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Mehr Routine im Job, weniger Weiterbildung?

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Technologie statt Mensch - Mehr Routine im Job, weniger Weiterbildung?

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Die Digitalisierung bietet Chancen im Job, zumindest für die, die wissen wie's geht. Für alle anderen gibt es Weiterbildungen. Doch nicht alle Beschäftigten profitieren davon.

Teilnehmer eines Seminars
Digtale Weiterbildung: Teilnehmer eines Seminars
Quelle: picture alliance/imageBROKER

Im Zuge der Erforschung der Weiterbildung in Zeiten des digitalen Wandels hat eine Studie ein paradoxes Ergebnis geliefert: Gerade die Menschen, die stärker Gefahr laufen, ihre Jobs an Maschinen oder Technologien zu verlieren, bilden sich seltener und weniger intensiv weiter. Und das, obwohl in den letzten Jahren immer mehr Berufe und Tätigkeiten durch Computer oder computergesteuerte Maschinen ersetzt werden können, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Die Vermutung ist, dass Personen, die lange Zeit nicht weitergebildet wurden, Probleme haben mitzuhalten und da einzusteigen, wo die anderen schon lange sind.
Dr. Martin Ehlert, Wissenschaftszentrum Berlin Sozialforschung

Auch Arbeitsmarktforscher Martin Ehlert vom Wissenschaftszentrum Berlin ist von der Lücke in der Weiterbildung zwischen den verschiedenen Gruppen beunruhigt. "Die Vermutung ist, dass Personen, die lange Zeit nicht weitergebildet wurden, Probleme haben mitzuhalten und da einzusteigen, wo die anderen schon lange sind. Die werden auch wahrscheinlich weiterhin nicht weitergebildet und so weiter abgehängt vom Rest. Es ist gut möglich, dass es für sie umso schwieriger ist, in eine andere Branche zu wechseln, falls ihr Job tatsächlich wegfällt, wofür ja auch häufig mehr Weiterbildung erforderlich ist." Um dies genau zu ergründen sei allerdings noch weitere Forschung nötig.

Weniger Weiterbildungskurse gleich weniger Chancen?

Die Wissenschaftler am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hatten die Daten des umfangreichen Nationalen Bildungspanels von 2011 bis 2012 analysiert. Sie verglichen dabei die Weiterbildungsaktivitäten von Beschäftigten mit einem hohen Anteil an Routinetätigkeiten im Job mit denjenigen, die einer Arbeit mit geringem Routineanteil nachgingen. Demnach sind die Beschäftigten, deren Tätigkeiten hohe Anteile an standardisierten, sich wiederholenden Aufgaben aufweisen, einem hohen Risiko ausgesetzt, durch Technologien ersetzt zu werden. Menschen mit Jobs, die einen geringen Routineanteil aufweisen, wo zum Beispiel eher soziale Interaktion und Kreativität gefragt ist, seien dadurch weniger stark gefährdet.

Ihre Teilnahmequote an Weiterbildungen betrug überraschenderweise 41 Prozent, war also deutlich höher, als die Weiterbildungsaktivität der Beschäftigten, deren Arbeitsplätze leichter von Computern ersetzt werden können. Aus dieser Gruppe gaben nur 27 Prozent an, Weiterbildungskurse besucht zu haben.

Lücke auch in der Informations- und Kommunikationstechnologie

Eine ähnliche Lücke zeichnet sich im Bereich der Weiterbildung im Informations- und Kommunikationsbereich ab. Gerade in diesem Bereich können zusätzliche Kompetenzen aber die Mitarbeiter für die Herausforderungen der Digitalisierung fit machen. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz, wenn doch viele in Zeiten des digitalen Wandels und der anrollenden Rezession um ihre Jobs fürchten?

Experten sehen die Gründe weniger in den individuellen Merkmalen der Mitarbeiter, wie Herkunft oder Qualifikation. Vielmehr sei die Weiterbildungspolitik der Unternehmen dafür verantwortlich sowie die Fortbildungsangebote, die sie ihren Beschäftigen unterbreiten - dies gelte für nahezu alle Bereiche.

Weiterbildungspolitik in Unternehmen stärken

"Die Unternehmen machen schon viel, es kommt nur nicht bei allen an", sagt auch Martin Ehlert. "Viele wollen lernen, oft kommen sie aber nicht in Kontakt mit Weiterbildungsangeboten." Zwar stellte der Adult Education Survey fest, dass acht von zehn Weiterbildungsmaßnahmen bereits vom Arbeitgeber finanziert werden. Aber in vielen Betrieben werde immer noch stark anhand formaler Qualifikation unterschieden - also nach akademischem Hintergrund oder Fachausbildung - wer eine Weiterbildung bekommt, meint Ehlert.

Den Grund dafür, eher hoch Qualifizierte mit "geringerem Ersetzbarkeitspotenzial" weiterzubilden, sieht Robert Helmrich vom Bundesinstitut für Berufsbildung, in dem größeren Nutzen für die Unternehmen. "Der Nutzen, leicht ersetzbare Beschäftigte weiterzubilden ist für Betriebe eher gering, wenn sie höherqualifizierte Fachkräfte für den weiteren, jetzt digitalisierten Produktionsprozess haben", so Helmrich.

Trend: Digitalisierung führt zu mehr Weiterbildung

Betriebsräte oder Tarifverträge könnten in diesem Kontext für mehr Inklusion sorgen, damit auch alle Mitarbeiter mitgenommen werden. Auch die Politiker sind in Zeiten der Angst vor Jobverlust und drohender Rezession aktiv geworden, wie zuletzt an dem neuen "Arbeit-von-morgen-Gesetz" von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) zu beobachten ist. Ein Bestandteil: Weiterbildung soll durch Zuschüsse und Kostenübernahmen gefördert werden.

Eine Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung kommt zu dem Ergebnis, dass 2018 insgesamt 78 Prozent der befragten Betriebe Weiterbildungsmaßnahmen ihrer Beschäftigten förderten. Von den Unternehmen, die selbst hochtechnologisiert sind, waren es sogar 92 Prozent. Ihr Fazit: Digitalisierung geht mit mehr Weiterbildung einher.

Mehr Inklusion, Dänemark macht's vor

Tendenzen für eine Weiterbildung für Alle gibt es in anderen Ländern bereits - und zwar von Anfang an. Internationale Vergleich deuten darauf hin, dass sogar schon das Schulsystem eine Rolle für die spätere Weiterbildung spielen könnte. Martin Ehlert untersucht dazu gerade die Situation in Dänemark. Dort sei die Lücke zwischen den Tätigkeitsgruppen deutlich geringer, das Schulsystem inklusiver. Auch die Berufe seien weniger stark getrennt, während bei uns viel häufiger Gruppen wie Akademiker oder Facharbeiter im Unternehmen unter sich blieben. Vielleicht dringt diese Praxis künftig auch auf den deutschen Bildungs- und Arbeitsmarkt - jetzt wo die Digitalisierung die Brücke dafür bilden könnte.

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