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Tag der Deutschen Einheit - Uns geht's heute gut, aber ...

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Wo steht Deutschland 27 Jahre nach der Wiedervereinigung und wie soll es mit dem Land weitergehen? Heute.de hat Besucher des Bürgerfestes am Tag der Deutschen Einheit in Mainz befragt. Vor allem die Themen soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit bewegen die Menschen.

27 Jahre deutsche Einheit - das wird in diesem Jahr in Mainz groß gefeiert. Rund eine halbe Million Menschen werden erwartet, Tausende Polizisten sichern die Stadt.

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Fröhliche Musik, Tanz, gutes Essen, Bier und Wein: Zehntausende Menschen feiern heute in Mainz bei schönstem Herbstwetter unter weißblauem Himmel den Tag der Deutschen Einheit. Bei vielen Besuchern des großen Bürgerfests, das ringsum schwerbewaffnete Polizisten sichern, herrscht so etwas wie die große Lebensfreude. "Heute wird gefeiert, was das Zeug hält, uns geht’s wunderbar", ruft eine Dame mit Deutschlandschal.

"Die niedrigen Einkommen müssten kräftig angehoben werden"

Das ist der erste Eindruck. Wer sich mit Besuchern des Festes etwas länger unterhält, hört in Variationen immer wieder diesen Satz: "Uns geht’s heute gut, aber …." Es sind vor allem Themen wie soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit, die Entwicklung der Bildungspolitik und des Arbeitsmarkts, die Menschen bewegen und die ihnen auch Sorgen bereiten.

Da sind zum Beispiel Anette Rückert und Helmut Kraft, ein älteres, freundliches Ehepaar: "Uns geht’s doch sehr gut, aber Deutschland muss aufpassen, dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinander geht", sagt die Hessin. Ihr Mann meint: "Die niedrigen Einkommen müssten kräftig angehoben werden, nicht nur prozentual - fünf Prozent auf 1.000 Euro bringen einem nicht so viel", sagt er. "Für die Leute muss der Staat mehr tun."

Fehlende Kitaplätze und der Frust junger Eltern

Gleiches gelte in der Bildungspolitik: "In die Köpfe der Kinder und jungen Leute müsste noch viel stärker investiert werden", sagt Kraft und zeigt auf einen kleinen Jungen, der im Buggy von seinem Vater geschoben wird. "Das ist doch die Zukunft. Wenn mehr für die Bildung der Kinder getan wird, braucht uns auch nicht bang sein um die Zukunft Deutschlands."

Diese Meinung teilen viele Menschen hier. Sabine und Benjamin Schretter kümmern sich als junges Elternpaar selbst um einen Teil von Deutschlands Zukunft. Auch Sabine Schretter sagt: "Uns Deutschen geht es eigentlich sehr gut, das vergessen wir häufig zu schätzen, aber es liegt auch einiges im Argen." Die junge Mutter und Medizinstudentin spricht zum Beispiel über fehlende Kindergartenplätze: "Wir haben unsere Kleine für einen Platz angemeldet - 150 Plätze gibt es in der städtischen Kita insgesamt, aber gleichzeitig 450 Bewerbungen."

Hoffnung auf eine bessere Familienpolitik

Schretter sieht zwar die staatlichen Investitionen in Kindergärten, meint aber, dass es in der Familienpolitik über viele Jahre große Versäumnisse gegeben habe, die sich nicht binnen weniger Jahre aufholen ließen. "Ich hoffe, dass nach der lähmenden Zeit der Großen Koalition wieder frischer Wind reinkommt in den deutschen Bundestag, und dort mehr für Familien gemacht wird", sagt sie.

Sie lehne die Politik der AfD zwar "vehement ab", so Schretter. "Aber vielleicht schafft es die AfD ja, die anderen Parteien zu einen und zu einer besseren Politik zu bringen." Ihr Ehemann, von Beruf Controller in einem mittelständischen Betrieb, kommt auf das Thema soziale Ungleichheit zu sprechen: "Wenn die Disparität immer weiter zunimmt, dann bekommen wir wirklich ernsthafte Probleme in Deutschland. Wenn sich Menschen über Generationen hinweg abgehängt und chancenlos fühlen, dann entlädt sich der Zorn irgendwann."

"Ich fühle mich von unseren Politikern oft verarscht"

Es gibt nicht wenige Besucher des Bürgerfests zur Deutschen Einheit, die von einem "wir hier unten, die da oben" sprechen und sich darüber beklagen, dass mehr und mehr soziale Ungerechtigkeit in Deutschland herrsche. "Die einen kriegen alles in den Allerwertesten geschoben und wir wissen nicht, wie wir rumkommen sollen", sagt etwa eine Frau aus Sachsen-Anhalt. Sie veranschaulicht ihre Aussagen mit Beispielen ihrer alltäglichen Erfahrungen.

Aus ihr sprechen Frust und Ärger. Sie sagt: "Ich fühle mich von unseren Politikern oft verarscht." Es gibt an diesem Festtag in Mainz mehr Stimmen wie diese. Sie sind wohl persönlicher Ausdruck einer Entwicklung, die auch wissenschaftliche Studien belegen; wie etwa des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das erst zu Beginn dieses Jahres ein weiteres "Auseinandergehen" der Schere zwischen Arm und Reich beobachtet hat.

Faire Chancen? Dann hört "Wessi-Ossi-Gerede" auf

Im Festzelt des Freistaats Thüringen sagt die junge Veranstaltungskauffrau Steffi Jetschke aus Erfurt deshalb auch: "Ich denke, die großen Unterschiede gibt es nicht zwischen West und Ost. Sorgen und wirtschaftliche Probleme haben die Menschen doch in vielen Teilen Deutschlands." Deshalb, so Jetschke, sei die Politik aus ihrer Sicht besonders darin gefordert, für ein deutschlandweit starkes Bildungssystem und faire Arbeitsbedingungen zu sorgen.

"Wenn das gelingt und alle ihre faire Chance bekommen, hört auch das Wessi-Ossi-Gerede auf oder die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen." Warum, so fragt Jetschke, werden die Talente der Zuwanderer nicht stärker genutzt? "Die Betriebe schreien doch verzweifelt nach Auszubildenden. Die Leute müssten über Bildung und Arbeit noch viel stärker integriert werden", sagt die 27-jährige Thüringerin.

Der 33-jährige Architekt Eric Zombre sieht das ähnlich. Auch er besucht an diesem sonnigen Herbsttag die zentrale Feier zur Deutschen Einheit. Seit zehn Jahren lebt der Mann aus Burkina Faso in Deutschland. Er kam als Student, hat inzwischen beruflich Fuß gefasst und eine Familie gegründet.

"Ich schätze an Deutschland die Kraft, aus Problemen Lösungen zu machen. Es gibt nicht nur eine Partei, die alles Sagen hat, sondern viele Kräfte arbeiten zusammen", sagt Zombre. Er schätze Deutschland deshalb als sehr lebendige Demokratie. "Es müsste aber noch viel mehr Initiativen für die Integration von Zuwanderern geben", so Zombre. Er meint: "Sowohl Deutsche als auch Zuwanderer müssen mehr tun für ein gutes Zusammenleben in diesem schönen Land."

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