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Aktuelle Studie - Viele Jugendliche fühlen sich nicht ernstgenommen

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Kinder sind unsere Zukunft: Dieser Satz scheint eine Floskel zu sein. Denn in der Realität äußert er sich zu selten. Kinder fühlen sich zu wenig ernstgenommen, zeigt eine Studie.

Archiv: Ein zehnjähriger Junge mit seinem Fußball
Quelle: picture alliance/imageBROKER

Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung wurden bundesweit 3.448 Schülerinnen und Schüler zwischen acht und 14 Jahren befragt. Eine entscheidende Erkenntnis der Wissenschaftler: Kinder und Jugendliche fühlen sich häufig nicht ernstgenommen. "Das war dann doch sehr markant in den Ergebnissen zu sehen", erklärt Sabine Andresen, die Autorin der Studie. "Ich will nicht sagen, dass es mich überrascht hat, aber es beschäftigt mich. Das ist ein wichtiger Befund, über den wir in die Diskussion gehen müssen."

Laut der Studie haben nur 34 Prozent der 14-Jährigen das Gefühl, an ihrer Schule mitbestimmen zu können. Bei den Achtjährigen ist es immerhin noch jeder Zweite. Unterscheidet man nach Schultypen, sehen sich die Gymnasialschüler am wenigsten beteiligt. "Wir brauchen die Stimme von Kindern und Jugendlichen in allen Bereichen und wir sollten nach Wegen und Verfahren suchen, damit diese gehört und berücksichtigt werden", sagt Andresen.

"Fridays for Future" als Initalzündung?

In einem Bereich war die Stimme der Jugend zuletzt besonders laut: beim Klimaschutz. Hunderttausende gingen auf die Straße, um ihre Stimme zu erheben. Auch sie hatten das Gefühl, nicht gehört zu werden, die eigene Zukunft nicht mitbestimmen zu können.

Kinder und Jugendliche sind aktuell als solche quasi marginalisiert.
Sabine Andresen, Kindheits- und Jugendforscherin

Kindern und Jugendlichen mehr Wertschätzung entgegenzubringen, ist demnach eine Aufgabe, die weit über den Schulalltag hinausgeht. Das zeigt nicht zuletzt Fridays for Future. "Die Schule alleine kann nicht dafür Sorge tragen, dass Kinder und Jugendliche den Eindruck haben, dass sie gehört und miteinbezogen werden. Das ist eine Aufgabe, die uns alle trifft", glaubt Jugendforscherin Andresen. "Kinder und Jugendliche sind aktuell als solche quasi marginalisiert. Das hat Fridays for Future sehr deutlich vor Augen geführt."

Kindern und Jugendlichen fehlt das Druckmittel

Wenn wir uns engagieren, dann sagen sie: Ihr habt doch eh keine Ahnung und was macht ihr da?!
18-Jähriger in einer Gruppendiskussion, Studie der Bertelsmann Stiftung

Für die aktuelle Studie führten die Forscherinnen eine Reihe von Gruppendiskussionen - auch mit einem sogenannten Jugendexpertenteam. Eine Erkenntnis aus diesen Gesprächen: Es brauche generell eine veränderte Haltung gegenüber der Jugend. Und die Bereitschaft, diese teilhaben zu lassen. "Man sagt den Jugendlichen: Engagiert euch! Und wenn wir uns engagieren, dann sagen sie: Ihr habt doch eh keine Ahnung und was macht ihr da?! ... Okay, dann lassen wir es halt bleiben", sagte ein Jugendlicher bei einer solchen Gruppendiskussion.

Im Zuge dessen solle man auch vermehrt über die Frage nach Verbündeten sprechen, rät Sabine Andresen: "Nicht ohne Grund haben sich die Klimaforscherinnen und Klimaforscher Fridays for Future angeschlossen, auch auf lokaler Ebene gibt es viele Bündnisse. So kann man für andere Themen – etwa die Bekämpfung von Kinderarmut – vielleicht auch eine Wikrung entfalten."

Politischen Druck können Kinder alleine nämlich nur schwer ausüben. "Das macht es dann auch vermeintlich so leicht, die Interessen von Kindern und Jugendlichen nicht ernstzunehmen, weil sie eben noch nicht zum Volk der Wählerinnen und Wähler gehören", sagt Andresen. Die Diskussion um die Herabsetzung des Wahlalters könne sich an dieser Stelle anschließen, meint die Jugendforscherin.

Ein wichtiges Element: Vorurteile abbauen

Gleichwohl gebe es nicht die eine Stellschraube, um etwas am Generationenverhältnis zu verändern. Dafür müsse schon über eine Vielzahl von Maßnahmen gesprochen werden.

Eine einfach Maßnahme wäre das Abbauen von Vorurteilen. Dinge wie: Jugendliche hängen nur am Smartphone. Oder in der Pubertät sind die ja sowieso nicht ganz zurechnungsfähig. "Meine Eltern sind da gut drin. Die nehmen mich nicht ernst, weil ich in der Pubertät bin", eklärte ein/e 14-Jährige*r beispielhaft im Rahmen der Studie. Diese Form der Abwertung aufgrund einer bestimmten Altersphase beobachten Forscher schon lange. "Diese Abwertungen haben viel mit Haltung zu tun, aber sie haben dann eben auch mit Strukturen zu tun und das hat dann auch Konsequenzen", sagt Sabine Andresen, Autorin der Studie.

Kinder fühlen sich teilweise nicht sicher

Dass es dringend notwendig ist die Interessen, aber auch die Sorgen von Kindern ernsthaft wahrzunehmen, zeigt die Studie ebenfalls. Zum Sicherheitsgefühl gibt je ein Viertel der Schüler an, sich in der Schule - und auch in der Nachbarschaft - nicht sicher zu fühlen. Umgekehrt stimmten der Aussage "Ich fühle mich in der Schule sicher" 29 Prozent der befragten Grundschüler "sehr" und 52 Prozent zu "100 Prozent" zu.

Ebenso fühlen sich 81 Prozent der Gymnasiasten sehr oder absolut sicher an ihrer Schule. Unter Realschülern sagen das 73 Prozent, an Haupt-, Gesamt- und Sekundarschulen aber nur 67 Prozent.

Es bestehe dringender Handlungsbedarf, betont Studienautorin Sabine Andresen von der Uni Frankfurt. "Auch hier ist mein Plädoyer: Schulen dürfen damit nicht alleine gelassen werden. Hier ist auch Bildungspolitik und Bildungssteuerung in der Verantwortung."

Hänseleien und Gewalt kennen die meisten

Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Schüler in Deutschland schon Ausgrenzung, Hänseleien oder körperliche Gewalt erlebt hat. Besonders hoch ist der Anteil der Übergriffe in den Grundschulen. Dort gaben knapp 30 Prozent der befragten Jungen und Mädchen an, im Vormonat von anderen Schülern gehänselt, auch ausgegrenzt und zudem "absichtlich gehauen" worden zu sein. An Haupt-, Real-, Gesamt- und Sekundarschulen sagte jeder Fünfte, alle diese drei Übergriffsformen im Monat zuvor erlebt zu haben. Im Gymnasium war es jeder Zehnte.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Zahlen wird deutlich: Es lohnt sich Kindern zuzuhören. Denn Kinder sind unsere Zukunft. Das sollte nicht nur eine schöne Floskel sein.

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