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Zerstörtes Syrien - Assads fragwürdiger Frieden

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Wiederaufbau und Nothilfe hat Syrien bitter nötig. Doch noch kann im zerstörten Land kaum die Rede von Frieden sein - vor allem wenn man an die drohende Schlacht um Idlib denkt.

Die syrische Armee bereitet einen Angriff auf die Rebellenhochburg Idlib vor. Laut UN droht die größte humanitäre Katastrophe des 21. Jahrhunderts. "Die Frage ist nicht ob es sich verhindern lässt, sondern wann", so Uli Gack, ZDF-Korrespondent in Kairo.

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Die Sprechchöre gellen in den Ohren. Syrische Kinder sind angetreten im Hof ihrer Schule in Jalda, einem Vorort von Damaskus. "Mit unserer Seele, mit unserem Blut verteidigen wir Baschar!", schreien sie. Immer wieder der gleiche Spruch. Ein fanatisches Bekenntnis zu Baschar al-Assad, dem Präsidenten. Örtliche Würdenträger sind zu Besuch, syrische Soldaten, und das russische Verteidigungsministerium hat ausländische Journalisten aus Moskau eingeflogen, um zu zeigen: In Jalda ist Frieden eingekehrt. Trotzdem sichern russische Scharfschützen vom Dach eines zerstörten Hauses das Gelände.

Assad hat wieder Macht

Archiv: Schulmädchen schwören Präsident Assad in sprechchören die Treue, aufgenommen am 13.08.2018 in Jalda (Syrien)
Schulmädchen in Jalda schwören Präsident Assad die Treue. Quelle: dpa

Im syrischen Bürgerkrieg herrschte bis März die islamistische Miliz Dschaisch al-Islam in der Stadt. Dann griffen die Regierungsarmee und die Russen an. Die von Saudi-Arabien unterstützten Kämpfer verloren ihre Stellungen rund um Damaskus. Nun hat Assad wieder das Sagen in Jalda. Und mit ihm das Regime, von dem sich viele 2011 befreien wollten. Der Versuch mündete in einen Bürgerkrieg mit mehr als 400.000 Toten und Millionen Vertriebenen.

Was denken die Lehrer, die Kinder, die Einwohner von Jalda wirklich? Standen sie den Islamisten nahe? Oder haben sie unter deren Terror gelitten? Sind sie einfach froh, dass Kämpfe, Bomben und Tod vorbei sind? Auf alle Fälle scheint es heute sicherer, die Liebe zum neuen alten Herrscher Assad zu bekunden. Aber sieht so Befreiung aus?

Russland als Friedensstifter

Die Schule ist renoviert. Innen spachtelt ein Handwerker noch die Wände. Vier Millionen Schülerinnen und Schüler erwartet die syrische Regierung regulär zum Schuljahresbeginn im September, dazu wohl eine Million Kinder, die aus Flüchtlingslagern zurückkehren. Die russische Armee hat der Schule eine Ladung Bauholz gestiftet. "Hilfe von Russland für Syrien" steht auf dem Armeelastwagen. Freundliche Offiziere lassen die Kinder über den Holzstapel toben. Militärpolizisten machen Erinnerungsfotos mit den kleinen Syrern.

Russland tut oft so, als sei der Syrien-Krieg so gut wie zu Ende. Präsident Wladimir Putin hatte 2015 militärisch eingegriffen und damit das Blatt zugunsten von Assad gewendet. Der 52-Jährige war fast schon geschlagen gewesen. Nun sind zwei Drittel des Landes wieder unter seiner Kontrolle. Nach Moskauer Darstellung herrscht Frieden. Der Wiederaufbau soll beginnen, die Geflüchteten sollen zurückkehren.

Wer zahlt?

Putin setzt dabei auf Geld aus dem Land in Europa, das die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat: Deutschland. Knapp 725.000 Syrer zählt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hierzulande. Zwar sind sich die EU und die USA bislang einig: Gezahlt wird nicht. Assad habe sein Land selbst zerstört, Russland habe mit Luftangriffen schwere Schäden und viele Tote auf dem Gewissen. Dort liege die Aufgabe.

Aber Putin weiß auch, wie stark die Flüchtlingsfrage die deutsche Politik unter Druck setzt. Als er Mitte August auf Schloss Meseberg nördlich von Berlin mit Kanzlerin Angela Merkel sprach, warb er um Hilfe für den Wiederaufbau. Eine verlockende Aussicht: Syrer gehen in ihre Heimat zurück. Andererseits drohte Putin kaum verhohlen mit neuen Fluchtbewegungen, wenn nicht geholfen wird. "Das ist potenziell eine große Last für Europa", sagte der Kremlchef.

Frieden noch nicht in Sicht

Aber ist Syrien überhaupt schon so friedlich, dass das Land aufgebaut werden kann? In der Tat haben Syriens Regierungstruppen, unterstützt von Russland und dem Iran, zuletzt wichtige Gebiete eingenommen. So die lange umkämpfte Region Ost-Ghuta bei Damaskus mit zerstörten Städten wie Harasta und Duma. Auch die Provinz Daraa im Süden, wo der Aufstand begann, brachte Assad wieder unter Kontrolle.

Doch echter Frieden zeichnet sich nach über sieben Jahren Bürgerkrieg nicht ab, von einem Ausgleich zwischen den verfeindeten Parteien gar nicht zu reden. Vielmehr könnte die blutigste Operation noch kommen. Assad betont immer neu, dass er jeden Winkel des Landes wieder unter seine Herrschaft bringen will. Wenn nötig, mit aller Gewalt. Seine Truppen sammeln sich deshalb an den Frontlinien in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens, der letzten Rebellenbastion. Auch Assads Gegner bringen Zehntausende in Stellung. Sie wissen, dass diese Schlacht ihre letzte sein könnte.

