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Studie - Berichterstattung über Flüchtlinge in Kritik

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Deutschlands Journalisten stehen wegen ihrer Berichterstattung über Flüchtlinge in der Kritik. Eine Studie wirft Ihnen schlechtes Handwerk und einseitige Darstellung vor. Allerdings nicht allen. Insgesamt jedoch sei der Journalismus Schuld an den verschärften Fronten.

"Das war gestern ein ungewöhnlicher Termin im Auswärtigen Amt", so Fabian Leber vom Tagesspiegel. Das Treffen von Außenminister Gabriel mit Martin Schulz zuvor wirkte kurz vor der Wahl "inszeniert".

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Die Vorwürfe gipfeln in dem Wort "Lügenpresse". Etablierte Printmedien und der öffentlich-rechtliche Rundfunk gäben nur das wieder, was ihnen die Bundesregierung einflüstere, oder berichteten schlichtweg falsch, heißt es immer wieder von Kritikern der journalistischen Berichterstattung. Prompt wurde der bereits von den Nationalsozialisten genutzte Begriff "Lügenpresse" Unwort des Jahres 2014, weil laut Jury damit Medien pauschal diffamiert werden.

Auch wer nicht gleich von "Lügenpresse" sprach, hatte mitunter ein ungutes Gefühl, was die Berichterstattung über den Flüchtlingszuzug 2015 und seine Folgen anging. Manch einer fragte sich, ob einige Medien nicht zu sehr nach der "Willkommenskultur" riefen und nicht zu unkritisch seien - dazu gab es in der Folge bereits Selbstkritisches zu lesen und zu hören. Andere Menschen wiederum fanden Berichte zu Flüchtlingen und Migration genau richtig.

Ein Vorwurf: Zu unkritisch

Jetzt hat eine Studie, die am Freitag auf der Internetseite der Otto-Brenner-Stiftung freigeschaltet wurde, bei "großen Teilen der Journalisten" Mängel in der Flüchtlings-Berichterstattung ausgemacht. Studienleiter Michael Haller: "Statt als neutrale Beobachter die Politik und deren Vollzugsorgane kritisch zu begleiten und nachzufragen, übernahm der Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite." Stichwort "Willkommenskultur".

Die Wissenschaftsstiftung der IG Metall betont aber auch, dass nicht alle Arbeiten über einen Kamm geschert werden dürften. "Viele Journalisten haben herausragende Berichte geschrieben, viele Medien haben sich um präzise, aktuelle Berichterstattung gekümmert", sagen Haller und Stiftungs-Geschäftsführer Jupp Legrand.

Nach Hallers Ansicht weisen die Ergebnisse der Erhebung "auf eine Sinn- und Strukturkrise der sogenannten Mainstreammedien" hin. "Die von den Journalisten beschriebene Wirklichkeit ist sehr weit entfernt von der Lebenswelt eines großen Teils ihres Publikums."

Ein Ergebnis: Debatte von Regierungsparteien beherrscht

Untersucht wurden den Angaben zufolge mehr als 30.000 Medienberichte - "und insbesondere für einen gut zwanzigwöchigen Zeitraum, in dem sich im Jahr 2015 die Ereignisse überschlugen, rund 1.700 Texte". Im Mittelpunkt standen "Printleitmedien" wie "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ), "Süddeutsche Zeitung" (SZ) und "Welt", mehr als 80 Lokal- und Regionalzeitungen sowie die Internetportale focus.de, tagesschau.de und Spiegel Online.

Die Studie gelangt über die Analyse von zehn "Großereignissen" - etwa der Grenzöffnung für Flüchtlinge oder Kanzlerin Merkels Satz "Wir schaffen das" - zu ihren Ergebnissen. Insgesamt dominiert laut Studie bei den drei großen Zeitungen FAZ, SZ und "Welt" die Textform Bericht mit 48,6 Prozent, gefolgt von Kommentar und Glosse (17,5). Das Interview komme mit 4,4 Prozent selten vor, Reportagen und Porträts lägen bei 6,4.

"Zugespitzt formuliert: Das Flüchtlingsthema fand in der medialen Öffentlichkeit der Leitmedien (weitgehend) ohne Flüchtlinge statt", heißt es dazu. Auch kämen oft Journalisten in den Texten zu Wort, deutlich häufiger als etwa "Vertreter des aktiv handelnden Religions- und Kirchenpersonals". Die politische Debatte sei von den Regierungsparteien beherrscht worden.

Eine Folge: Verschärfte Fronten

Auswahl der Gesprächspartner, Ton der Berichterstattung, Einfluss auf die Stimmung in Deutschland: Ein Befund der Studie ist, dass der Informationsjournalismus dazu beigetragen habe, eine "Frontenbildung" zu verschärfen. In rund der Hälfte der Berichterstattungen werde nicht neutral und sachlich berichtet.

Erst auf die Ereignisse der Silvesternacht 2015/16 hin sei "ein veränderter - man könnte sagen: differenzierterer - Umgang mit dem Megathema 'Flüchtlinge in Deutschland'" erfolgt. So hätten Medien zunehmend Ängste und Sorgen der Bevölkerung thematisiert.

Vor gut zwei Wochen wurde eine andere Untersuchung veröffentlicht, wonach die Deutschen Presse, Fernsehen und Radio so stark wie seit 15 Jahren nicht mehr vertrauen. Die Gefahr, dass nach der Studie der Otto Brenner Stiftung nun alle Journalisten in einen Topf geworfen werden könnten und dies denen, die "Lügenpresse" schrien, in die Hände spiele, sehe er auch, sagte Haller der "Welt". Aber: "Wir haben zum Glück eine informationsoffene und meinungsfreie Gesellschaft, und da muss man auch mit Missbrauch rechnen."

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