dabei bieten die Frauen nicht nur eigene Ideen an, die von Julia Aljewa hübsch fotografiert in den Account eingepflegt werden. Die 27-Jährige ist auch Vermittlerin. Manche Kunden schicken ihr Fotos von Kleidungsstücken, die sie so oder so ähnlich haben möchten. "Dann überlege ich mir, wer das handwerklich realisieren könnte und schreibe einer der Frauen. Wenn sie bereit ist, nimmt sie die Bestellung an."

Bis zu zehn Prozent bekommt Julia nach eigenen Angaben vom Verkaufspreis. Auch für sie muss es sich wirtschaftlich rechnen. Im Vordergrund soll jedoch die soziale Mission stehen. "Großmütter, Großväter und Rentner im Allgemeinen werden nicht wirklich unterstützt", sagt Julia. "Es macht mich traurig zu sehen, wenn Menschen in Rente gehen und denken, das Leben gehe damit zu Ende. So ist das aber nicht." Auch wenn die Frauen das Geld dringend benötigen, was sie eint, ist der Spaß bei dem Projekt. Das Gefühl, auch in ihrem Lebensabschnitt noch gebraucht zu werden und anderen mit Kreativität und Fantasie Freude zu bereiten.

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