Sie sind hier:

Terrorismus-Studie - Masterplan gegen spontanen Terror?

Datum:

Der Terrorismus hat sich verändert: Spontane Taten, die oft inspiriert, aber nicht beauftragt sind von Gruppen wie dem IS, scheinen an die Stelle von groß organisierten Anschlägen zu treten. Eine Studie des Internationalen Anti-Terror-Zentrums in Den Haag (ICCT) bringt neue Erkenntnisse und macht konkrete Vorschläge.

In London ist in der Nacht ein Kleintransporter in eine Fußgänger-Gruppe gefahren. Ein Mensch kam dabei ums Leben, zehn Personen wurden verletzt. Anti-Terror-Ermittler haben die Untersuchungen übernommen.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Kürzlich an einem Freitagabend sitzen drei Freunde gemütlich beisammen und überlegen, was sie am Wochenende unternehmen könnten. Ihre Großstadt hat so unendlich viel zu bieten, der Wetterbericht verspricht wohlige Wärme, in den Straßen pulsiert die reine Lebensfreude. Da macht einer der drei einen ungewöhnlichen Vorschlag, die beiden anderen sind begeistert.

Nur 24 Stunden später sind acht Menschen tot, fast 50 verletzt. Mit einem Transporter waren die Täter in die Fußgänger auf einer Brücke im Zentrum Londons gefahren, bevor sie – am Borough Market – mit Messern auf Passanten losgingen. Nach acht Minuten sterben die Angreifer im Kugelhagel der Polizei. An diesem Wochenende Anfang Juni verwandelten sich drei Freunde, Kleinkriminelle mit Neigung zu radikalen Ansichten, in drei Terroristen. So kann es gehen, jederzeit, fast überall in Westeuropa.

Überraschende Attacken

Auch Deutschland hat es erlebt – unter anderem vor einem Jahr mit der Messerattacke in einem Zug nahe Würzburg, mit dem Rucksackbomber beim Musikfestival in Ansbach, mit dem LKW-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember. Diese und weitere Angriffe haben sich eingereiht in die Kette von Attacken, die meist überraschend kommen, ausgeführt spontan ohne große Vorplanung, mit Werkzeugen aus dem Alltagsleben.

Fast nie sind es geschickte Auftragskiller oder, wie manche gern behaupten, Zuwanderer aus Kriegsgebieten, sondern Menschen aus Mitte und Rändern unserer Gesellschaften, denen man diese Brutalität und Menschenverachtung gar nicht zugetraut hätte. Und so wird fast ohne Steuerung durch Terrorgruppen das Gefühl spürbar, das der Vizechef des IS – al-Adnani – einst für ganz Europa propagiert hatte: "Fürchte Deinen Nachbarn".

IS-Ideologie lebt weiter

Al-Adnani ist zwar tot, wie vielleicht bald auch sein Chef, der selbsternannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi, und der IS steht in Irak und Syrien vor einer schweren, militärischen Niederlage, aber verloren haben die Islamisten noch lange nicht. Denn ihre Ideologie lebt weiter. Sie soll gar nicht unbedingt eine erkennbare Terrororganisation befeuern, sondern eine Art Massenbewegung zur weiteren Ausbreitung der Ideologie rund um den Erdball. Voraussetzung dafür ist eine weitere Polarisierung unserer Gesellschaften mithilfe häufiger Anschläge, die Furcht säen zwischen „Nachbarn“.

Genau deshalb wählten die Autoren der jüngsten Studie des Internationalen Anti-Terror-Zentrums in Den Haag (ICCT) den Titel "Fear Thy Neighbor". Die Forscher analysieren die islamistischen Terrorattacken in Europa und Amerika von Juni 2014 bis Juni 2017. Von den insgesamt 51 Anschlägen in diesem Zeitraum entfielen 19 auf die USA, 32 auf Europa, davon 6 in Deutschland. Insgesamt wurden 395 Menschen getötet, 1.549 verletzt. Die größte Zahl von Todesopfern hat mit 239 Frankreich zu beklagen, in Deutschland sind es 12.

Soziologische Ergebnisse entscheidend

So alarmierend diese Zahlen sind, entscheidender sind die demographischen und soziologischen Ergebnisse der Untersuchung. 73 Prozent der 65 Terroristen waren Bürger des Landes, in dem der Anschlag stattfand, 14 Prozent hatten ein Aufenthaltsrecht oder waren legal aus Nachbarländern eingereist. Nur 5 Prozent der Angreifer waren Flüchtlinge oder Asylbewerber, 6 Prozent hielten sich illegal im Land auf. 57 Prozent der Täter hatten schon einen kriminellen Hintergrund, waren also an anderen Straftaten beteiligt. Nur 8 Prozent der Täter handelten auf unmittelbaren Befehl des IS oder anderer Terrorgruppen. Die überwältigende Mehrheit (92 Prozent) waren nur vom IS inspiriert oder hatten irgendeine lose Verbindung, handelten aber auf eigene Faust.

