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Tag der Arbeit - "Das Ende der Bescheidenheit ist da"

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Dank der brummenden Wirtschaft lassen sich Beschäftigte, die mehr Lohn wollen, nicht mehr so leicht von ihren Arbeitgebern abwimmeln. Trotzdem haben Gewerkschaften einen schweren Stand in den sich rasant verändernden Arbeitswelten, diagnostiziert der Wirtschaftssoziologe Klaus Dörre im heute.de-Interview.

Sina Trinkwalder gründete ein Textilunternehmen, um ein kleines bisschen die Welt zu retten. Und das in einer Branche, von der sie sagt, es sei eine dreckige: Vielen Textilunternehmern gehe es nur um Profit. Deshalb setze man auf Arbeit auf Abruf.

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heute.de: Das Motto des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zum Tag der Arbeit lautet in diesem Jahr: "Wir sind viele, wir sind eins". Soll dieser Satz eine Beschwörung sein angesichts der auseinanderdriftenden Arbeitswelten von Stammbelegschaften und prekär Beschäftigten?

Klaus Dörre: Es ist ein Appell. "Viele" kann stehen für Vielfalt und das "Wir sind eins" für gemeinsame Interessen. Aber in der Tat, das Motto kann man auch missverstehen.

heute.de: Vor welchen Herausforderungen stehen Gewerkschaften?

Dörre: Nur 18 Prozent der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind noch gewerkschaftlich organisiert. Das entspricht etwa dem Organisationsgrad der Beschäftigten in der Bundesrepublik Mitte der 1960er Jahre. In jüngster Vergangenheit treten aber wieder vermehrt junge Leute in Gewerkschaften ein und sind dort auch aktiv. Die Mitgliederverluste liegen heute in den älteren Belegschaften, weil die Menschen in Rente gehen oder sterben. Das reißt noch immer große Lücken. Fehlen den Gewerkschaften aber Mitglieder, sind sie nicht durchsetzungsfähig.

heute.de: Wieso interessieren sich junge Menschen wieder für Gewerkschaften?

Dörre: Es gibt einen Wandel in den Betrieben - vor allem im Osten. Die neue Generation hat die Geißel der Massenarbeitslosigkeit nicht mehr spürbar im Rücken und wenig Bindung an den Betrieb, in dem sie arbeitet. Die Jungen fordern einen gerechten Anteil am Kuchen, sind bereit dafür zu streiken und nehmen kaum Rücksicht auf die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens. Sie denken, wenn die Bude zumacht, dann gehen wir eben zum nächsten Arbeitgeber.

heute.de: Das ist der brummenden deutschen Wirtschaft zu verdanken oder?

Dörre: Das Ende der Bescheidenheit ist da. Es gibt in den jungen Belegschaften hohe Erwartungshaltungen. Oft brechen die Konflikte am Lohn auf. Dahinter stecken aber noch andere Themen, wie die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben, die steigende Arbeitsintensivierung und der Stress, die Ausdehnung der Arbeitszeiten und das autoritäre Verhalten von Managern - aller Reden über die schöne neue Arbeitswelt zum Trotz.

heute.de: Autoritäres Verhalten ist immer noch en vogue?

Dörre: Beim Onlinehändler Amazon beispielsweise treten Manager sehr kumpelhaft auf, lassen sich mit "Du" anreden, sind aber zugleich äußerst sperrig, wenn es um Mitbestimmungsrechte von Arbeitnehmern geht.

heute.de: Und was können Gewerkschaften da tun?

Dörre: Wir haben eine gespaltene Arbeitswelt. Auf der einen Seite haben wie noch einen starken industriellen Exportsektor, in dem die Gewerkschaften stark sind. Da haben wir auch noch Flächentarifverträge. Auf der anderen Seite haben wir einen immer größer werdenden Anteil prekärer Beschäftigung. Sie ist meist in schlecht bezahlten und in Dienstleistungsberufen wie der Altenpflege vorhanden und gesellschaftlich nicht hoch angesehen. Hier arbeiten überwiegend Frauen. Die wenigsten sind organisiert. Da fällt es den Gewerkschaften schwer, Fuß zu fassen.

heute.de: Haben sich die Gewerkschaften zu lange auf die in Vollzeit sozialversicherungspflichtig arbeitenden Stammbelegschaften konzentriert?

Dörre: Früher ja, aber heute kann man das den Gewerkschaften nicht mehr vorwerfen. Sie werben zum Teil mit beträchtlichem Aufwand Mitglieder unter den Prekären. Das gelingt auch. Aber es ist schwer, diese Mitglieder zu binden. Gewerkschaften stellen heute Bedingungen an Belegschaften. Sie verhandeln beispielsweise nur die Forderung nach höherem Lohn, wenn in der Belegschaft eine bestimmte Mitgliederquote erreicht wird. Wenn nicht, unternehmen sie auch nichts. Und die Zahl vor allem der kleineren Arbeitskämpfe steigt. Diese dauern mitunter sehr lange und niemand kann zu Beginn sagen, wie sie ausgehen werden. Wenn bei Amazon ein Streik angekündigt wird, verlagert das Management rasch das Geschäft nach Polen. Trotzdem schwelt der Arbeitskampf weiter. Die Streiks haben also anders als früher eher demonstrativen Charakter.

heute.de: Warum sind die Gewerkschaften nicht durchsetzungsfähiger?

Dörre: Wir haben oft gespaltene Belegschaften - ein Teil ist pro Gewerkschaft, der andere Teil glaubt, keine Interessenvertretung zu brauchen oder hat Angst. Bei Amazon beispielsweise werden über einen Handscanner Leistungsdaten von den Arbeitnehmern generiert. Über die können Leistungsprofile hergestellt werden. Und da ein erheblicher Teil der Beschäftigten befristet beschäftigt ist, kann das Management möglicherweise anhand dieser Profile entscheiden, wen es weiter beschäftigt und wen nicht.

heute.de: Das kennen wir aus den USA. Können deutsche Gewerkschaften von ihren amerikanischen Kollegen lernen?

Dörre: Die Arbeitswelten in Deutschland und in den USA sind noch immer sehr unterschiedlich. Aber inzwischen haben deutsche Arbeitgeber gelernt, wie sie Druck auf Betriebsräte ausüben können. Sie heuern Anwälte an, die den Gewerkschaftern mit Entlassung drohen. US-Gewerkschaften betreiben ihrerseits "Organizing". Das heißt, sie investieren viel Zeit, Geld und Engagement, um in einem Unternehmen Gewerkschaftsarbeit zu organisieren und Mitglieder zu gewinnen. Besonders die IG Metall und ver.di üben sich bereits in solchen Praktiken. Es ist aber noch zu früh, um über Erfolg und Misserfolg hierzulande umfassend Auskunft zu geben.

heute.de: Muss die Politik den Gewerkschaften helfen?

Dörre: Ohne politische Unterstützung wird es nicht gelingen, das erodierende Tarifsystem wieder zu stabilisieren.

Das Interview führte Katharina Sperber

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