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Tag der indigenen Völker - Ein Heiler auf Europa-Tournee

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Txana Ixa ist auf einer Art Werbetour. Er ist Mitglied der Huni Kuin, einem indigenen Volk aus dem brasilianischen Regenwald. Ihre Existenz ist durch giftige Bergbau-Abwässer bedroht - dagegen kämpft der Dorf-Heiler Txana Ixa nun auf einer Europa-Tournee. Inklusive "Reinigung und Heilung".

Bei einer Protestaktion von mehreren Tausend Ureinwohnern ist es in der brasilianischen Hauptstadt Brasilia zu Zusammenstößen mit der Polizei gekommen.

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Txana Ixa kommt aus einer Welt ohne Straßen, Schienen und Stromtrassen. Der Heiler vom indigenen Volk der Huni Kuin hat einen langen Weg hinter sich: von seinem Dorf Altamira tief im brasilianischen Regenwald hierher zum Mainzer Hauptbahnhof, einer Station seiner Tour durch Europa, die der 48-Jährige unternimmt, um seine bedrohte Gemeinschaft zu schützen.

"Wenn wir den Fisch essen, werden wir krank"

Der Brasilianer hat seine Hängematte in einem Konferenzraum aufgehängt und schaut hinaus auf ein Dutzend Schienenstränge und vorbeifahrende Züge. "Schlangen aus Stahl", hat ihm einer seiner Gastgeber im Scherz gesagt. Ixa lächelt mit Blick auf die Stadt. "Es gibt hier so viel Stahl und Stein. Die Natur wirkt zerstört. Trotzdem ist Leben möglich. Das ist sehr anders als daheim."

Daheim, etwa 10.000 Kilometer entfernt, leben die Huni Kuin von Früchten und Tieren des Waldes und von Fischen des Jordao-Flusses, erzählt Txana Ixa - und ist beim Grund seiner Reise angelangt. Denn der Fluss wird vergiftet durch giftige Bergbau-Abwässer. "Wenn wir den Fisch essen, werden wir krank. Am schlimmsten leiden die Kinder, neun von ihnen sind gestorben."

Giftiges Trinkwasser bringt die Kinder um

Neun tote Kinder in einem Jahr, in einem Dorf, das nicht einmal 150 Menschen zählt. Eine Katastrophe. Als Ixa sah, wie die Kräfte seiner traditionellen Heilpflanzen bei den Kindern versagten, habe er den Entschluss gefasst, Hilfe von außen zu suchen. Denn staatliche Hilfe blieb den Huni Kuin bislang versagt. Der Heiler zuckt mit den Schultern: "Es gibt enge Kontakte zwischen den Minenbetreibern und der Politik." Die gesamte Stammesgemeinschaft der Huni Kuin, die in Brasilien und Peru etwa 10.000 Menschen umfasst, hat keine starke politische Lobby.

Eine andere Umweltkatastrophe in Brasilien, die vor fast zwei Jahren international Schlagzeilen machte, verdeutlicht das Problem: Damals, im November 2015, ergossen sich mehrere Milliarden Liter Giftschlamm aus einem Bergwerk in den Rio Doce, den süßen Fluss, der so auf Hunderten Kilometern zerstört wurde. 19 Menschen starben damals, bis heute sind weite Landstriche unbewohnbar, die Fischerei bleibt verboten. Opfer müssen hart um Entschädigung kämpfen, die Verantwortlichen der Katastrophe sind noch nicht zur Rechenschaft gezogen.

Survival: Brasilianischer Staat lässt Indigene Völker zunehmend im Stich

Generell berichtet die Organisation Survival International, die sich für die Rechte indigener Völker einsetzt, von bedrohlichen Rückschritten in Brasilien. "Präsident Temer schnürt der Indigenen-Behörde FUNAI mit Budgetkürzungen dermaßen die Luft zum Atmen ab, dass die Behörde ihre Arbeit nicht mehr machen kann, während neue Gesetze zu Gunsten von Soja-Baronen und Großgrundbesitzern das Überleben indigener Völker in einer Art bedrohen, die es so schlimm seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat", berichtet Fabian Wagner vom Berliner Büro der Organisation.

Während Survival auch an die internationale Politik appelliert, die Rechte indigener Völker stärker zu schützen, versucht es Txana Ixa mit einer Art Hilfe zur Selbsthilfe, unterstützt durch einen internationalen Freundeskreis der Huni Kuin, der von Jahr zu Jahr wächst. Der Grund: Der Stamm will zwar autark leben, verschließt sich aber nicht nach außen.

Europäische Unterstützerszene für Indigene Völker

Wie Heiler anderer indigener Stämme nehmen auch jene der Huni Kuin teil an europäischen Musik- und Tanzfestivals wie etwa dem "Boom-Festival" in Portugal, zu denen Zehntausende Menschen strömen. Auch bei Festivals wie dem "Solaris" in Norwegen, "Living Village" in den Niederlanden oder "Ozora" in Ungarn spielen Themen wie ökologische Nachhaltigkeit, Naturheilkunde und Schamanismus eine bedeutende Rolle.

Menschen, die auf solchen Festivals mit der indigenen Kultur in Kontakt kommen, wollen nicht selten tiefer eintauchen. Die Huni Kuin bieten ihnen diese Möglichkeit: So dürfen jedes Jahr Gäste aus der ganzen Welt bei ihrem traditionellen Tauffest im brasilianischen Regenwald teilnehmen.

Zeugen berichten von Kraft indigener Naturheilkunde

Sie können dabei "ihren Geist mit dem Geist des Waldes verbinden", sagen die Huni Kuin. Ein fauler Zauber? Teilnehmer bestreiten das vehement und berichten dagegen begeistert von ihren Erlebnissen. Der Finne Adam Aatami etwa sagt heute.de: "Ich war dort Zeuge vieler Heilungen." Der Niederländer Wiggert Meerman berichtet: "Meine Zeit bei den Huni Kuin hat mein Leben stark und positiv verändert."
Es bleibt nicht bei warmen Worten: Aatami, Meerman und andere "Hüter" der Indigenen haben Txana Ixa seine Reise quer durch Europa organisiert. Es gehe vor allem darum, eine "liebevolle und bewusst lebende Gemeinschaft zu schützen", sagt Meerman. Aatami ergänzt: "Die Huni Kuin sind bereit, ihre Geheimnisse und Weisheit mit uns teilen – wir wissen das zu schätzen."

150 Euro pro Zeremoniennacht - für den guten Zweck

Tatsächlich kommt Txana Ixa nicht mit leeren Händen. Der Deal geht so: In seinen Zeremonien öffnet er zehn bis 30 Frauen und Männern den Weg zu ihrem Unterbewusstsein. Er bereitet Kräutertees zu, singt meditative Lieder. Ganze Nächte hindurch. Teilnehmer zahlen 150 Euro pro Nacht. Mit dem Geld wollen sie in Ixas Heimatdorf eine Anlage ausbauen, mit der die Huni Kuin Regenwasser auffangen, um Trinkwasser zu gewinnen. "Sauberes Wasser ist Leben. Haben wir genug davon, können wir in unserem Dorf bleiben", so der Brasilianer.

Das ist das oberste Ziel: ein selbstbestimmtes Leben weiterführen. Um das zu erreichen, wollen die Huni Kuin von Altamira und ihre Helfer außerdem eine Solarenergieanlage aufbauen. "Für Licht im Dorf, aber auch für ein Satellitentelefon", sagt Ixa lachend. "Für den Kontakt zu den Freunden draußen."

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