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Wiederaufbau in syrischer Stadt - Menschen in Homs "wollen ihr Leben zurückholen"

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Die syrische Stadt Homs ist im Bürgerkrieg stark zerstört worden - jetzt kehren die Menschen zurück und versuchen, sich wieder eine Existenz aufzubauen. Für ein Hilfswerk ist Michael Frischmuth dort gewesen und berichtet im heute.de-Interview vom Kampf der Menschen um eine Zukunft.

Rechtsanwalt Anwar al-Bunni, der in Syrien selbst mehrere Jahre im Gefängnis saß, lebt jetzt in Deutschland. Hier setzt er sich für die Verfolgung von Kriegsverbrechern in Syrien ein.

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heute.de: Es gibt Beobachter, die sagen, das heutige Homs in Syrien sehe aus wie Berlin 1945. Wie sind Ihre aktuellen Eindrücke?

Michael Frischmuth: Ich kenne Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg nur von Bildern, aber ich habe nach dem Balkankrieg in den 1990er-Jahren Sarajevo und andere zerstörte Städte gesehen, und Homs heute erinnert mich sehr stark daran. Zwar gibt es dort auch vom Krieg unberührte Stadtteile, in denen das alltägliche Leben pulsiert, aber daneben sind weite Straßenzüge oder ganze Viertel völlig zerstört, ausgebombt und ausgebrannt, wie tot und bis vor kurzem menschenleer.

heute.de: Und genau dorthin wollen nun Menschen zurückkehren?

Frischmuth: Ja, so unglaublich das für uns in Deutschland klingen mag, aber diese Leute wollen in ihre Heimatviertel zurück und sich ihr Leben quasi wieder zurückholen und neu aufbauen. Wir reden aktuell von einigen Hundert Familien, die sich mit unserer Hilfe und der Unterstützung unserer Partnerorganisation vor Ort ihre Wohnungen wieder herrichten. Noch ist dort niemand wieder eingezogen, aber die Arbeiten sind in vollem Gang.

heute.de: Aber wie ist ein Leben in der Trümmerwüste möglich?

Frischmuth: Nach meinen Gesprächen in Homs habe ich den Eindruck, dass die Emotionen die rationalen Überlegungen überdecken. Die Menschen sagen: Wir wollen eine Zukunft, und wir packen dafür an, räumen den Schutt weg, setzen Fenster neu ein, mauern Löcher in den Wänden zu, streichen alles frisch, bringen Waschbecken und Toiletten in die Bäder und verlegen Elektroleitungen.

heute.de: Gibt es denn schon wieder fließend Wasser und Strom?

Frischmuth: Nein, in den zerstörten Vierteln gibt es das noch nicht. Die Menschen stehen da wirklich noch völlig am Anfang. Da hat auch niemand einen Masterplan in der Tasche. Aber aus meinen Gesprächen habe ich den Eindruck mitgenommen, dass sie fest darauf zählen, dass eine Normalität in ihr Leben zurückkommen wird und dass mit den jetzt nachkommenden Nachbarn auch die gegenseitige Unterstützung wieder greifen wird. Diese Hoffnung ist tatsächlich mit Händen greifbar, dass sich eins zum anderen fügen wird.

heute.de: Wie sehr beeinflusst die syrische Regierung Ihre Arbeit?

Frischmuth: Das einzige, was wir von der syrischen Regierung brauchen, ist ein Visum, um ins Land zu kommen. Eine Zusammenarbeit gibt es nicht. Wir sind frei in unseren Entscheidungen und entscheiden rein nach Kriterien der Bedürftigkeit. Unser Partner vor Ort ist das griechisch-orthodoxe Patriarchat und dessen humanitärer Hilfsdienst. Das Patriarchat kann völlig eigenständig agieren - auch über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Wir sind also nicht wie andere Organisationen gezwungen, bei der syrischen Regierung Genehmigungen für unsere Hilfsleistungen einholen zu müssen.

heute.de: Nach Jahren des Kampfes um Homs, das lange als "Rebellen-Hochburg" galt, scheint die Infrastruktur dort aber in weiten Teilen völlig zerstört. Sind Ihre Bemühungen da nicht eher ein Tropfen auf den heißen Stein?

Frischmuth: Es ist eine Art erste Hilfe. Ganz klar: Um den groß angelegten Wiederaufbau zu finanzieren, müssen ganz andere Programme greifen. Ein Aufbauprogramm der syrischen Regierung ist mir bislang nicht bekannt. Es gibt auch noch keine etablierten Koordinierungsstrukturen. Andere Hilfsorganisationen dürfen ja auch noch nichts machen, weil da die syrische Regierung mitspielen müsste. Wir stehen also ganz am Anfang.

heute.de: In welcher Gemütslage waren die Menschen, mit denen sie gesprochen haben?

Frischmuth: Jeder war froh, wieder in sein Zuhause zurück zu können. Manche hatten während der Kämpfe gedacht, sie würden die Stadt nur für ein paar Tage verlassen - und daraus waren nicht selten Jahre geworden. Die Menschen hoffen, dass sie endlich wieder ein selbstbestimmtes Leben führen können.

heute.de: Trotz aktuell weitgehender Waffenruhe gibt es in Syrien aber fortwährend eine Vielzahl von Konfliktparteien mit unterschiedlichsten Zielen. Erlauben Sie sich eine Einschätzung, wie weit das Land noch vom Frieden entfernt ist?

Frischmuth: Die Lage ist labil, und die politische Situation schwierig, das wissen wir. Wir sagen aber auch, dass man gewisse politische Realitäten anerkennen muss. Wir haben auch schon recht früh kritisiert, dass seitens des Westens der politische Dialog mit der syrischen Regierung sehr frühzeitig abgebrochen worden ist. Ich denke, aus humanitärer Sicht muss man die Realität, wie man sie in Syrien vorfindet, anerkennen.

heute.de: Syriens Präsident Baschar al-Assad gilt vielen westlichen Politikbeobachtern als ein Mann, der einen Krieg gegen sein eigenes Volk begonnen und sich dabei schlimmster Verbrechen schuldig gemacht hat.

Frischmuth: Ich sage nicht, dass diese Kriegsverbrechen nicht aufgeklärt werden sollen - sie alle müssen verfolgt und geahndet werden! Aber wir müssen auch auf die Lage vor Ort schauen. Fakt ist, dass die syrische Regierung Kontrolle hat über weite Teile des Landes und den Großteil der syrischen Bevölkerung. Viele Binnenflüchtlinge haben Schutz in Landesteilen gesucht, die von der Regierung kontrolliert werden, weil dort ein Mindestmaß an Versorgung garantiert ist.

heute.de: Fürchten Sie nicht den Vorwurf, mit Ihrer Hilfe indirekt der Assad-Regierung in die Hände zu spielen?

Frischmuth: Diesem Vorwurf sind wir Hilfsorganisationen generell in Konflikten ausgesetzt. Für uns steht über allem unsere Verpflichtung gegenüber den humanitären Prinzipien. Wir unterstützen mit unserer Hilfe weder Regierung noch Opposition, uns geht es nur darum, von Katastrophen betroffenen Menschen das Überleben zu sichern beziehungsweise ihnen zu helfen, die Eigenständigkeit wiederzuerlangen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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