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Frankreichs Jugend - Vive l'Europe?!

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Laut einer aktuellen Studie fühlen sich Frankreichs Jugendliche Europa mehr verbunden als letztes Jahr. Hat Macrons Europapolitik die Wahrnehmung der Jungen verändert?

Studenten sitzen auf der Treppe der Grande Arche und zeichnen
Studenten Quelle: picture alliance

In einer Studie der TUI-Stiftung in Zusammenarbeit mit YouGov werden Jugendliche in Europa unter anderem zu ihrer Wahrnehmung der EU befragt. Besonders ein Ergebnis sticht dabei heraus: Junge Franzosen sehen sich deutlich stärker als Europäer als noch vor einem Jahr. Ein Zufall?

2017 fühlt sich die Mehrheit der jungen Franzosen (47 Prozent) ausschließlich als Bürger Frankreichs. 35 Prozent sagen, sie seien zuerst Bürger Frankreichs und dann auch Europäer. Jetzt zeichnet sich jedoch eine Trendwende ab. 2018 beziehen bereits 53 Prozent der Jugendlichen Europa in ihre Identität mit ein. Nur noch 24 Prozent verstehen sich ausschließlich als Franzosen. Eine so große Veränderung gab es in keinem anderen befragten Land. Hat sich durch die Wahl von Emmanuel Macron 2017 die Wahrnehmung der Jugendlichen geändert?

Frankreichs Jugend "En Marche"?

Claire Demesmay, Expertin für französische Europa- und Innenpolitik bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), sieht eine klare Auswirkung durch Macrons Politik. "Erstens weil Macron der Erste ist, der so offensiv über Europa spricht". Europa sei plötzlich präsent in der französischen Öffentlichkeit. Als zweiten Grund nennt Demesmay, dass Macron positiv über Europa spricht. "Er präsentiert die EU nicht als Problem, sondern als Lösung und in vielen Bereichen auch als Zukunftsthema".

Sind die Jugendlichen Frankreichs also auch "en Marche"? "Das würde ich nicht sagen." Es gebe nun mal nicht die Jugendlichen in Frankreich. "Die Jugend ist genauso gespalten wie die ganze Gesellschaft", so Demesmay. Da wären zum Beispiel die Jungen, die gebildet sind, reisen und Fremdsprachen sprechen. Hier erfährt Macron bereits im Wahljahr 2017 viel Unterstützung.

Zwei Seiten der Medaille

Aber da sind auch die Abgehängten, die oft nicht in Großstädten leben, sondern in dem "Frankreich der Peripherie", wie Demesmay es nennt. Es sind Leute, die gar nicht nach Europa schauen. Sie seien zu großen Teilen Anhänger von anderen Parteien, oder eben Leute, die gar nicht politisch denken. Die Expertin mahnt, man dürfe nicht vergessen, dass die größte Wählergruppe der Jugendlichen vor einem Jahr die Nichtwähler waren. "Und die zweite Gruppe waren Front-National-Wähler von Marine Le Pen und von Mélenchon." Die radikalen Parteien rechts und links haben sehr profitiert. "Für mich zeigt das vor allem die Spaltung innerhalb der Jugend", so Demesmay.

Und es stimmt: Vielen Jugendlichen in Frankreich geht es nicht gut. Die Millennials demonstrieren gegen Verarmung, ein Viertel der jungen Menschen hat keine Arbeit. Besonders hoch sei die Arbeitslosenquote unter Menschen, die nicht studiert haben, sagt Demesmay.

Neues Bildungsmodell trifft auf Skepsis

Hier will Macron ansetzen. Eine Reform zur Liberalisierung des Arbeitsmarktes und eine für das Ausbildungssystem sollen es richten. Vorbild hierfür soll das deutsche Bildungsmodell sein. Ein starkes Ausbildungssystem und mit der Einbeziehung von Unternehmen, so der Plan.

Doch wegen der neuen Hochschulreform gehen Tausende Studenten auf die Straße. Dabei sei der größte Widerstandspunkt laut Demesmay, dass es nun ein Auswahlverfahren an den Universitäten geben soll. Bis jetzt sei der Zugang völlig offen gewesen. Doch die Expertin weist darauf hin, dass man die Reform im europäischen Kontext sehen muss: "Die Idee ist hier ja nicht außergewöhnlich."

Wie kommen Macrons Reformen bei den jungen Menschen an? "Sie warten ab", meint Claire Demesmay. Die Jugendarbeitslosigkeit sei in Frankreich bereits seit Jahrzehnten hoch. Deswegen zeigt sich die Jugend erstmal skeptisch. Sie will erst sehen, ob Macron seine Pläne auch wirklich umsetzt.

Sicherheitspolitik und Umwelt wichtig für EU-Politik

In der Studie wird noch eine weitere Einstellung der Jugend Europas deutlich: Sie hat klare Anforderungen an die Aufgaben, die auf europäischer Ebene gelöst werden sollen. Vor allem gehöre dazu, Terrorismus zu bekämpfen. Auch Umwelt- und Klimaschutz sowie die Einwanderungs-Regulierung zählen 33 Prozent dazu. Gleicht man diese Einstellungen mit Frankreichs aktuellem politischen Fahrplan ab, findet man vor allem in einem Thema Einstimmigkeiten.

Auf Macrons Agenda ist Sicherheitspolitik ein zentrales Thema auf EU-Ebene. Terrorismusbekämpfung, Grenzsicherung, Asylpolitik - Macron sucht die Zusammenarbeit der Länder. Er spricht dabei von europäischer Souveränität. Die bisher staatlichen Aufgaben möchte er auf EU-Ebene übertragen, um sie effizienter zu machen. Und die Umweltpolitik? "Macron hatte den schönen Spruch "Make Our Planet Great Again". Das war vor allem eine rhetorische Positionierung." Für Expertin Demesmay ist jetzt jedoch noch nicht klar erkennbar, wie ernst Macron es mit diesem Slogan meint.

Macrons Jugend-Bilanz nach einem Jahr

Was hat Macron nun nach einem Jahr für die Jugendlichen getan? Vor allem versuche er, das französische System zukunftsfähig zu machen. Das sei zumindest sein Anspruch. Die Hochschulreform ist bereits von der Regierung durchgesetzt, die Ausbildungsreform soll kommen. "Neben diesen Reformen geht es aber auch um die Aufstellung des sozialen Systems für die Zukunft", ergänzt Demesmay.

Mit dieser Politik scheint Macron unter den Befragten der Studie einen Nerv getroffen zu haben. Lediglich elf Prozent empfehlen, Frankreich solle aus der EU austreten - einer der geringsten Werte unter den untersuchten Ländern. Nach fast einem Jahr im Amt scheint es also, als hätte Emmanuel Macrons Europapolitik doch schon etwas erreicht. Zwar nicht bei den EU-Staaten, aber dafür bei der eigenen Jugend.

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