Sie sind hier:

Tag der Handschrift - "Schüler kommen nicht um Schreiberwerb umhin"

Datum:

Auch wenn heute die halbe Welt nur noch auf Displays tippt oder darüber wischt, wird die Handschrift nicht aussterben, sagt die Graphologin Claudia Caspers und erklärt warum.

Füller liegt auf beschriebenen Papier
Quelle: imago

heute.de: Bei uns werden die meisten Nachrichten heute getippt an Freunde und Familie per Smartphone oder Tablet verschickt. Wird die Handschrift zum Auslaufmodell?

Claudia Caspers
Claudia Caspers arbeitet seit 2003 als freie Graphologin in München.
Quelle: S. Negele

Claudia Caspers: Diese Frage bringt mich zum Schmunzeln. Von Werbemittelvertretern höre ich, dass seit Jahrzehnten der Kugelschreiber Platz eins unter den Werbegeschenken einnimmt. Die Digitalisierung wird die Handschrift nicht zum Auslaufmodell machen. Ich nehme eine andere Entwicklung wahr: Wie bei Erfindung der Handschrift bleibt auch heute Schreiben und Lesen - ob handschriftlich oder digital - zunehmend nur noch bestimmten Gesellschaftsschichten vorbehalten. In Deutschland wächst die Zahl der Analphabeten. Es gibt viele Faktoren, die das Ende, aber auch den Fortbestand der Handschrift beeinflussen.

heute.de: Welche Vorteile hat Handgeschriebenes gegenüber dem Getippten?

Caspers: Ich nenne drei Vorteile stellvertretend für viele. Erstens Konzentration: Schreiben von Hand bremst aus und hilft damit, sich besser zu konzentrieren. Beim digitalen Schreiben liegt mehr Fokus auf der Technik. Zweitens Verfügbarkeit: Analoges Gerät wie Stift und Papier ist praktisch immer verfügbar, braucht keinen Strom, keinen Akku und kann nicht ausfallen. Drittens Unterscheidungsmerkmal: Notizbücher sind modern und hip - die Avantgarde ist quasi schon in der Post-Smartphone-Ära angekommen, in der man auffällt, wenn man Stift und Papier benutzt. Und es gibt Menschen, die aufgrund mangelnder finanzieller Möglichkeiten an den neuesten technischen Entwicklungen gar nicht oder gar nicht mehr teilnehmen können.

heute.de: Aber digital verfasste Texte sind dank diverser Rechtschreibprogramme häufig weniger fehlerhaft als handschriftlich verfasste Texte.

Caspers: Wenn ich nicht in der Lage bin, ein handschriftliches Konzept oder eine handschriftliche Notiz zu verfassen, weil es mir an Rechtschreibkenntnis und damit an Sprachkenntnis allgemein mangelt, werde ich auch nicht in der Lage sein, einen Computer, der ein Rechtschreibprogramm bereitstellt, sinnvoll einzusetzen.

heute.de: Nach Berichten von Lehrern haben rund die Hälfte der Jungen und ein Drittel der Mädchen Schwierigkeiten, im Verlauf des Schriftspracherwerbs in der Grundschule eine gut lesbare, flüssige Handschrift zu erlernen. Woran liegt das?

Lateinische Ausgangsschrift
Lateinische Ausgangsschrift
Quelle: pr

Caspers: Als "Schriftkatastrophe" bezeichnet die Lehrerin und Autorin Maria-Anna Schulze Brüning das Schreibenlernen in Deutschland. Die Symptome sind: unleserliche Handschriften, Unvermögen der Größenkontrolle in den drei Ebenen Mittelband, Ober- und Unterlängen, Missachtung von Abständen zwischen Buchstaben, Worten und Zeilen. Sie führt das zurück auf einen in die Krise geratenen Schreibunterricht und die Tücken der Druckschrift sowie der Vereinfachten Ausgangsschrift, die die Lateinische Ausgangsschrift ersetzte.

Vereinfachte Ausgangsschrift
Vereinfachte Ausgangsschrift
Quelle: pr

Bei der Vereinfachten Ausgangsschrift wurde die Schreibweise der Buchstaben vereinfacht und den Druckbuchstaben stark angenähert. All diese Änderungen wurden ohne seriöse Tests und fundierte wissenschaftliche Untersuchungen vorgenommen. Das Resultat ist die entgleiste, unleserliche Handschrift, die laut Schulze Brüning in den Grundschulen nie so sehr aufgefallen ist wie in den weiterführenden Schulen. 

heute.de: Lehrer sagen, das Erlernen der Schreibschrift nähme zu viel Zeit in Anspruch. Diese könne für andere Fächer sinnvoller eingesetzt werden.

Caspers: Auch wenn ein Kind im Verlauf seines Lebens möglicherweise mehr mit einer Tastatur oder einem Touchscreen zu tun haben und weniger von Hand schreiben wird, so werden Schülerinnen und Schüler dennoch nicht um den traditionellen Schreiberwerb umhin kommen. Denn nur so werden sie die vielfältigen und nützlichen Früchte in Bezug auf Denk- und Ich-Sinn ernten zu können. Studien zeigen, dass Lesen wie inneres Schreiben funktioniert und die Bedeutung eines Zeichens immer auch an den zugehörigen Handbewegungen erkannt wird. Experten nennen dies "kinästhetische Erleichterung". Wir schreiben ein Wort oder zeichnen es mit den Fingern nach, um uns daran zu erinnern.

heute.de: Bleibt mit der Hand Geschriebenes also besser im Gedächtnis verankert als Getipptes?

Caspers: Der Schreibmotorik-Experte Christian Marquart sagt, Schreiben mit der Hand fördere die Erinnerungsleistung der geschriebenen Inhalte und erhöht die Vorstellungskraft dessen, worüber man schreibt. Somit sei auch die kreative Leistung höher. Das Schreiben auf Papier aktiviere das Gehirn ganzheitlicher als das Tippen auf dem Handy, Tablet oder PC.

Das Interview führte Katharina Sperber.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.