Syriens Schutzmächte ringen um Rebellengebiet

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Idlibs Schicksal - Syriens Schutzmächte ringen um Rebellengebiet

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Syriens Regierung droht mit weiteren Angriffen auf die Region um die Stadt Idlib, in der etwa Millionen Menschen leben. Die Türkei fürchtet eine neue Flüchtlingswelle.

Zehntausende Syrer im Rebellengebiet Idlib auf der Flucht
Zehntausende Syrer im Rebellengebiet Idlib sind bereits auf der Flucht. Die Türkei befürchtet, dass sich durch eine neue Offensive noch mehrere auf den Weg machen.
Quelle: dpa

In wenigen Wochen beginnt für die Flüchtlinge in Syriens letztem großen Rebellengebiet Idlib wieder die Zeit, in der sie besonders leiden müssen. Dabei ist ihre Lage jetzt schon dramatisch. Überall auf Feldern entlang der Straßen im Nordwesten des Bürgerkriegslandes hausen Zehntausende, vielleicht Hunderttausende, in Zelten aus Plastik und anderen Verschlägen. Unterkünfte, die ihnen im Winter gegen Kälte, Regen und Schnee kaum Schutz bieten.

Ruhani, Putin und Erdogan vor dem Syrien-Gipfel. Archivbild
Ruhani, Putin und Erdogan trafen bereits im Februar zusammen, um über die Situation in Idlib zu beraten. Hier im russischen Sotschi.
Quelle: -/Kremlin/dpa

Bei dem Treffen der Staatschefs Russlands, der Türkei und des Irans in Ankara dürften Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan und Hassan Ruhani vor allem über die Situation in Idlib reden. Rund drei Millionen Menschen leben dort, mehr als die Hälfte Vertriebene, die vor den Truppen von Machthaber Baschar al-Assad und der Gewalt geflohen sind. Ihr Schicksal hängt insbesondere von einer Gruppe ab, die die Region dominiert: von der militanten islamistischen Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS), einst ein Al-Kaida-Ableger.

Pufferzone sollte Regierungsoffensive verhindern

Der Kampf um Idlib vertreibt Zehntausende Syrer.
Der Kampf um Idlib vertreibt Zehntausende Syrer.
Quelle: Juma Mohammad/IMAGESLIVE via ZUMA Wire/dpa

Es ist nicht das erste Mal, dass die drei Schutzmächte der syrischen Konfliktparteien nach einer Lösung für Idlib suchen. Im September einigten sich Putin und Erdogan auf eine Pufferzone. Sie sollte eine Regierungsoffensive verhindern, woran vor allem die Türkei Interesse hat. Ankara befürchtet, dass Hunderttausende in Richtung Türkei fliehen könnten, sollten die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad vorrücken. Doch wie so viele Abkommen scheiterte auch dieses. Denn ausgerechnet die HTS-Miliz, die stärkste Rebellengruppe, fühlte sich nicht an die Einigung gebunden.

Ankara habe gedacht, dass sie genügend Einfluss auf HTS habe, sagt der türkische Analyst Fehim Tastekin. Etwa dadurch, dass die Miliz ihren Nachschub über türkisches Territorium organisiere. Die Rechnung der Türkei sei jedoch nicht aufgegangen. Schwere Waffen habe die HTS nur zum Schein abgezogen. Im April begannen Assads Truppen, unterstützt von Luftangriffen seines Verbündeten Russland, mit einer Offensive auf Idlib. Dort, so heißt es aus Damaskus und Russland, würden "Terroristen" bekämpft.

HTS-Miliz ein undurchschaubarer Player im Idlib-Konflikt

Zuletzt konnten Regierungsanhänger wichtige Gebiete einnehmen. Über HTS war früher von Seiten der Assad-Gegner zu hören, sie sei die einzige Gruppe, die unbestechlich gegen die Regierung kämpfe. Weil die Miliz aber bei der jüngsten Offensive keinen nennenswerten Widerstand leistete, hat ihr Ruf als entschlossene Kampfeinheit gelitten. "Wie sich HTS aus vielen Städten zurückgezogen hat, ist der Hauptgrund, warum die Menschen sie hassen", sagt ein Aktivist aus Idlib, der aus Angst vor Verfolgung ungenannt bleiben möchte.

