Sie sind hier:

Syrer im Bürgerkriegsland - Zwischen Hoffen auf Frieden und Angst vor Assad

Datum:

Nach mehr als sieben Jahren Krieg schöpfen viele Syrer Hoffnung auf Frieden. Doch in die Freude über ruhende Waffen mischt sich auch Furcht vor Präsident Assads Rache.

Obststand inmitten von Trümmern in Idlib
Ein Markt in Idlib - inmitten von Trümmern. Quelle: reuters

"Heute wäre es eigentlich besser zu schweigen", sagt Bilal Makhzom, ein Sanitäter, der heute.de seit Jahren kontinuierlich über das Geschehen in seiner Heimatstadt Idlib im Nordwesten Syriens berichtet. Er habe sich zwar nie etwas zu Schulden kommen lassen und deshalb "eigentlich nichts zu befürchten", wie Makhzom meint, doch er weiß auch: "Der Krieg ist noch nicht vorbei und niemand ist sicher davor, in falsche Hände zu geraten und am Ende einfach von der Erdoberfläche zu verschwinden."

Bürger Idlibs hoffen auf türkische Schutzmacht

Seit der de-facto-Machtübernahme türkischer Streitkräfte und mit ihnen verbündeten Rebellengruppen sei es in Idlib zwar aktuell verhältnismäßig ruhig. "Es fühlt sich fast nach Frieden an", sagt Makhzom, der im Dienst des Roten Halbmonds während des Krieges sehr oft vergeblich versucht hat, Menschenleben zu retten. "Ich weiß nicht, wie viele Menschen in meinen Händen gestorben sind - ich habe irgendwann aufgehört sie zu zählen", sagt er.

Es waren Opfer russischer Luftangriffe, Granatbeschusses der Assad-Armee oder Kämpfen zwischen rivalisierenden Rebellengruppen in der Stadt. "Es war die Hölle und Allah sei Dank haben wir diese schreckliche Zeit überlebt", sagt Makhzom. Die Stadt gleiche zwar in großen Teilen noch immer einer Trümmerwüste, "aber inzwischen liegen keine Leichen mehr in den Straßen herum, es gibt nur noch vereinzelt Schusswechsel."

Angst vor Assads möglichem Militärschlag in Idlib

Allerdings fürchtet Makhzom, dass die weitgehende Waffenruhe nicht von Dauer sein könnte. "Wir beten, dass uns die türkische Regierung weiter beschützt vor dem Schicksal der Leute in Daraa." Die Einwohner dieser Stadt im Südwesten Syriens waren die ersten gewesen, die sich 2011 gegen Präsident Baschar al-Assad aufgelehnt hatten.

Karte: Syrien - Aleppo-Idlib-Homs-Damaskus
Die Karte zeigt die Städte Aleppo, Idlib, Homs und Damaskus in Syrien.

Zuletzt erging es ihnen wie den Bewohnern von Aleppo und Ost-Ghouta: Geschätzt bis zu 300.000 Einwohner Daraas flüchteten vor den Kämpfen zwischen Rebellen und einer Allianz aus Assads Armee, russischen und iranischen Streitkräften. Wie in allen syrischen Kampfgebieten gerieten auch in Daraa Zivilisten zwischen die Fronten, Tausende wurden verletzt und getötet. "Wenn die Türken aus Idlib abziehen, bricht die Hölle wieder über uns herein", fürchtet Bilal Makhzom. 

Russisches Militär in Homs: einst gefürchtet, nun geschätzt

Mit dieser Sorge steht er nicht allein. Denn die letzte große syrische Rebellenhochburg gilt als Rückzugsort zahlreicher radikaler Assad-Gegner. Militärtransporte deuten darauf hin, dass der syrische Präsident in Idlib den Krieg endgültig für sich entscheiden will. Viele Einwohner Syriens, mit denen heute.de seit Jahren in Kontakt steht, sehen in Idlib "die letzte große Schlacht" bevorstehen, wie es etwa der Lehrer Adnan Adahhik aus dem Norden von Homs formuliert.

Adahhik selbst hat Jahre in einem von Rebellen beherrschten und von syrischem Militär belagerten Gebiet überlebt. Fassbombenangriffe der Assad-Streitkräfte und flächendeckende Bombardements der russischen Luftwaffe auf Wohngebiete gehören der Vergangenheit an. Heute sorgen russische Militärpolizisten in der "Deeskalationszone" für Sicherheit. "Anfangs gab es noch Übergriffe von Assad-Milizen auf Einwohner, aber jetzt schützen uns die Russen zuverlässig davor", sagt Adahhik.

Lehrer aus Homs: "Wir kehren zum normalen Leben zurück"

Wie andere Augenzeugen aus der Region berichtet auch er davon, dass extreme Assad-Gegner nach Idlib abgezogen seien. Dagegen habe ein Großteil der oppositionellen Kräfte die Waffen vergraben. "Die Leute sind müde vom Krieg, sie wollen zurück in ihr ziviles Leben", sagt Adahhik. Er selbst hat sich nie am bewaffneten Kampf beteiligt. Zuletzt war er bei einer Hilfsorganisation beschäftigt, die mit ausländischem Geld unterernährte und kranke Zivilisten versorgt hat.

Inzwischen hat er diese gut bezahlte Arbeit verloren. Er kann aber darüber lachen. "Der Job ist zum Glück nicht mehr nötig", sagt er. "Es kommen wieder Lebensmittel und Medikamente in die Stadt, es herrscht kein großer Mangel mehr." Gerade bereitet sich Adahhik vor, beruflich an sein Leben vor dem Krieg anzuknöpfen. In einigen Wochen wird er wieder Kinder und Jugendliche in Englisch unterrichten. So, wie er das bis 2011 gemacht hat. "We are going back to normal life", sagt er mit hoffnungsvollem Ton in der Stimme.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.