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Tag der Architektur - Architekten: Gute Stimmung, schlechte Bezahlung

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Häuser, Brücken und Bürotürme mit dem Bleistift entwerfen - so stellen sich viele die Arbeit eines Architekten vor. Doch wie realistisch ist dieses Bild? Anlässlich des Tags der Architektur lohnt sich ein genauer Blick auf den Berufsstand - und der zeigt einige Schatten.

Zum Tag der Architektur besuchen wir Familien, die ihre eigenen Wohnträume realisiert haben.

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Schon als Schüler wollte Julius Krüger wissen, wie aus Räumen und Materialien Häuser entstehen. Heute hat es der 31-Jährige geschafft: Er arbeitet als Architekt in einem Architekturbüro in Hannover. Krüger findet es spannend, Dinge zu entwerfen, die noch nicht da sind, "zu überlegen, wie die Welt aussehen könnte", sagt er.

Diese Kreativität macht in seinem Beruf aber nur einen kleinen Teil aus. Im Alltag kämen, anders als im Studium, viele Zwänge hinzu: "Man muss unterschiedliche Interessen zusammenbringen: die Wünsche der Bauherren, das Fachwissen der Handwerker und meine eigenen Ideen", erklärt Krüger. Und natürlich spielen auch die Kosten eine wichtige Rolle: Nicht jede Idee ist mit dem gegebenen Budget umzusetzen. Der größte Teil seiner 40-Stunden-Woche verteilt sich auf die Ausführung der Projekte und die Bauleitung. Zwei bis vier Mal pro Woche ist er auf Baustellen unterwegs, um Fortschritte zu überprüfen und Probleme zu lösen.

Architekten so optimistisch wie nie

"Insgesamt ist die wirtschaftliche Lage für deutsche Architekten ziemlich gut", sagt Fabian Rätzer-Scheibe, Referent für Wirtschaftspolitik bei der Bundesarchitektenkammer (BAK). Er verweist auf die Architektenumfrage des ifo-Instituts, die vierteljährlich die Stimmung unter den Architekten erfragt. Demnach waren freischaffende Architekten im ersten Quartal 2017 so optimistisch wie nie. Nur jeder elfte Architekt schätzte seine Lage als "schlecht" ein.

Zurückzuführen ist die Hochstimmung vor allem auf die gute wirtschaftliche Lage des Landes und die niedrigen Zinsen. Durch die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) sind Kredite günstig und Immobilien wieder eine gute Alternative zum Sparkonto. Kurz gesagt: Es wird wieder gebaut und das freut die knapp 130.000 Architekten.

Zu wenig Geld für zu viel Leistung

Einer von ihnen ist Jochen Schraut, der seit zwölf Jahren ein Architekturbüro in Mainz betreibt. Vor allem der Anfang sei schwer gewesen, berichtet Schraut: "Die laufenden Kosten müssen erst einmal reingeholt werden." Zwar kann er sich heute vor Aufträgen kaum retten, aber den Arbeitseinsatz bekomme er nicht bezahlt. "Die Gebührenordnung ist völlig ungenügend", erklärt Schraut. In der sogenannten Gebührenordnung regelt der Staat genau, welche Leistung des Architekten wie viel kostet.

Auch Wolfgang Staubach vom Arbeitgeberverband Selbstständiger Ingenieure und Architekten (ASIA) kritisiert die Gebührenordnung. Die öffentliche Hand sei der größte Auftraggeber für Architekten und würde daher die Kosten drücken, vermutet der Vertreter. Es gebe zwar einige Stararchitekten, die in der Öffentlichkeit ständig präsent seien, doch die Regel sei dies nicht. "Die Masse der Architekten muss kämpfen", sagt Staubach.

Kleine Büros haben es schwer

Das zeigen auch Zahlen der Bundesarchitektenkammer. Zwar erwirtschaftet jeder Inhaber im Schnitt einen Überschuss (Umsatz minus Kosten) von 84.000 Euro pro Jahr, dieser relativ hohe Durchschnitt kommt aber durch wenige sehr gut verdienende Büros zustande. Die meisten Architekten liegen deutlich unter dem Schnitt.

Abhängig sei dies auch von der Größe der Büros, erklärt BAK-Referent Rätzer-Scheibe. So liegt der Überschuss von Einzelunternehmern im Schnitt bei 43.000 Euro, von Betrieben mit mehr als zehn Mitarbeitern bei 261.000 Euro je Inhaber. In mehr als einem Viertel aller Büros bleiben am Jahresende maximal 30.000 Euro je Inhaber übrig. Von diesen müssen sowohl das Jahresgehalt als auch alle Sozialversicherungsbeiträge finanziert werden.

Ein weiteres Problem sei die regionale Verteilung der Architekten, fügt Rätzer-Scheibe hinzu. In Ballungszentren wie Hamburg oder München reichten die Aufträge meist nicht, um allen Architekten ein ausreichendes Einkommen zu sichern.

Freude am Beruf überwiegt

"Reich wird man als Architektin nicht", bestätigt die Frankfurter Architektin Cilia Tovar. Der Beruf mache zwar viel Spaß, sei aber auch anstrengend. Vor allem die Unsicherheit sei manchmal schwer auszuhalten. "Projektverläufe sind nur bedingt planbar", erklärt Tovar. Gerade denke man noch, dass man gut aufgestellt sei - und dann platzten die drei größten Projekte. Nicht zuletzt belastet sie das hohe Haftungsrisiko: "Bei Fehlern ist auch immer der Architekt in der Pflicht." Dieser Druck sei vor allem für ihre jungen Mitarbeiter problematisch.

Gute Stimmung, unzureichende Bezahlung, weniger Kreativität als man denkt - so lässt sich die Lage der meisten deutschen Architekten zusammenfassen. Aber man hört ihnen trotzdem die Leidenschaft für den Beruf an. Architektin Tovar aus Frankfurt bringt es auf den Punkt: "Wenn ein Haus nach langer Zeit endlich fertig ist, kann ich es sehen und anfassen. Das hat man in vielen Berufen so nicht."

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