Der türkische Präsident Erdogan ist in Moskau mit dem russischen KremIchef Putin zusammengekommen. Ein wichtiges Gesprächsthema ihres Treffens: der Syrien-Konflikt.

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Die HTS-Miliz hat mehrere Wandlungen vollzogen: Einst trat sie als syrischer Ableger Al-Kaidas auf, sagte sich aber - zumindest offiziell - von dem Terrornetzwerk los. Ihren früheren Namen Al-Nusra-Front änderte sie in HTS: Organisation zur Befreiung (Groß-)Syriens. Im vergangenen Jahr ging sie gegen konkurrierende Rebellen vor und brachte Idlib unter Kontrolle. Doch offenbar wächst der Druck auf HTS. Lokale Medien berichteten über Demonstrationen gegen die Miliz. Zudem kursieren seit mehreren Tagen Meldungen, die Türkei wolle sie zur Auflösung drängen, um Russland und Syrien einen Vorwand für weitere Angriffe zu nehmen.

Schutzmächte getrieben von eigenen Sorgen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist in einer schwierigen Situation: Geht die Regierungsoffensive in Idlib weiter, könnten Hunderttausende in Richtung Türkei - und von dort aus weiter Richtung Europa - fliehen. Einen neuen Andrang will Erdogan unbedingt verhindern. Die Türkei hat bereits mehr als 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen, und der Präsident ist wegen der Syrer im Land innenpolitisch unter Druck geraten.

Russland steht in Syrien treu an Assads Seite, hat dort zwei Militärstützpunkte und gilt längst als bestimmende Macht. Syriens Militär ist auch Abnehmer russischer Waffen, mit denen Moskau verhindern will, dass sich andere Mächte einmischen. Zugleich hat der Kreml aber auch das Interesse, den Westen für einen Wiederaufbau des zerstörten Landes zu gewinnen, schließlich stellt der Krieg für Russland nicht zuletzt finanziell eine Last dar. Mit Moskaus Segen arbeitet UN-Vermittler Geir Pedersen an einem Verfassungsausschuss, der den politischen Prozess wieder in Gang bringen soll.

Idlib ist Syriens letzte Rebellenhochburg. Es gibt seit langer Zeit erbitterte Kämpfe um die Stadt in Nordsyrien. Assads Krieg ist gnadenlos. Zivilisten und zivile Einrichtungen sind die Hauptziele. Syriens Machthaber überschreitet rote Linien.

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Assads Anhänger kündigen neue Angriffe auf Idlib an

Neben Russland ist der Iran Assads wichtigster Verbündeter. Über die Jahre hat Teheran seinen militärischen Einfluss ausgebaut und eine Landachse über den Irak und Syrien bis in den Libanon errichtet. Beim Streitthema Idlib wird Ruhani erneut für eine friedliche Lösung plädieren, aber mit Bedingungen. Der Iran sei bereit, zusammen mit Russland, zwischen den Türken und Syrern zu vermitteln. Der Syrien-Gipfel spielt jedoch keine besondere Rolle im Iran. Das Land hat mit US-Sanktionen und einer Wirtschaftskrise ganz andere Sorgen.

Karte: Syrien - Idlib - Damaskus
Karte: Idlib im Norden von Syrien
Quelle: ZDF
Die Menschen werden die Grenzmauer einreißen, weil sie um ihr Leben rennen.
Aktivist aus Idlib

Kann es der Türkei gelingen, einen Ausweg aus der Krise in Idlib zu finden, etwa indem sich HTS tatsächlich auflöst? Analyst Testekin sagt, Erdogan versuche zwar verzweifelt, die Militäroperationen zu stoppen, habe aber keine Karten in der Hand. Er geht davon aus, dass Russland und die syrische Regierung weitere Gebiete in Idlib unter ihre Kontrolle bringen: "Das wird Erdogan nicht verhindern können." Assads Anhänger haben in sozialen Medien bereits den Beginn neuer Angriffe angekündigt.

Aktivist geht von humanitärer Katastrophe aus

Für den Aktivisten aus Idlib wäre es ein Albtraumszenario, wenn die Regierung die Region einnehmen würde. "Für uns würde es Vernichtung bedeuten", schreibt er. "Die Menschen haben keinen anderen Ort, an den sie gehen können. Es wird sicherlich einen großen Strom in die Türkei geben. Die Menschen werden die Grenzmauer einreißen, weil sie um ihr Leben rennen."

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