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Billig auf Kosten des Personals?

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Discounter - Billig auf Kosten des Personals?

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Discounter locken mit Tiefpreisen – auf Kosten der Mitarbeiter? Häufigste Krankheitsursache im Einzelhandel: Muskel-Skelett-Erkrankungen verursachen rund jeden vierten Fehltag.

Hauptsache billig? Das System der Discounter bedeutet oft auch: Viel Umsatz mit wenig Personal erzielen. Mitarbeiter berichten von langen Arbeitstagen und vielen Überstunden.

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In keinem anderen europäischen Land sind Discounter so beliebt wie in Deutschland: 42 Prozent des gesamten Umsatzes im Lebensmitteleinzelhandel machen Lidl, Netto und Co. Dabei sind die Gewinnmargen äußerst niedrig. An einem Einkauf von 20 Euro macht der Lebensmitteleinzelhandel laut Branchenkennern gerade einmal 20 Cent Gewinn. Wie also kann sich das Konzept Discounter lohnen?

Hoher Umsatz, wenig Personal

Eine Antwort: niedrige Personalkosten. Eine wichtige Rolle spielt dabei die sogenannte Stundenleistung - eine Kennzahl, mit der im Einzelhandel gearbeitet wird. Sie soll zeigen, wie leistungsfähig eine Filiale ist. Um die Stundenleistung zu ermitteln, werden die Mitarbeiterstunden durch den Umsatz geteilt. Je höher die Zahl ist, die dabei herauskommt, desto profitabler ist das Geschäft. Eine Formel, die wenig Personaleinsatz belohnt.

Die (Überstunden) schreibe ich nicht auf. Die schenke ich der Firma.
Ein Netto-Filialleiter

Vor allem Netto soll am Personal sparen. So setze die Discounterkette in ihren Filialen häufig zu wenig Mitarbeiter ein, erklärt Nils Böhlke von der Gewerkschaft Verdi. Oft würden nur zwei Mitarbeiter den kompletten Filial-Betrieb stemmen. Die möglichen Konsequenzen schildert Netto-Filialleiter Michael H. - er berichtet ZDFzoom von Überlastung und unbezahlten Überstunden jeden Tag: "Die schreibe ich nicht auf. Die schenke ich der Firma." Nur auf diese Art könne er die Vorgaben von Netto einhalten. Netto bestreitet auf Anfrage die Vorwürfe. Es würden ausreichend Personalstunden für die Filialen eingeplant. Eine Filialbesetzung mit zwei Mitarbeitern sei die Ausnahme.

Wenig Personal, viele Überstunden, Arbeit am Limit – mit fatalen Folgen. Mitarbeiter von Discountern klagen über Gesundheitsprobleme und Dauerstress am Arbeitsplatz.

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Harte Arbeit, keine Zuschläge

Über Norma, einen der kleinsten deutschen Discounter, dringt kaum etwas an die Öffentlichkeit. ZDFzoom hat mit Mitarbeitern eines früheren Norma-Zentrallagers gesprochen. Von hier wurden bis Herbst vergangenen Jahres Filialen mit neuer Ware versorgt. Norma-Mitarbeiter Thorsten H. berichtet, dass Nachtschicht-Arbeit in diesem Lager über viele Jahre nicht korrekt bezahlt worden sei. Auch Zuschläge für Sonn- und Feiertagsarbeit habe es nicht gegeben. Er sagt, dass ihm auf diese Art über 10.000 Euro vorenthalten wurden. Auf Anfrage bestätigt Norma, dass es im früheren Lager "organisatorische Probleme" gegeben habe. Am neuen Lagerstandort seien diese behoben worden. Detailfragen zu Arbeitszeiten und nicht gezahlten Zuschlägen beantwortet das Unternehmen nicht.

Die Arbeit geht auf die Psyche. Man zerbricht.
Früherer Lidl-Mitarbeiter

Harte Arbeitsbedingungen: Auch die Gesundheit mancher Filial-Mitarbeiter leidet darunter. Frank G., ein früherer Lidl-Angestellter, spricht von 14-Stunden-Tagen, die er in einer Filiale gearbeitet habe. Die Mitarbeiter würden unter enormen Druck stehen, um die geforderte Leistung zu erbringen. Die Folge bei ihm: Rücken- und Knieschmerzen,  Schlafstörungen und Nervosität: "Die Arbeit geht auf die Psyche. Man zerbricht." Lidl weist die Kritik zurück. Zum Schutz der Mitarbeiter habe man ein betriebliches Gesundheitsmanagement eingeführt. Zudem widerspräche nicht erfasste Arbeitszeit den Unternehmensgrundsätzen und der Unternehmenskultur.

Arbeit im Risikobereich

Wie  belastend die Arbeit im Einzelhandel sein kann, zeigt ein Experiment. In einem kleinen Supermarkt wird eine ehemalige Verkäuferin mit speziellen Sensoren verkabelt. Die Sensoren zeigen genau, welche Belastung während des Einräumens von Waren auf den Körper einwirkt. Mit der sogenannten Leitmerkmal-Methode lässt sich berechnen, wie die möglichen langfristigen Folgen für die Gesundheit aussehen können.

Die Knochen tun weh, du denkst, du hast was mit dem Herzen.
Ein Netto-Mitarbeiter

Arbeitswissenschaftler André Klußmann, der das Experiment begleitet, stellt am Ende fest: Die Belastung liege im gelben Risikobereich. Rücken- und Schulterschmerzen bis hin zu Verschleißerscheinungen der Gelenke könnten auf längere Sicht die Folge sein.

Netto-Mitarbeiter Michael H. zieht ein ernüchterndes Urteil: "Die Kollegen brechen dann irgendwann zusammen. Die Knochen tun weh, du denkst, du hast was mit dem Herzen oder du hast schon so nervöse Zuckungen, dann tun dir die Gelenke weh, es tut alles weh. Und du merkst: Ich muss mich rausziehen, sonst bleibe ich auf der Strecke."

Die ZDFzoom-Doku "Hauptsache billig? - Das System Discounter" sehen Sie am 30. Januar um 22:45 Uhr im ZDF oder jederzeit in der Mediathek.

Hinweis: Die im Text genannten Vornamen und Kürzel wurden zum Schutz der interviewten Mitarbeiter geändert.

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