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Südkorea nach Olympia - Streit um Wiederaufforstung des Abfahrthangs

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Zum Entsetzen von Umweltschützern ließ Südkorea für die Olympischen Spiele einen einst geschützten Wald abholzen. Eine geplante Renaturierung steht nun auf der Kippe.

Schneepflug auf einer Piste des Jeongseon Alpine Center
Schneepflug auf einer Piste des Jeongseon Alpine Center Quelle: ap

Hunderte Olympia-Zuschauer sind zu dem strahlend weißen Skihang inmitten der schroffen Berge von Jeongseon geströmt. Cho Myung Hwan aber ist einen Schritt zurückgetreten, hat den steilen Hang hinaufgeblickt und einen traurigen Seufzer ausgestoßen. "Es ist furchtbar anzusehen", sagt der 62-jährige Landschaftsfotograf aus Seoul. "Unter all dem Jubel und Spaß hört man die Schreie abgeholzter Bäume."

Cho hat den Berg Gariwang seit 2006 insgesamt 16 Mal besucht. Darunter waren mehrere Reisen nach 2014, bei denen der Fotograf den Bau der Abfahrtspiste dokumentierte, der Ende 2016 abgeschlossen war.

Langfristige Konsequenzen für die Umwelt

Cho zeigt auf eine Stelle in der Nähe der Zuschauertribünen: Dort habe der letzte Baum gestanden, ein 24 Meter hoher Mandschurischer Walnussbaum mit roten und gelben Bändern um den Stamm. Einheimische hatten seit Generationen an dem Baum für Glück, Gesundheit und Nachwuchs gebetet. "Auf der Fahrt hierher habe ich mich gefragt, ob eine geringe Chance besteht, dass der heilige Baum noch hier stehen wird", sagt der Fotograf. "Aber das ist nicht der Fall."

Die verlassene Skipiste ist ein Sinnbild für die Lage Südkoreas nach dem Ende der Winterspiele von Pyeongchang. Die Spiele fanden in einer der ärmsten Gegenden des Landes statt. Die Region ist nur dünn besiedelt, die Einwohner sind überdurchschnittlich betagt. Jetzt drängt sich vielen die Frage nach den langfristigen Konsequenzen des teuren Sportspektakels für die Umwelt auf.

60.000 Bäume für Alpinzentrum gefällt

Zur Debatte steht vor allem die Zukunft des malerischen Alpinzentrums in Jeongseon, für das am 1.560 Meter hohen Gariwang etwa 60.000 Bäume gefällt wurden. Zuvor stand das Gebiet wegen seines alten Baumbestands und seiner botanischen Vielfalt noch unter dem besonderen Schutz der Regierung.

Umweltschützer verzögerten mit ihrer scharfen Kritik an dem Projekt die Bauarbeiten in dem unberührten Wald. Die Behörden versprachen, den Skihang nach den Olympischen Spielen zurückzubauen und wieder in seinen natürlichen Zustand zu versetzen.

Behörden: Rückbau wäre zu teuer

Doch nun will die Regierung der Provinz Gangwon die Piste oder zumindest einen großen Teil davon als künftiges Freizeitgebiet erhalten. Sie macht unter anderem geltend, dass ein Rückbau zu teuer wäre. Experten veranschlagen dafür Kosten in Höhe von 90 Millionen Dollar (knapp 74 Millionen Euro) über einen Zeitraum von 20 Jahren.

"Es ist zu spät, um über Umweltschäden am Berg Gariwang zu reden", sagt der Gouverneur von Gangwon, Choi Munsun. "Es gibt keine Möglichkeit, den Wald zu 100 Prozent wiederherzustellen, und Teile des Gebiets sollten für Sporteinrichtungen verwendet werden."

Pläne für Mountainbike-Wege und eine Konzerthalle

Vor Ort ist bereits ein neues Hotel gebaut worden, ein weiteres entsteht gerade. Die Behörden planen Mountainbike-Wege, Rodelpisten und Konzerthalle als Ergänzung zur Skiabfahrt. Ob und in welchem Ausmaß das erlaubt wird, entscheidet ein Ausschuss der zentralen Forstbehörde.

Experten halten eine vollständige Renaturierung für nicht machbar. Im Zuge der Bauarbeiten für die Piste wurden Hunderte Bäume am Hang ausgegraben und in umliegende Hügel verpflanzt. Nach den Olympischen Spielen sollten sie an ihre alten Standorte zurückgebracht werden. Doch fast alle dieser Bäume sind bereits abgestorben oder kurz davor, wie der Umweltschützer Seo Jae Chul von der Organisation Green Korea sagt.

Gebiet gehörte einst zu bestgeschützten Naturräumen des Landes

In Videoaufnahmen Seos vom Dezember und Januar sind außerdem große entwurzelte und umgestürzte Bäume in der Nähe der Piste zu sehen. Grund sei vermutlich, dass die Pflanzen an ihren neuen Standorten stärkerem Wind ausgesetzt waren, sagt der Aktivist. Zudem hätten die Bauarbeiten wohl die Bodenerosion verstärkt, weil rund um die Abfahrt große Zufahrtsstraßen für Baufahrzeuge angelegt worden seien.

"Das Gebiet war ein solches Herzstück der Artenvielfalt", sagt Seo über die 180 Hektar große Fläche. "Aber es ist zerstört." Dabei gehörte die Region lange zu den bestgeschützten Naturräumen des Landes. Schon im 16. Jahrhundert beschränkten die koreanischen Könige den Zutritt, um die für ihre Heilkraft geschätzten Ginseng-Pflanzen dort zu schützen. Auch den Korea-Krieg von 1950 bis 1953 und die anschließende Industrialisierung, für die große Waldflächen abgeholzt wurden, überstand der Berg Gariwang unbeschadet. 2008 wies die Regierung den Wald als Schutzgebiet aus und verbot den unbefugten Zugang.

Auch Anwohner unter den Leidtragenden

Auf Wunsch der Behörden von Gangwon und der Olympia-Organisatoren wurde der Schutzstatus im Juni 2012 aufgehoben. Zur Begründung erklärten die Antragsteller, kein anderer Standort in der Nähe von Pyeongchang komme für die Abfahrt in Frage. Der Internationale Skiverband sieht dafür eine Mindestlänge von mehr als drei Kilometern vor sowie einen Höhenunterschied zwischen Start und Ziel von mehr als 800 Metern und eine durchschnittliche Steigung von mehr als 17 Grad.

Neben der Natur gehören auch die Anwohner zu den Leidtragenden: Dutzende wurden umgesiedelt, um für die neue Piste Platz zu machen. Zu ihnen gehört die 57-jährige Kim Heung Sook, die ihrem alten Haus nachtrauert. Dort habe sie einen Gemüsegarten gehabt, erzählt sie. Heute wohnt sie in einem kleineren Haus in der Nähe des Eingangs zum Skigebiet und lebt von dem Geld, das sie für die Umsiedlung erhalten hat.

Es sei schmerzhaft gewesen, die Zerstörung des Waldes zu verfolgen, den sie seit Jahrzehnten kannte, sagt Kim. Dennoch hält sie nichts von einer Renaturierung und hofft stattdessen auf neue Jobs in dem geplanten Feriengebiet: "Wenn man den Wald wieder herstellen will, hätte man die Piste erst gar nicht bauen sollen", sagt sie.

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