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Strukturwandel im Ruhrgebiet - Schluss mit Bergwerkskapelle und Glückauf

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Ende einer Ära: 2018 schließt die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Die Region hat in den vergangenen 50 Jahren eine gewaltige Deindustrialisierung erlebt. Über den Strukturwandel und die Folgen sprach das 3sat-Wirtschaftsmagazin makro mit dem Wirtschaftsgeographen Rudolf Juchelka.

Ende der 1960er-Jahre beginnt im Ruhrgebiet das große Zechensterben. Von über 2000 Schachtanlagen gibt es heute nur noch zwei.

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makro: Das Ruhrgebiet musste sich schmerzlich von seiner wirtschaftlichen Grundlage verabschieden. Können wir aus der Entwicklung dort etwas lernen? Schließlich steht ja in Folge der Digitalisierung anderen Regionen auch ein Strukturwandel ins Haus.

Rudolf Juchelka: Andere Regionen, auch wenn sie nicht direkt durch Bergbau oder Eisen- und Stahlindustrie geprägt waren, können viel vom Ruhrgebiet lernen. Am wichtigsten scheint mir: Das Verhaften - verbunden mit dem Ruf nach staatlicher Unterstützung - an alten, nicht zukunftsfähigen Strukturen muss schnellstmöglich einer neuen Denkweise weichen. Dazu sind auch junge, innovative Entscheider an Schlüsselpositionen notwendig. Die Rolle der Hochschulen und Universitäten als Impulsgeber für neue Arbeitsplätze und innovative Wirtschaftsformen sind zu stärken: Unis sind nicht nur Ausbildungsstätten für Studierende, sie können ein Kern zukünftiger Regionalentwickung sein. Und ganz wichtig: Andere Regionen sollten über den eigenen Tellerrand hinausschauen, sonst ist man zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

makro: Sie haben die Rolle der Universitäten angesprochen. Das Ruhrgebiet wirbt mit der dichtesten Hochschullandschaft Europas. Warum hat diese einzigartige Wissenschaftslandschaft nicht für mehr Arbeitsplätze gesorgt?
Juchelka: Man hat sich viele Jahre auf die massenhafte Ausbildung von Studierenden fokussiert und gleichzeitig die Absolventen am Ende ihres Studiums wegziehen lassen. Heute werden Hochschulen vielmehr als Impulsgeber für die regionalen Arbeitsmärkte gesehen, als Innovationszentren für junge innovative Start-up-Unternehmen. Da waren andere Universitäten, beispielsweise Aachen oder Karlsruhe, viel früher aktiv, dort sind heute die Universitäten ein zentraler regionaler Wirtschaftsfaktor. Eine kleine Erschwernis der Ruhrgebiets-Hochschulen kommt hinzu: Sie sind überwiegend Pendler-Universitäten, das heißt die Mehrzahl der Studierenden wohnt nicht am Hochschulort, entsprechend entsteht dort kein "kreativ-innovatives" Milieu, das eine Bindung an die Region schafft.
makro: Arbeitslosigkeit ist das eine Problem vieler Kommunen im Ruhrgebiet, die hohe Verschuldung das andere. Kennen Sie einen Ausweg aus dieser Spirale?

Juchelka: Die Patentlösung gibt es nicht. Im Ruhrgebiet ballen sich viele Probleme, so dass die Kommunen erhebliche finanzielle Aufgaben schultern müssen: Arbeitslosigkeit, Sozialstrukturen, Altlasten, Gewerbeflächenaufbereitung, Stadtteilsanierungen und so weiter. Gleichzeitig gibt es durch die Kleinteiligkeit im Ruhrgebiet eine Vielzahl von Verwaltungsstrukturen, die einfach viele Summen verschlucken. Der öffentliche Verkehr ist ein gutes Beispiel: Jede Kommune im Ruhrgebiet ist für den eigenen ÖPNV verantwortlich. Das führt zwangsläufig zu hohen Ausgaben, zum Beispiel durch Dopplungen in den Planungsabteilungen in den Verkehrsbetrieben. Die Schaffung effizienter Strukturen - dazu gehören auch radikale Schritte - wäre ein erster Schritt. Aber ob die Politik dazu bereit ist ...?
makro: Der Osten Deutschlands ist top saniert, das Ruhrgebiet zerfällt an vielen Stellen. Brauchen die Kommunen dort mehr Unterstützung?

Juchelka: Ich rate davon ab, hier verschiedene Regionen Deutschlands mit unterschiedlicher Geschichte und unterschiedlichen Strukturen zu vergleichen oder gegeneinander argumentativ auszuspielen. Das Ruhrgebiet hat in der Vergangenheit viele Unterstützungen in der Wirtschafts- und Regionalentwicklung, im Städtebau und gerade auch in der Kohlepolitik erhalten. Ein Buchtitel meiner Bochumer Kollegen "Viel erreicht - Wenig gewonnen" deutet das Dilemma an: Im Vergleich zu den 1960er Jahren hat sich das Ruhrgebiet massiv verändert, die Luft ist besser geworden, die Städte attraktiver - gleichwohl ist das Management dieser Region eine Herkulesaufgabe. Wichtiger als die Forderung nach neuen Förderungen erscheinen mir stärkere interkommunale Zusammenarbeit, die Verabschiedung vom Kirchturmdenken, die Loslösung von der alten montanindustriellen Denkweise mit Symbolen wie "Bergwerkskapelle und Glück-auf-Gruß".

makro: Im Norden des Ruhrgebiets, in Gelsenkirchen oder Herne, bröckeln die Fassaden. Im Süden dagegen, in Dortmund oder Essen, siedeln sich Industrieparks an. Warum ist das Ruhrgebiet immer noch so zweigeteilt?

Juchelka: Die regionalen Unterschiede im Ruhrgebiet zwischen Nord und Süd lassen sich aus der Entstehung dieser Industrieregion erklären: Der Bergbau fing im Süden im Tal der Ruhr an und wanderte im Zuge der zunehmenden Industrialisierung nach Norden. Im Norden wurden später die großen Bergwerke und Stahlwerke errichtet. In der Ruhrtalzone begann entsprechend früher die Phase der Umstrukturierung, hinzu kommt die reizvolle Landschaft im Tal der Ruhr, genannt seien nur die historische Altstadt von Hattingen oder der Baldeneysee in Essen - dort glaubt man gar nicht, im Ruhrgebiet zu sein. Im Norden sieht es anders aus: verlassene Industriegelände, zersiedelte Landschaft, häufig keine klaren Ortsstrukturen. Und die Autobahn A40 - sie verläuft im Ruhrgebiet von West nach Ost - stellt eine Art "Sozialäquator" dar: südlich die relativ wohlhabenderen Schichten, nördlich deutlich ärmere Sozialstrukturen.

Das Interview führte makro-Moderatorin Eva Schmidt

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