Beim Aspen Security Forum vergangene Woche bestritt der Chef des US-Geheimdienstes CIA zwar die – wie Mike Pompeo sie nannte - "Mär von den einsamen Wölfen". Aber die Struktur des islamistischen Terrors sei "definitiv dezentralisierter. Wenn wir einen Täter identifizieren oder verhaften, dann führt uns das nicht mehr so tief in das Netzwerk hinein".

Schlüsselrolle der Frauen

Tatsächlich geht die Gewalt von Einzelpersonen und Kleinstgruppen aus, die aber - so beschreiben es die Terrorismusforscher – eher regional konzentriert sind. Ein Beispiel ist die Szene um den Deutsch-Islamischen Kulturverein DIK in Hildesheim, in der sich der Berlin-Attentäter Anis Amri radikalisiert hatte, und deren Anführer jetzt vor Gericht steht. Je mehr solche sichtbaren Knotenpunkte ins Visier der Behörden rücken, desto wichtiger werden virtuelle Werkzeuge für den Zusammenhalt der regionalen Netzwerke. Eine Schlüsselrolle übernehmen dabei Frauen. Über Facebook und andere Kommunikationsmittel tauschen sie sich aus, werben neue Anhängerinnen, organisieren Schwesterntreffs, während die Männer planen, ob und wie sie sich am sogenannten "islamischen Widerstand" beteiligen. Allein für das Ruhgebiet registriert der Verfassungsschutz NRW 39 Frauen in 21 Städten, die das Netz weiterweben.

Mehr denn je, so glauben die Ermittler, müsse man deshalb neben möglichen organisatorischen und hierarchischen Strukturen vor allem Einzelpersonen mit all ihren Aktivitäten in den Blick nehmen. Dies ist auch eine Lehre aus den Fehlern der letzten Jahre, in denen viele der Täter zwar mal die Aufmerksamkeit der Behörden geweckt hatten, aber aufgrund fehlender Einbettung in terroristische Strukturen nicht ernst genommen wurden.

Mehr Informationen: Mehr Chancen

Je mehr Informationen über Einzelpersonen, die gefährlich werden könnten, verfügbar und allen Ermittlungsbehörden in Deutschland und ganz Europa zugänglich sind, desto größer die Chance, Anschläge zu verhindern. Zu den – politisch umstrittenen - Ideen für eine bessere Terrorbekämpfung zählen auch eine Zentralisierung der Zuständigkeit in einer der vorhandenen Bundesbehörden oder eine Meldepflicht für alle Informationen über sogenannte Gefährder, wenn sie im polizeilichen Alltag auftauchen – vom Ladendiebstahl über Verkehrsdelikte bis zu Raufereien. Der Streifenpolizist müsste dafür wissen, dass er einen Terrorverdächtigen vor sich hat.

Aber die Konzentration auf den Einzelnen ersetzt nicht den Blick auf Terrorgruppen wie IS und Al-Kaida, die weiter in der Lage sind, größere Anschläge auszuführen, zum Beispiel mit bewaffneten Drohnen, wie sie der IS bereits in Syrien und Irak eingesetzt hat. "Das Allerdümmste wäre, wenn wir ihre Fähigkeit unterschätzen würden", meinte der Befehlshaber der amerikanischen Spezialkommandos beim Aspen-Security Forum und fügte dann hinzu: "Sie werden alle verfügbaren Mittel nutzen."

Neuartige Sprengsätze

Darunter sind auch neuartige Sprengsätze in elektronischen Geräten, die von herkömmlichen Kontrollgeräten an den Flughäfen nicht erkannt werden können. Das US-Heimatschutzministerium hat zwei solcher Bomben nach den Plänen des IS nachgebaut und an Flugzeugen getestet. Die Maschinen wurden dabei völlig zerstört. Deshalb müssen die Sicherheitsbereiche an internationalen Flughäfen jetzt nachgerüstet werden - mit computer-tomographischen Systemen.

Die Bedrohung durch den islamistischen Terror ist im Jahr nach den Anschlägen von Würzburg, Ansbach und Berlin noch unberechenbarer geworden. Als Antwort darauf empfehlen die Forscher des ICCT in Den Haag eine Mischung aus repressiven Maßnahmen, einem noch viel engeren Austausch der europäischen Nachrichtendienste und einer Offensive in den Bereichen Prävention und Deradikalisierung, da die meisten Täter mitten aus unseren Gesellschaften kommen. All dies aber "wohl-dosiert und unter Vermeidung einer nicht beabsichtigen Polarisierung der Bevölkerung, die sich die dschihadistischen Gruppen ja wünschen". Denn wenn "Nachbarn einander fürchten", statt gemeinsam dem Spontanterror zu trotzen, dann haben die Islamisten ihr Ziel erreicht.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.