Bei einem Angriff Assads droht die nächste humanitäre Katastrophe. Fast drei Millionen Zivilisten leben in dem Rebellengebiet. Viele könnten versuchen, über die Grenze in die Türkei zu kommen - um dann Wege nach Europa zu suchen.

Heimkehrer aus dem Libanon

Archiv: Syrische Polizisten und Sanitäter warten auf Heimkehrende, aufgenommen am 13.08.2018 in Al Dschadidah (Syrien)
Dschadidah: Syrische Polizisten und Sanitäter warten auf Heimkehrende. Quelle: dpa

Dschadidah ist ein Grenzübergang vom Libanon nach Syrien. Langsam rollen Busse von Westen heran. Fernsehkameras halten drauf. Hier kommen Flüchtlinge aus dem Nachbarland zurück. Der syrische Staat will zeigen, dass er zum Empfang bereit ist. Ärzte warten, eine Landjugend-Gruppe jubelt auf Befehl, Russen regeln den Verkehr. Die Heimkehrer nehmen die Nationalfahne in die Hand. Familien machen den symbolischen Schritt aus dem Bus zurück auf syrischen Boden.

Sie sei aus Sorge um ihre Tochter ins Ausland gegangen, berichtet eine Frau. Ein Mann erzählt, er sei geflohen, als Terroristen sein Dorf besetzt hätten. Er habe im Süden des Libanons gelebt. Nun ist er zurück - mit Mutter, Frau und Sohn. "Man fühlt, dass es jetzt sicherer ist." "Der Sieg wird erst komplett sein, wenn alle Flüchtlinge aus dem Ausland heimkehren" - so hat es der Minister für Kommunalverwaltung und Umwelt, Hussein Machluf, in der Hauptstadt gesagt. Doch was erwartet die Rückkehrer?

Bislang sind, so berichten die Vereinten Nationen (UN), nur wenige Tausend Flüchtlinge aus dem Ausland heimgekehrt. Syrien ist berüchtigt für die Folterkeller der Sicherheitsdienste. Menschenrechtler beklagen, Zehntausende seien in Gefängnissen verschwunden. Sie befürchten, viele davon könnten zu Tode gefoltert worden sein. Wer immer im Verdacht steht, mit der Opposition sympathisiert zu haben, muss auch als Heimkehrer mit Verhaftung und einem solchen Schicksal rechnen. Weil Syriens Militär nach vielen Jahren Krieg ausgelaugt ist, droht jungen Männern auch die Zwangsrekrutierung. Mehr als 50.000 seien seit April in eroberten Gebieten eingezogen worden, meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Wirtschaft um fast zwei Drittel geschrumpft

Archiv: Blick von der Zitadelle von Aleppo (Syrien) auf die Zerstörte Altstadt, aufgenommen am 16.08.2018
Blick von der Zitadelle von Aleppo auf die zerstörte Stadt. Quelle: dpa

Eine Schätzung der Weltbank von 2017 besagt, dass fast ein Drittel aller Häuser Syriens beschädigt oder völlig zerstört ist. Der Osten von Aleppo in Nordsyrien liegt zu großen Teilen in Schutt und Asche. Ebenso Ost-Ghuta am Rande von Damaskus. Viele Industriezonen hat es schlimm erwischt. In den großen Städten ist jedes zweite Krankenhaus beschädigt. Syriens Wirtschaft ist um fast zwei Drittel geschrumpft. Unterschiedliche Prognosen kursieren, wie teuer der Wiederaufbau werden könnte. 200 Milliarden US-Dollar (172 Mrd. Euro) mindestens. Die UN-Wirtschaftskommission für Westasien geht sogar von Schäden in Höhe von fast 400 Milliarden Dollar aus. Unglaubliche Summen. Bislang läuft der Aufbau schleppend, weil der Regierung die Ressourcen fehlen und sie unter den internationalen Sanktionen leidet.

Aber kann Syrien wieder ein blühendes Land werden? Tatsächlich wird die Wirtschaft ohne massive Hilfe von außen kaum auf die Beine kommen. Russland und dem Iran fehlen die Mittel und der Wille, um Milliarden für den Aufbau nach Damaskus zu schicken. Hinzu kommt der Bevölkerungsschwund. Rund 21 Millionen Menschen zählte Syrien vor dem Krieg. Mehr als fünf Millionen sind ins Ausland geflohen, mehr als sechs Millionen im Land vertrieben worden.

Hilfe muss sein

Der Internationale Währungsfonds IWF schätzte 2016, der Wiederaufbau werde mindestens 20 Jahre dauern, sollte er 2018 beginnen - eine hypothetische Annahme. Denn es kommt nur wenig Geld aus dem Ausland. Und Syriens Devisenreserven sind so gut wie aufgebraucht. Die Machthaber in Damaskus haben die Kontrolle über wichtige Ressourcen verloren. Die Landwirtschaft ist ein Eckpfeiler der Wirtschaft. Doch bedeutende Anbaugebiete im Norden werden von Kurden kontrolliert, die an der Seite der USA kämpfen. Auch auf die größten Ölressourcen - etwa im Euphrat-Tal nahe der Grenze zum Irak - hat Damaskus keinen Zugriff.

Vermutlich haben die russischen Offiziere in ihrem groben Realismus Recht: Überleben ist besser als der Tod, ein schlechter Friede ist besser als Krieg. Nur ist besser noch lange nicht gut. Wie lange halten die Menschen es in zerstörten Städten wie Homs und Aleppo noch aus, bevor sie anderswo ein besseres Leben suchen? Vielleicht droht keine neue große Flüchtlingswelle, trotzdem tut Hilfe Not.

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