ZDFheute

Priester: "Wir müssen endlich zu Potte kommen"

Sie sind hier:

"Synodaler Weg" - Priester: "Wir müssen endlich zu Potte kommen"

Datum:

Leere Gotteshäuser sind bei dem unkonventionellen Münchner Pfarrer Schießler die absolute Ausnahme. Er fordert einen Veränderungsprozess und die Abschaffung des Zölibats.

"Wir müssen endlich zu Potte kommen, es muss wirklich was geschehen", fordert der Münchner Pfarrer Schießler die katholische Kirche zu Reformen auf.

Beitragslänge:
4 min
Datum:

Rainer Maria Schießler ist ein katholischer Pfarrer der Münchner Gemeinde St. Maximilian. Der Priester gilt als streitbarer, unkonventioneller und überaus erfolgreicher Kirchenmann, der es wie kaum ein anderer versteht, die Menschen für die katholische Kirche zu begeistern. "Gott zwingt nicht, er begeistert", ist Schießlers Credo, mit dem er die Menschen für den katholischen Glauben gewinnen möchte.

Leere Gotteshäuser - bei ihm Fehlanzeige. Nicht zuletzt, weil er mit immer neuen Ideen die Gläubigen in Bann zieht. Etwa, wenn er wie jetzt, den weltberühmten Sprayer-Künstler Loomit den Altarraum seiner Kirche mit einem Graffiti, das "moderne" Heilige, wie etwa die Rettungsboot-Kapitänin Carola Rackete, schmücken lässt.

Rainer Maria Schießler, katholischer Pfarrer der Münchner Gemeinde St. Maximilian.
Rainer Maria Schießler begutachtet das Graffiti des Sprayer-Künstlers Loomit im Altarraum seiner Kirche.
Quelle: ZDF

"Die Zeit des langen Redens und Debattierens ist vorbei, wir, die katholische Kirche muss endlich handeln und konkrete und verbindliche Beschlüsse verabschieden", so seine Reaktion auf die Veranstaltung des "synodalen Wegs".

Die Diskussion um den Zölibat, um die Rolle der Frauen in der katholischen Kirche oder um die Lebensformen von Priestern – damit ließen sich die Gläubigen an der Basis nicht erreichen, erklärt er im ZDF heutejournal.

heute journal: Wie wichtig ist der "synodale Weg"?

Wir müssen endlich zu Potte kommen, es muss wirklich was geschehen.

Rainer Maria Schießler: Es werden sehr viele Konferenzen sein, sehr viele Gespräche sein, entscheidend ist wirklich, was am Ende rauskommt, und vor allem entscheidend ist, dass das, worüber hier gesprochen wird und mit wem hier gesprochen wird, dass die Ergebnisse nicht irgendwo in einer Schublade verschwinden, wie schon mal geschehen nach der Würzburger Synode in den 70er Jahren. Wir müssen endlich zu Potte kommen, es muss wirklich was geschehen.

heute journal: Kann durch den "synodalen Weg" das Vertrauen der Menschen wieder zurückgewonnen werden?

Schießler: Das ist keine Vergnügungsveranstaltung, wir haben ja den Missbrauchsskandal hinter uns oder er steckt uns immer noch tief in den Knochen. Wir hätten, viel früher darauf kommen müssen, jetzt geht es nicht darum, dass wir irgendwelche praktischen Reformen in die Wege leiten, die vielleicht in Rom genehmigt werden. Es geht darum, dass wir unsere Glaubwürdigkeit zurückkriegen, dass man uns als Kirche wieder so wahrnimmt, wie wir eigentlich vom Evangelium her sind: nämlich eine Menschen begleitende göttliche Gemeinschaft. So verstehe ich Kirche.

heute journal: Ist ein Erneuerungsprozess innerhalb der katholischen Kirche notwendig?

Schießler: Wir leben weiter, wir entwickeln uns weiter und genauso auch im Glauben. Wir glauben heute anders als vor 50, 100 oder gar vor 500 Jahren, wir haben einen anderen Wissensrahmen, wir haben einen ganz anderen Zukunftsrahmen, dementsprechend müssen sich auch der Glaube und die Strukturen der Kirche aufstellen.

Einer hat mal einen schönen Satz gesagt: Die Steinzeit ist nicht zu Ende gegangen, weil die Steine ausgegangen sind, sondern weil der Mensch etwas Neues entwickelt hat. Das gilt auch für mich als aktiv gläubigen Christen.

heute journal: Ist der Zölibat noch zeitgemäß?

Schießler: Es geht darum, dass wir uns eigentlich selbst kaserniert haben, dass wir wirklich immer noch eine Art Dogma - es ist ja kein Dogma - aufrechterhalten, als dass nur der unverheiratet lebende Mann in voller Radikalität Christus darstellt. Und das ist ja nicht so. Das gibt die Theologie nicht her, das gibt die Bibel nicht her.

Ich bin dagegen, dass wir hinter all diesen Lebensformen wieder einen Zweck suchen. So quasi: Wer zölibatär lebt, ist der bessere Verkündiger. Das ist doch gar nicht wahr: Ich habe diese Lebensweise gewählt, weil ich sie haben wollte, weil sie mich interessiert hat, weil ich sie für mich ausgefüllt habe und nicht weil jemand anderes, schon gar nicht der liebe Gott, zufriedener ist.

heute journal: Gehören Frauen als Priesterinnen in die Kirche?

Schießler: Wie soll ich einer Gesellschaft da draußen ständig sagen, dass jeder Mensch dieselbe Würde besitzt, in meinem eigenen "Betrieb" ist das aber nicht der Fall. Ist das Geschlecht, als wenn ich es mir falsch geraubt hätte, ein Hinderungsgrund ein Amt zu bekleiden?

Wir können es nicht mehr wie der Bischof Overbeck von Essen gesagt hat, an einem Chromosom, an einem Y-Chromosom festmachen, dass eine Frau nicht das Amt bekleidet, genauso ist es. Es geht immer um die Glaubwürdigkeit.

heute journal: Sollen Entschädigungszahlungen an die Missbrauchsopfer aus den Einnahmen der Kirchensteuer erfolgen?

Schießler: Ja nicht! Weil dann habt ihr die nächste Austrittswelle, weil dann die Leute sagen, die machen Unrecht und bezahlen mit meinem Geld. Die Gleichung ist doch da, also dann bitte trennt euch von irgendeinem Tafelsilber, verkauft Grundstücke, oder sonstige Immobilien und nehmt dann dieses Geld dafür her.

heute journal: Wie wichtig ist im 21. Jahrhundert die katholische Kirche?

Schießler: Wofür brauche ich Kirche? Natürlich sagen die Leute, glauben kann ich ohne Kirche. Dann sage ich, das musst du sogar. Aber das zu feiern, was wir jetzt in der Eucharistie machen, das können wir nur gemeinsam und dafür brauche ich die Kirche.

heute journal: Wie ist Ihr Credo?

Ihr habt einen bestimmten Auftrag: Nämlich glücklich zu sein und den Himmel auf Erden zu gestalten.

Mittelpunkt ist das Wort Freude. Das steht für uns allen voran, den Menschen zu sagen habt Freude, lebt euer Leben. Ihr habt einen bestimmten Auftrag: Nämlich glücklich zu sein und den Himmel auf Erden zu gestalten.

Das Interview führte Sibylle Bassler.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.