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Zeuge umarmt ehemaligen KZ-Wächter

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"Ich werde ihm vergeben" - Zeuge umarmt ehemaligen KZ-Wächter

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"Passen Sie alle auf!": Vor dem Landgericht Hamburg läuft der Prozess gegen einen Wachmann im früheren KZ Stutthof, als ein Nebenkläger mit einer emotionalen Geste überrascht.

Der Zeuge Peter Loth aus Florida.
Der Zeuge Moshe Peter Loth wurde als Kleinkind ins KZ Stutthof bei Danzig gebracht.
Quelle: Christian Charisius/dpa

Mit einer emotionalen Geste ist der siebte Verhandlungstag des Prozesses gegen den ehemaligen SS-Wachmann Bruno D. vor dem Hamburger Landgericht zu Ende gegangen. Der 76-jährige Nebenkläger Moshe Peter Loth und der 93-jährige Angeklagte Bruno D. versicherten sich am Dienstag gegenseitig, nach den Ereignissen im KZ Stutthof vor mehr als 70 Jahren keinen Hass auf den anderen zu empfinden.

Bruno D. ist der Beihilfe zum Mord in mehr als 5.230 Fällen angeklagt. Da er zur Tatzeit zwischen 17 und 18 Jahren alt war, findet das Verfahren vor einer Jugendstrafkammer des Landgerichts statt.

Mutiger Zeuge befragt ehemaligen SS-Wachmann

Loth war als Nebenkläger geladen, ihm waren deshalb auch Fragen an den Angeklagten erlaubt. So befragte er Bruno D. sachlich über dessen Zeit im Lager Stutthof. Ob er schon vorher in der SS gewesen sei, was für eine Waffe er benutzt habe und was er nach seiner Zeit im KZ getan habe. Nach ein paar Minuten werden die Fragen emotionaler: "Wie fühlen Sie sich heute? Bedauern Sie etwas?" Ja natürlich, antwortet D. Er bedaure alles, was damals passiert sei. Er habe damals keine Möglichkeit gehabt, etwas gegen das Leid zu tun.

Würden Sie mir vergeben? Für den Hass und die Wut, die ich zeitweise auf die Deutschen hatte?
Moshe Peter Loth zu Bruno D.

Schließlich bittet Loth den Angeklagten, ihm in die Augen zu sehen und fragt: "Würden Sie mir vergeben? Für den Hass und die Wut, die ich zeitweise auf die Deutschen hatte?" "Sicher, ich habe keinen Hass", antwortet der Angeklagte.

Daraufhin geht Loth auf den in einem Rollstuhl sitzenden Angeklagten zu. An die Zuschauer gewandt sagte er: "Passen Sie alle auf! Ich werde ihm vergeben." Dann umarmen sich die beiden Männer, ihnen kommen die Tränen. "Jetzt bin ich frei", sagt Loth, als er zu seinem Platz zurück geht. "Dadurch befreie ich mich selber."

Loth wurde am Dienstag als Zeuge befragt, wie die Grausamkeiten im KZ Stutthof sein Leben beeinflusst haben. Er berichtet, dass seine jüdische Mutter am 1. März 1943 festgenommen worden sei, als sie mit ihm im dritten Monat schwanger war. Sie habe ihn in Gefangenschaft zur Welt gebracht. 1944 seien beide ins KZ Stutthof bei Danzig gebracht worden. Bei Kriegsende habe man ihn von seiner Mutter getrennt. Nach seiner Kindheit und Jugendzeit in Polen sei er über Deutschland in die USA gekommen.*

"Ich war voller Hass"

Wie könne ein Mensch ertragen, mit so viel Leid zu leben - und nicht an der Menschheit verzweifeln, fragte Richterin Anne Meier-Göring, nachdem Loth sein Leben geschildert hatte: eine Kindheit in Kriegsgefangenschaft, schier unfassbare Gewalt, Rassismus und immer die Frage nach der eigenen Identität.

Er habe lange nicht gewusst, ob er Jude und Deutscher sei, so Loth. Als er erfuhr, dass er im KZ geboren worden war, begann er, seine Herkunft akribisch zu recherchieren. Seitdem reist Loth auch häufig aus den USA nach Deutschland, um Kinder über den Holocaust aufzuklären. Auf Meier-Görings Frage antwortet er: "Ich war voller Hass, bis ich gelernt habe, zu vergeben und um Vergebung zu bitten."

Inzwischen sei er seit 33 Jahren glücklich verheiratet, habe acht Kinder und 15 Enkelkinder. Leiden würde er aber trotzdem noch. Der Hass sei überall, sagt er. "Es hört nie auf." Auch seine Kinder würden darunter leiden. Gegen D. persönlich habe er jedoch nichts. "Ich kenne ihn nicht, und ich weiß nicht, was er getan hat."

*Anmerkung der Redaktion, Ende Dezember 2019: Derzeit gibt es aktuelle Recherchen des "Spiegel" (Nr.1/28.12.2019, "Reise zur Wahrheit", S. 38/39), die belegen, dass die von Moshe Peter Loth vor Gericht angegebenen biografischen Daten nicht in allen Details stimmen können: Prozess gegen SS-Wachmann - Nebenkläger mit falschem Lebenslauf

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